21. Januar 2020

Schwangerenberatung

Menschenrecht Verhütung

Familienplanung ist ein Menschenrecht. Doch viele Frauen in Deutschland können sich Pille oder Spirale nicht leisten. In ihrer Not wenden sie sich regelmäßig an die Schwangerenberatungsstellen in der Diakonie RWL. In Düren hat Kerstin Carbow lange mit Spendengeldern geholfen. Jetzt gibt es einen kommunalen Fonds. Nötig wäre die kostenfreie Vergabe von Verhütungsmitteln für alle Geringverdienerinnen – und zwar landes- und bundesweit.

  • Kerstin Carbow von der Schwangerenberatungsstelle Düren in der Diakonie RWL mit ihrem Verhütungskoffer
  • Verhütungskoffer der Schwangerenberatungsstelle Düren in der Diakonie RWL
  • Verhütungsmittel der Schwangerenberatungsstelle Düren in der Diakonie RWL
  • Anschauungsmaterial Uterus der Schwangerenberatungsstelle Düren in der Diakonie RWL
  • Kerstin Carbow und Gabriele Borchers von der Schwangerenberatungsstelle Düren in der Diakonie RWL

Schwangerschaft und Verhütung – Für Kerstin Carbow hängt das unmittelbar zusammen. In den Räumen der Schwangerenberatungsstelle der Evangelischen Gemeinde zu Düren, die sie leitet, sind deshalb nicht nur Frauen mit dickem Bauch zu sehen. In ihrem Büro gibt es einen Koffer mit Verhütungsmitteln. Buntes Anschauungsmaterial aus Stoff erklärt den weiblichen Körper. 

 "Jede Frau sollte frei entscheiden können, ob und wann sie eine Familie gründen möchte", betont Kerstin Carbow. "Dazu muss sie wissen, wie Verhütung funktioniert und welche Methoden für sie in Frage kommen." Doch sichere Verhütung kostet. Und die können sich viele Frauen nicht leisten. Immer wieder hat die Sozialpädagogin Klientinnen vor sich sitzen, die sie verzweifelt um Hilfe bei der Finanzierung einer Spirale oder Sterilisation bitten. "Ich finde das unglaublich", sagt sie. "Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Familienplanung ist schließlich ein Menschenrecht."

Verhütungsmittel der Schwangerenberatungsstelle Düren in der Diakonie RWL

Kondom, Diaphragma oder Spirale? Frauen, die wenig Geld haben, entscheiden sich meist für die billigsten Verhütungsmittel.

Verhütung – eine Frage des Geldes

Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten verschreibungspflichtige Verhütungsmittel nur bei Frauen bis zum vollendeten  22. Lebensjahr. Danach muss jede Frau die Anti-Baby-Pille oder Spirale selbst bezahlen. Die günstigste Pille kostet auf den Monat gerechnet etwa 12 Euro. Eine Spirale, die drei bis fünf Jahre hält, liegt bei rund 400 Euro. Bis 2004 wurden die Kosten für ärztlich verordnete Mittel noch von den Sozialämtern übernommen.

Heute sind sie für Hartz-IV-Bezieherinnen im Regelsatz enthalten. Er liegt bei 17 Euro monatlich für die gesamte Gesundheitspflege, inklusive Kopfschmerztabletten, Hustensaft, Tampons oder Binden. "Wenn die Stromrechnung noch nicht bezahlt ist und am Ende des Monats kein Geld für ein Mittagessen übrig ist, liegt die Priorität nicht mehr auf den Verhütungsmitteln", erzählt Kerstin Carbow. "Also wird entweder gar nicht oder mit billigen Kondomen verhütet und damit eine ungewollte Schwangerschaft riskiert."

Ein Kinderwagen weist den Weg zur Schwangerenberatungsstelle Düren in der Diakonie RWL

Ein Kinderwagen weist den Weg zur Schwangerenberatungsstelle Düren.  

Je ärmer, desto mehr ungewollte Schwangerschaften

Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegt, dass die Zahl der ungewollten Schwangerschaften bei Frauen, die Sozialleistungen erhalten, dreimal höher ist als bei Frauen, die gut verdienen. Auch das bundesweite Modellprojekt "biko" bestätigt, dass sichere Verhütung eine Frage des Geldes ist. 

Über einen Zeitraum von drei Jahren wurden in sieben Städten die Kosten für verschreibungspflichtige Verhütungsmittel für Frauen mit geringem Einkommen übernommen. Jede zweite Frau gab in der Evaluations-Befragung an, sie würde ohne die finanzielle Unterstützung durch das Projekt entweder gar nicht oder mit einer deutlich unsicheren Methode verhüten.

Diakonie RWL-Referentin Heike Buschmann (rechts) mit Gabriele Borchers (Mitte) und Kerstin Carbow von der Schwangerenberatungsstelle Düren

Diakonie RWL-Referentin Heike Buschmann (rechts) mit Gabriele Borchers (Mitte) und Kerstin Carbow 

Kostenlose Verhütung für Geringverdienende

"Schon lange fordern wir als Diakonie bundesweit einen Zugang zu kostenfreien Verhütungsmitteln für Familien mit geringem Einkommen", erklärt Heike Buschmann, die bei der Diakonie RWL für 50 evangelische Schwangerenberatungsstellen zuständig ist. Mit den Ergebnissen des "biko"-Projekts, noch einmal Bewegung in die Diskussion gekommen. Zwar habe der Bundestag noch im Februar 2019 entsprechende Anträge der Grünen und Linken mit großer Mehrheit abgelehnt. "Doch das Thema ist damit keineswegs vom Tisch. Immer mehr Kommunen sehen den Bedarf und richten Verhütungsmittelfonds ein."

Allerdings seien die Bedingungen, wer wann wieviel Geld daraus erhalte, je nach Kommune verschieden. "Die Kostenübernahme ist schon in NRW der reinste Flickenteppich. Bundesweit sind die Unterschiede groß. Wir bezeichnen die Situation als Postzahlenlotterie. Eine einheitliche, verlässliche Regelung ist wünschenswert und notwendig", betont Heike Buschmann.

Antrag für den Verhütungsmittelfonds der Stadt Düren

Frauen mit geringem Einkommen können in Düren einen Antrag auf Kostenübernahme ihres Verhütungsmittels stellen.

Fonds statt Spende

Auch Düren mit seinen 90.000 Einwohnerinnen und Einwohnern hat seit September vergangenen Jahres einen Verhütungsmittelfonds. "Wir haben gemeinsam mit den anderen Schwangerenberatungsstellen die Dringlichkeit klar gemacht, damit wir Verhütungsmittel nicht mehr in Notfällen aus Spenden finanzieren müssen, sondern Frauen mit geringem Einkommen dafür Geld bei der Kommune beantragen können", berichtet Gabriele Borchers. Sie leitet die psychologische Beratung bei der Evangelischen Gemeinde Düren, zu der auch die Schwangerenberatungsstelle gehört.

15.000 Euro enthält der Fonds. Bereits drei Monate, nachdem er eingerichtet wurde, war das Geld vergeben. Sieben Frauen stünden schon auf der Warteliste für 2020, erzählt Kerstin Carbow. "Es wäre schön, wenn wir in diesem Jahr mehr Geld zur Verfügung hätten. Aber es ist immerhin ein Anfang. Niemand muss mir hier ein Drama erzählen, damit wir einen Grund haben, ein Verhütungsmittel zu finanzieren."

Kerstin Carbow von der Schwangerenberatungsstelle Düren in der Diakonie RWL vor einem Poster mit einer schwangeren Frau

Die Zukunft planen mit oder ohne Kind? Kerstin Carbow unterstützt bei der Entscheidung.

Den Kopf frei für die Zukunft

Unter einer bestimmten Gehaltsgrenze besteht Anspruch auf Übernahme von 90 Prozent der Kosten für Langzeitverhütungsmittel wie eine Spirale oder für eine Sterilisation. Den Antrag füllen die Frauen in Kerstin Carbows Büro aus und legen einen Kostenvoranschlag vor. Mit der Bescheinigung der Kostenübernahme suchen sie ihren Frauenarzt auf. Auf Rechnung werden dann die Kosten direkt von der Schwangerenberatungsstelle überwiesen. "Es ist eine unglaubliche Erleichterung für die Frauen, wenn sie keine Angst mehr vor einer ungewollten Schwangerschaft haben müssen. Dann ist der Kopf wieder frei für andere Themen wie Ausbildung, Job, Erziehung oder Wohnung."

Die Sozialpädagogin denkt dabei eine junge Mutter, die ein Kind erwartete und von ihrem Partner verlassen wurde. Ihren schlecht bezahlten Job kann sie mit Kind nicht mehr ausüben. Also musste sie nach der Elternzeit Hartz IV beantragen. "Sie will da unbedingt wieder raus und eine Ausbildung machen. Doch das geht nur, wenn sie in den kommenden drei Jahren nicht schwanger wird. Dafür haben wir jetzt gesorgt."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Buschmann
Referent/in

Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung

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