15. Juli 2020

Landwirtschaftliche Familienberatung

Härte des Landlebens

Weinberge, Felder, Natur und blauer Himmel. Auf dem Land zu leben und arbeiten, erscheint vielen Menschen idyllisch. Doch Bäuerin oder Winzer und ihre Familien führen oft ein hartes Leben, das von Existenzängsten und Konflikten zwischen den Generationen geprägt ist. Das Diakonische Werk in Trier hilft ihnen mit einer "landwirtschaftlichen Familienberatung".

Ein Leben lang haben sie Saison für Saison Rebstöcke gehegt, um einen guten Tropfen Wein herzustellen. Oder 365 Tage im Jahr ohne Urlaub 80 Kühe gemolken. Als Bauern oder Bäuerin kämpfen sie mit Milchpreisdumping, als Winzer gegen Billigwein und Reblaus. Egal, ob sie Felder oder Weinberge bewirtschaften, Landwirte blicken immer häufiger auf dürre Böden durch den Klimawandel.

Der Betrieb ist klein und wirft immer weniger ab. Die Probleme auf dem eigenen Hof sind allgegenwärtig. Der Körper ist hoch belastet. Urlaub ist nicht in Sicht, denn Tiere und Land müssen versorgt werden. In der Familie spricht man nicht über die eigenen Sorgen. Das kann belasten. An wen wenden sich diese Familien?

Familien auf dem Lande wenden sich nicht an die Beratungen in der Stadt.

Carsten Stumpenhorst ist "Vorsitzender des Kuratoriums der Landwirtschaftlichen Familienberatung".

Die Vergessenen

"Die Landwirte in Rheinland-Pfalz sind ein Klientel, das oft vergessen wird", sagt Carsten Stumpenhorst, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach und "Vorsitzender des Kuratoriums der Landwirtschaftlichen Familienberatung".

Die Familien der Landwirte wenden sich nicht an normale Beratungsstellen, wie sie in der Stadt zu finden sind, wenn es ihnen schlecht geht und sie Hilfe brauchen. Für sie gibt es daher die Landwirtschaftliche Familienberatung der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Bistums Trier, deren Geschäftsstelle seit 2013 beim Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach angesiedelt ist.

Gute Traubenernte, neu etikettiert -  Wenn der Hofnachfolger dem Wein andere Namen gibt, führt das nicht selten zu Konflikten in der Winzerfamilie. 

Wenn der Nachkömmling einiges anders macht

Die drei häufigsten Probleme, bei denen sechs ehrenamtliche Berater/innen helfen, sind: die Frage der Hofnachfolge, der Generationenkonflikt und Existenzängste. 

Ist ein Nachfolger für Hof oder Weingut gefunden, zum Beispiel aus der eigenen Familie, dann kann es zwischen dem alten Winzer und dem Nachkömmling, ob Sohn, Tochter, Schwiegersohn oder Schwiegertochter, unterschiedliche Auffassungen geben, wie der Betrieb weitergeführt wird. "Der Schwiegersohn gibt den Weinen neue Namen und bedruckt die Flaschen mit neuen Etiketten. Das kann zu Konflikten führen", sagt Stumpenhorst. "Besonders dann, wenn der alte Winzer und der neue zusammen auf dem Gut leben und der Nachkömmling auf dem Hof einiges anders macht." 

Läuft der Betrieb schlecht, ist er veraltet und schafft den Sprung zur Modernisierung nicht, zum Beispiel eine Spezialisierung zum Biohof, dann kommen Existenzängste auf. Die Ängste verbinden sich direkt mit dem Familiensystem. "Oft geht die Frau noch anderswo arbeiten und fehlt dann auf dem Hof", sagt Stumpenhorst, "was dann zu neuen Konflikten führen kann."  

Wird ein Betrieb vorzeitig aufgegeben, finden die Frauen durch ihre Verwaltungskenntnisse schneller einen neuen Job als die Männer.

Kein Nachfolger in Sicht

Ist kein Nachfolger in Sicht oder der Betrieb zu klein, um zu überleben, wird das Land meist an einen anderen Betrieb  verkauft, der sich so wiederum vergrößern kann. Doch was wird dann aus den Landfamilien? "Die Frauen finden, wenn es gut klappt, schnell eine Beschäftigung im Verwaltungsbereich, weil sie vorher auf dem Hof diese Tätigkeit oft übernommen haben", berichtet Stumpenhorst. "Für die Landwirte selber ist das schwierig." Viele ältere Landwirte landen in der Arbeitslosigkeit. Die jüngeren steigen auf eine andere Ausbildung um. 

"Oft erkennen die Berater die Konflikte und Probleme der Landfamilien und haben die typische Clearing-Aufgabe", sagt Stumpenhorst. "Wir leisten dann Hilfe zur Selbsthilfe und vermitteln an Ehefamilienberatungsstellen, Psychologen, Sozialarbeiter oder die Schuldnerberatung. Geht es tiefer in eine ökonomische Beratung, verweisen wir auch an spezialisierte Stellen der Landwirtschaftskammer oder des Bauern- und Winzerverbandes."

Wer sind die ehrenamtlichen Berater und Beraterinnen?

Das Team der landwirtschaftlichen Familienberatung besteht aus drei Mitarbeitenden im Ruhestand, einer Studentin und zwei weiteren Frauen im Alter von 20 bis 65 Jahren. "Wir legen bei den ehrenamtlichen Beratern Wert darauf, dass sie einen landwirtschaftlichen Bezug haben und die Probleme und Ängste der Landwirtfamilien verstehen können", erklärt Stumpenhorst. "Ein Berater bei uns hat zum Beispiel selbst einen Hof, ein anderer hat lange bei der Kreisverwaltung im Agrarbereich gearbeitet, eine Beraterin hat einen Reiterhof, und einer baut selber Gemüse an." Stumpenhorst selbst kümmert sich um Landesanträge, Projektkonzeption, Administration und Hygienevorschriften in Zeiten von Corona. 

Das Sorgentelefon ist montags und mittwochs, jeweils von 9.00 - 12.00 Uhr und 13.30 - 15:30 Uhr, oder nach individueller Terminvereinbarung, erreichbar.

Wie kann ich mich beraten lassen?

Wer Hilfe sucht, kann sich an das Sorgentelefon (0651/9484102) wenden und landet bei Harald Klein vom Bistum Trier. Er kümmert sich um das operative Geschäft: Klein ist für die Gesamtkoordination der ehrenamtlichen Berater zuständig. Am Anfang beschreiben die Landwirtfamilien ihre Probleme, es wird ein Erstaufnahmebogen ausgefüllt und dann kann die Beratung starten. In Supervisionsrunden tauscht sich das Team aus, um untereinander mit den Problemen und Erlebnissen der Familien, mit denen sie in ihrer Beratung konfrontiert sind, umzugehen.


Text: Christoph Bürgener, Fotos: Diakonisches Werk der Evangelischen Kirchenkreise Trier und Simmern-Trarbach, pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Christoph Bürgener

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, Social Media

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Das Team aus sechs ehrenamtlichen Berater und Beraterinnen hat 2019 125 Beratungen im Gebiet um Eifel, Mosel, Hunsrück, Mittelrhein und Saarland durchgeführt. Beratungsanlässe waren: Finanzielle Sorgen, Betriebsentwicklung, Generationenkonflikt, Krankheit, Hofübergabe, Arbeitsüberlastung, Partnerschaftskonflikt, Psychische Probleme und Pflegebedürftigkeit. 19 Beratungsfälle wurden abgeschlossen, 16 Neuanfragen kamen hinzu und 39 Fälle wurden aus dem Vorjahr übernommen. 

Die landwirtschaftliche Familienberatung hat für Familien aus Landwirtschaft und Weinbau ein Sorgentelefon, anonym und kostenfrei: 0800/5465500. Ansprechpartner ist Harald Klein, Jesuitenstraße 13, Trier, Telefon 0651/9484102, E-Mail: lfb-hilft@bistum-trier.de