15. November 2021

Konflikttberatung

Mit der Frau, nicht gegen sie

Seit 150 Jahren regelt § 218 das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen. Fester Bestandteil ist heute die sogenannte Pflichtberatung, die auch die evangelischen Schwangerenberatungsstellen anbieten. Eine anspruchsvolle Aufgabe, denn sie sollen dabei Selbstbestimmung und Lebensschutz berücksichtigen. Was das in der Praxis bedeutet, diskutieren Beraterinnen jetzt in einer Onlineveranstaltung.

  • Frau sitzt mit Schwangerschaftstest auf dem Sofa. Sie wirkt verzweifelt

Seit 23 Jahren arbeitet Sabine Boeger in der evangelischen Schwangerenberatung des Diakonischen Werkes in Mülheim. Die Frauen kommen mit vielen Fragen, die sich meist um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ihre Partnerschaft oder staatliche Leistungen drehen. Doch bei gut zwanzig Prozent geht es um mehr, nämlich um die Entscheidung, ob sie Mutter werden oder nicht.

"Viele von ihnen befinden sich in einer für sie ausweglosen Situation", erzählt Sabine Boeger. Häufig fehle die Unterstützung durch Partner und Familie, die finanzielle Lage sei prekär oder die Schwangerschaft platze mitten in die Ausbildung. Der Beraterin begegnen auch immer wieder andere dramatische Fälle, die die Geburt eines Kindes unmöglich erscheinen lassen. Das sei etwa der Fall bei einer an Hepatitis C erkrankten Schwangeren gewesen, die nicht wusste, wie lange sie noch leben würde.

Viele Debatten um § 218

Im vergangenen Jahr haben die Beratungsstellen in NRW über 33.000 der sogenannten Konfliktberatungen durchgeführt. In den evangelischen Beratungsstellen waren es 3.816. Sabine Boeger und ihre Kolleginnen haben etwa 100 der Frauen beraten. Manche kommen, weil sie selbst eine Schwangerschaftskonfliktberatung wünschen. Doch für den Großteil der Klientinnen ist der Besuch in der Beratungsstelle ein Pflichttermin, den das Gesetz als Voraussetzung für einen Abbruch vorschreibt. Nach dem Beratungsgespräch erhält die Schwangere den schriftlichen Nachweis, den sie für eine Abtreibung vorweisen muss.

Sabine Boeger von der evangelischen Schwangerenberatung des Diakonischen Werkes in Mülheim

Helfen, den persönlichen Weg zu finden: Sabine Boeger von der evangelischen Schwangerenberatung des Diakonischen Werkes in Mülheim berät Frauen.

Die Regelung der Pflichtberatung gibt es seit den neunziger Jahren: Abtreibungen sind in den ersten zwölf Wochen erlaubt, wenn die Frau sich im Sinne des "Lebensschutzes" beraten lässt. Um den § 218, der in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden ist, hat es schon immer Debatten und Kämpfe gegeben. Der Forderung nach einer Abschaffung des Paragrafen, der Fristenlösung und Pflichtberatung stehen Forderungen nach einem stärkeren Schutz des Fötus gegenüber.

Diakonie RWL-Referentin Heike Buschmann

"Ergebnisoffene" Gespräche in einer Pflichtberatung zu führen, sei sehr anspruchsvoll, betont Diakonie RWL-Referentin Heike Buschmann.

Gefragt: Fingerspitzengefühl

In diesem Spannungsfeld zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Frau und dem Lebensschutz finden die Gespräche statt. Zumal der Gesetzgeber beides im Beratungsprozess berücksichtigt haben möchte. Das verlangt von den Beraterinnen viel Fingerspitzengefühl, betont Diakonie RWL-Referentin Heike Buschmann, die für die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung des Wohlfahrtsverbands zuständig ist.

Wie können die Beraterinnen unter diesen Voraussetzungen "ergebnisoffen" beraten? Und wie kann es gelingen, dass die Frauen, die nicht freiwillig kommen, das Beratungsgespräch dennoch als hilfreich und vertrauensvoll erleben? Genau darüber soll es am 18. November in der Onlineveranstaltung "Mit der Frau, nicht gegen sie" einen Austausch geben.

Sabine Boeger wird auch dabei sein. Für sie ist die Rolle als Beraterin zweischneidig. Die Frau wisse einerseits, dass sie am Ende des Gesprächs von ihr als Beraterin den für einen Abbruch notwendigen Schein bekomme. "Aber sie weiß auch: Ich vertrete ein christliches Menschenbild." Und das bedeute, dass es für sie von Beginn der Schwangerschaft an um ein Menschenleben gehe, sagt Sabine Boeger.

Eine Frau, umgeben von Paragrafen, schlägt die Hände verzweifelt vor ihr Gesicht.

Die Frau bei einer Entscheidung zu begleiten, mit der sie gut weiterleben kann, darum geht es in der Schwangerschaftskonfliktberatung.

Die Schwangere steht im Mittelpunkt

Dennoch stehe im Beratungsgespräch erst einmal nur die Schwangere mit ihrer persönlichen Situation im Mittelpunkt, betont Buschmann. Denn es gebe schließlich keine Schwangerschaft ohne die Frau. "Mit der Frau, nicht gegen sie. Das ist das Credo, um das es auch beim Schutz des ungeborenen Lebens geht."

Wenn die Schwangere die Entscheidung für einen Abbruch noch einmal überdenkt, dann sei das für sie und auch für das ungeborene Leben gut. Doch ganz gleich, welche Entscheidung sie am Ende treffe: Es gehe in der Beratung darum, ihr die Möglichkeit zu geben, alles gut zu durchdenken und hinter ihrem Beschluss stehen zu können. "Kern unserer Beratungsarbeit ist, die Frau bei einer Entscheidung zu begleiten, mit der sie gut weiterleben kann."

Verhütungsmittel einer evangelischen Schwangerenberatungsstelle

In der Beratung wird auch das Thema Verhütung angesprochen, damit die Frauen nicht noch einmal in einen Schwangerschaftskonlikt geraten. 

Das Gespräch als Chance

Ziel sei es, das Gespräch zu einer Chance für die Frau zu machen, ihren ganz persönlichen Weg zu finden, ergänzt Sabine Boeger. In ihrer 23-jährigen Berufspraxis habe sie es nur dreimal erlebt, dass Frauen überhaupt nicht über ihre Situation reden wollten. Viele seien sogar dankbar, wenn sie inmitten der Turbulenzen, die die Nachricht ihrer Schwangerschaft auslöst, einmal in Ruhe darüber sprechen könnten. Dabei schneiden die Beraterinnen häufig auch das Thema Verhütung an, damit es nicht zu weiteren ungewollten Schwangerschaften kommt.

Genaue Rückmeldungen über die Entscheidungen der Frauen nach einer Schwangerschaftskonfliktberatung gibt es nicht häufig. Es sei denn, sie entscheiden sich doch für das Kind und nehmen die Unterstützung der Beraterinnen noch einmal in Anspruch. Denn auch dafür seien sie da, betont Sabine Boeger und erzählt von einer Förderschülerin, die sehr mit sich gerungen habe, ob sie ihr Kind bekommen solle. "Mittlerweile hat sie eine Ausbildung absolviert und lebt mit dem Kind und dem Kindsvater in einer eigenen Wohnung."

Text: Claudia Rometsch/Redaktion: Sabine Damaschke, Fotos: Shutterstock, pixabay, Carls, Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Buschmann
Referent/in
Geschäftsfeld Familie und junge Menschen
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Onlineveranstaltung
Die Onlineveranstaltung "Mit der Frau, nicht gegen sie" findet am 18. November von 17 bis 18.30 Uhr statt. Anmeldungen für das kostenfreie Web-Seminar unter diesem Link. Eingeladen sind die Mitarbeitenden der 56 Evangelischen Schwangerenberatungsstellen in der Diakonie RWL, aus den Kirchengemeinden und alle am Thema Interessierten.

Neben den Beraterinnen, die Einblick in ihre Arbeit geben, kommt unter anderem auch die Rektorin der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Professorin Sigrid Graumann zu Wort, die Mitglied im Deutschen Ethikrat ist und sich dort intensiv mit dem § 218 beschäftigt hat.