8. März 2022

Internationaler Frauentag

Kinder, Karriere, Corona-Koller

Um Homeschooling, Haushalt und Job zu schaffen, sind viele Frauen in den letzten zwei Jahren über ihre Kräfte gegangen. Erschöpft suchen sie in den diakonischen Beratungsstellen Hilfe. Die Pandemie hat auch die alte Frage nach einer neuen Rollenaufteilung belebt. Am Internationalen Frauentag rückt sie noch mal in den Fokus.

  • Eine erschöpfte Frau sitzt in der Beratung.
  • Erschöpfte Mutter und Kind mit Maske

In diesen Tagen hat Andrea Vogt vor allem eine Berufsgruppe von Frauen vor sich sitzen: Erzieherinnen. "Viele sind völlig erschöpft und haben Angst vor einem Burn-Out", erzählt die 49-jährige Beraterin. "Denn die Kolleginnen fallen aus, weil sie sich infiziert haben, Eltern sind sauer, weil Kitagruppen geschlossen werden, und zuhause müssen die eigenen Kinder versorgt und betreut werden." 

Andrea Vogt leitet die Evangelische Stelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatung der Diakonie Krefeld-Viersen. Es ist eine große Beratungsstelle mit 18 Mitarbeitenden, die nicht erst seit der Pandemie gut zu tun haben. "Doch jetzt kommen vor allem Frauen zu uns, die wir hier früher nicht gesehen haben", sagt Andrea Vogt. "Sie berichten über Schlafstörungen, Schwindel, Kraftlosigkeit und einer großen Lebensunzufriedenheit, die sie irritiert. Jetzt kommt auch noch der Krieg in der Ukraine hinzu, der Ängste auslöst."

Eine Mutter sitzt mit Kindern auf dem Schoß am Laptop.

Stress pur: Viele Frauen haben in der Pandemie am Küchentisch gearbeitet und gleichzeitig ihre Kinder betreut. 

Mit dem Laptop am Küchentisch

Die Frauen arbeiten in den klassischen Care- und Dienstleistungsberufen, und zwar als Pflegekraft, Erzieherin, Verkäuferin oder in der Gastronomie und Verwaltung. Viele sind in Teilzeit beschäftigt oder haben ihre Arbeitszeit in der Pandemie reduziert, um Homeschooling und Haushalt überhaupt stemmen zu können. Das trifft auch auf diejenigen zu, die Jobs haben, in denen sie mobil von zuhause aus arbeiten können.

"Die meisten meiner Klientinnen leben mit ihren Familien in kleineren Wohnungen und haben ein Zimmer fürs Home-Office eingerichtet", berichtet Andrea Vogt. "In diesem Raum sitzt dann der Ehemann, denn er ist der Hauptverdiener und braucht Ruhe für seine Videokonferenzen." Die Frauen dagegen ziehen sich mit ihrem Laptop an den Küchen- oder Wohnzimmertisch zurück. In den Zeiten, in denen die Schulen geschlossen waren, taten sie das zusammen mit den Kindern, die sie noch "nebenbei" betreuten.

Eine aktuelle Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zum Weltfrauentag belegt die ungleiche Verteilung der Fürsorgearbeit. So übernahmen vor Beginn der Pandemie 62 Prozent der Mütter und fünf Prozent der Väter in Paarbeziehungen mit Kindern den überwiegenden Anteil der Betreuungszeit, ein Drittel der Paare teilte die Kinderbetreuung annähernd gleich auf. Nach einem vorübergehenden Anstieg der Kinderbetreuung durch die Männer verschlechterte sich die Arbeitsteilung bis Juni 2021 wieder. Bei 71 Prozent der Familien übernahmen die Mütter überwiegend die Kinderbetreuung, bei sieben Prozent die Väter. Nur noch 22 Prozent der Paare teilten sich die Betreuung annähernd gleich auf.

Portraitfoto Andrea Vogt

Zuhören, Mut machen: Diplom-Pädagogin Andrea Vogt hilft Frauen in der diakonischen Beratungsstelle in Krefeld, wieder Kraft zu schöpfen.

"Ich will mein altes Leben zurück"

Gleichzeitig betonen Frauen in einer Statista-Umfrage, dass ihre berufliche Belastung zugenommen habe. Dies gaben 77 Prozent der befragten Teilnehmerinnen an. 48 Prozent beklagten sich, dass die Zeit für Hobbies und das Treffen mit Freundinnen abgenommen habe. 

Oft höre sie in der Beratung den Satz "Ich will mein altes Leben zurück", berichtet Andrea Vogt. "Viele fühlen sich sozial isoliert und alleine gelassen. Ihnen fehlt der Austausch mit Freundinnen, für den sie sich im Alltagsstress keine Zeit mehr nehmen oder der einfach anders geworden ist, weil sie die Freundin nicht auch noch mit ihren Problemen belasten wollen." 

In ihrer Beratung bietet die Therapeutin den Frauen daher erstmal die Möglichkeit, einen "Jammerraum zu öffnen" und "alles rauszulassen, was sie belastet". Danach wird gemeinsam überlegt, an welchen Stellschrauben sich drehen lässt, damit sie Entlastung und mehr Freiraum für eigene Aktivitäten erhalten. Dabei kommen dann auch die Männer ins Spiel. Sie haben in der Pandemie ebenfalls auf vieles verzichten müssen und sich mehr in der Kinderbetreuung engagiert. Doch von einer gleichberechtigten Aufteilung der Care-Arbeit kann bei den meisten Paaren keine Rede sein. 

Eine Frau mit Maske hält ein leeres Portemonnaie in der Hand.

Frauen sollten mehr über Geld reden, meint Diakonie RWL-Referentin Heike Buschmann.

Ungeliebtes "Gerechtigkeitsthema": Geld

"Auch wenn das klassische Modell der 'Versorgerehe' auf dem Rückmarsch zu sein scheint, treffen unsere Beraterinnen es doch noch häufig an", beobachtet Heike Buschmann, die bei der Diakonie RWL für Ehe-, Lebens- und Schwangerschaftsberatungsstellen zuständig ist. Sie hat viele Jahre lang selbst als Paarberaterin gearbeitet und dabei oft erlebt, dass die Aufteilung von Berufs- und Care-Arbeit zu wenig hinterfragt wird. "Paare reden meistens nicht so gerne über Geld und Absicherung, aber es ist ein entscheidendes Gerechtigkeitsthema." 

Wie wichtig es für Frauen sei, besser bezahlt und abgesichert zu arbeiten, habe die Pandemie noch einmal deutlich gemacht, betont Heike Buschmann. "Die Frage einer beruflichen Um- und Neuorientierung wird häufiger gestellt als früher." Auch sie gehört zu den "Lösungsstrategien", die Andrea Vogt mit den erschöpften Frauen diskutiert. Im Vordergrund stehen aber zunächst die kleinen Schritte zu einem entspannteren Leben: Mann und Kinder stärker an der Hausarbeit beteiligen, den Kontakt zu Freundinnen intensivieren, sich Zeit für Hobbies und Spaziergänge nehmen.

"Es tut Frauen einfach gut, wenn sie mal inne halten können und gemeinsam mit uns ihren Alltag reflektieren", beobachtet Andrea Vogt. In den Pandemiezeiten sind es Arbeitgeber, Ärzte oder auch Freunde, die dazu raten. Insgesamt aber sei zu wenig bekannt, dass es bei Diakonie und Kirche kostenfreie und ergebnisneutrale Lebensberatung gebe, bedauert die Diplom-Pädagogin. "Manche Frauen kommen zu uns, weil sie die lange Wartezeit auf eine Therapie überbrücken wollen und stellen dann fest, dass sie die gar nicht mehr brauchen."

Text: Sabine Damaschke; Fotos: Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Buschmann
Referent/in
Geschäftsfeld Familie und junge Menschen
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Seit über 100 Jahren findet am 8. März der Internationale Frauentag statt. Diesmal steht er unter dem Motto "Each for Equal", "Jede und Jeder für Gleichberechtigung". Die Initiator*innen rufen damit auf, eine Welt frei von Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung zu erschaffen, die vielfältig, gleichberechtigt und integrativ ist. Der Weltfrauentag entstand im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen und wurde erstmals am 19. März 1911 von der Sozialdemokratin Clara Zetkin initiiert. In Berlin ist er ein Feiertag.