7. März 2019

Internationaler Frauentag

100 Jahre und keine Gleichberechtigung

Seit über 100 Jahren findet am 8. März der Internationale Frauentag statt. In Berlin ist er zum ersten Mal ein Feiertag. Tatsächlich gibt es einiges zu feiern, nicht zuletzt das Frauenwahlrecht. Doch von echter Gleichberechtigung sind Frauen in Politik und Gesellschaft, aber auch in der Diakonie noch weit entfernt. Das meint Maria Loheide, Vorstand der Diakonie Deutschland, im Gespräch mit der Diakonie RWL.

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Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland (Foto: Diakonie Deutschland)

Frauenquote, Gender-Pay-Gap, Gleichberechtigung, #metoo-Debatte – Frauenrechte und ihre Missachtung sind heute in aller Munde. Wird das 21. Jahrhundert tatsächlich zu einem "Jahrhundert der Frauen", wie kurz vor den Millenniumsfeiern oft behauptet wurde?

Diese Aussage finde ich reichlich übertrieben. Ich sehe noch viel Benachteiligung von Frauen weltweit, aber auch in der deutschen Gesellschaft. Es wird wohl mehr als ein Jahrhundert brauchen, um diese Defizite abzubauen. Frauen dürfen zwar wählen, aber sie stellen nur gut 30 Prozent der Politikerinnen. In der Wirtschaft und auch bei uns in der Diakonie sieht es auf den Führungsebenen nicht besser aus. Frauen werden noch immer schlechter bezahlt als Männer. Sie sind stärker von Armut und Gewalt betroffen.

In Berlin ist der Weltfrauentag jetzt sogar ein Feiertag.  Alice Schwarzer hat 2010 noch für seine Abschaffung plädiert und gefordert: "Machen wir aus dem Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer." Für wie wichtig halten Sie einen Weltfrauentag?

Wenn es echte Gleichberechtigung gäbe, bräuchten wir ihn nicht. Doch er ist für mich immer noch eine gute Möglichkeit, auf aktuelle gleichstellungspolitische Themen und Benachteiligungen von Frauen aufmerksam zu machen. Seit ich zwanzig Jahre alt bin, engagiere ich mich für Frauenrechte und nehme regelmäßig an den Aktionen des Frauentags teil. Wir haben Tabuthemen wie die häusliche Gewalt an Frauen oder das Recht auf legale Abtreibung aufgegriffen, gegen Lohnungerechtigkeiten und für eine Frauenquote in Politik und Wirtschaft demonstriert. Es ist wichtig, öffentlich und laut zu zeigen, dass Frauen mit den bestehenden Machtverhältnissen nicht einverstanden sind.

Welches Thema steht dabei für Sie im Jahr 2019 ganz oben?

Mir macht es große Sorgen, dass gerade in meiner Generation viele Frauen, die in den 1950er und 1960er Jahren geborenen Baby-Boomer, im Rentenalter schlecht abgesichert sind. Sie haben aufgrund von fehlenden Kinderbetreuungsangeboten oftmals nicht, kaum oder unterhalb ihrer Qualifikation gearbeitet. Sich für ihr Alter über den Mann abzusichern, hat aufgrund von Scheidung häufig auch nicht funktioniert. Wir müssen mehr Anreize setzen, damit Frauen mit Familie Vollzeit arbeiten können und eigenständig abgesichert sind. Dazu brauchen wir einen Ausbau der Infrastrukturleistungen, etwa bessere Rahmenbedingungen in der Kinderbetreuung mit flexiblen Ganztagsangeboten und familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Und wir müssen auf Rentenreformen drängen, um die drohende Altersarmut unzähliger Frauen zu verhindern.

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Die Diakonie ist weiblich, besonders in der Pflege. Das Bild zeigt Claudia Wahl von der Diakoniestation Münster. (Foto: Sabine Portmann)

Viele Frauen arbeiten in Gesundheits- und Sozialberufen, die meist schlechter bezahlt sind als Jobs im Handwerk und der Industrie. Karriere zu machen ist schwierig. Das gilt offenbar auch für die Diakonie. Mindestens 75 Prozent der Beschäftigten sind Frauen, was sich keineswegs bei den Führungskräften widerspiegelt. Brauchen wir eine Quote?

Als Diakonie Deutschland sind wir gerade dabei, einen Gleichstellungsatlas fertigzustellen, der leider bestätigt, dass unter den Vorstandsmitgliedern gut zwei Drittel Männer und nur knapp ein Drittel Frauen sind. Bei den obersten Aufsichtsgremien sieht es noch schlechter aus. Da haben wir 80 Prozent Männer und 20 Prozent Frauen. Angesichts dieser Zahlen finde ich, dass wir eine Frauenquote brauchen. Darüber gibt es heiße Diskussionen. Ein Gegenargument, das ich immer wieder höre, lautet, dass sich keine Bewerberinnen für Führungsaufgaben finden ließen und da nütze auch eine Quote nichts. Ich meine, dass man da intensiver suchen und Netzwerke besser nutzen sollte.

Was kann Diakonie denn tun, um mehr Frauen für Führungsaufgaben zu gewinnen?

Wir müssen Frauen stärker ermutigen, sich diesen Job selbstbewusst zuzutrauen. Wenn der erste Schritt getan ist, lassen sich die Rahmenbedingungen beeinflussen, damit sie mit Familie zu vereinbaren sind. Als ich mich zum ersten Mal bei der Diakonie beworben habe, war mein ältester Sohn gerade drei Jahre alt. Natürlich habe ich mir Gedanken und auch Sorgen gemacht, wie ich Kleinkinder – der zweite Sohn kam später hinzu – und volle Berufstätigkeit unter einen Hut bekomme. Aber ich war entschlossen und habe es versucht. Letztlich hat es funktioniert, weil ich mich getraut habe und dabei von meinem damaligen Vorstand unterstützt wurde. So konnte ich zum Beispiel schon damals auch von zu Hause arbeiten.

Brauchen wir bei der Diakonie mehr Frauenförderprogramme?

Wir brauchen Frauenförderprogramme wie sie in vielen anderen Unternehmen selbstverständlich sind. Und wir benötigen mehr Netzwerke von Frauen. Die sind enorm wichtig, auch wenn es um die Besetzung von Stellen und Aufsichtsratsposten geht. Und hier finden wir auch weibliche Vorbilder, die uns ermutigen, mit Begeisterung einen verantwortungsvolleren Job anzunehmen und gut zu gestalten.

Viele erhoffen sich eine friedfertigere und sozialere Gesellschaft, wenn Frauen mehr Einfluss gewinnen. Sind sie die besseren Führungskräfte?

Frauen sind nicht per se die besseren Menschen. Aber ich kenne viele weibliche Führungskräfte mit erfolgreichen Führungsstilen, einer hohen Problemlösungskompetenz und einem starken Durchhaltevermögen. Nicht selten bringen sie mehr Geduld als ihre männlichen Kollegen mit, arbeiten nachhaltiger und sind sachorientierter. Für mich ist es deshalb keine Frage, dass wir uns intensiv dafür einsetzen müssen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Und zwar nicht nur am Weltfrauentag.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

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Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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