29. Januar 2020

Frauenhäuser

Gemeinsam für ein gewaltfreies Leben

In Deutschland erlebt jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt in der Partnerschaft. Trotz intensiver Bemühungen hat sich daran über Jahrzehnte  wenig verändert. In Essen haben sich jetzt Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen aus NRW zu einer ersten Konferenz getroffen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Mit dabei waren Vertreterinnen der Diakonie RWL und anderer Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser und des Dachverbandes der autonomen Frauenberatungsstellen in NRW.

  • Männerhände und verzweifelte Frau im Hintergrund

Drohungen, Schläge, Vergewaltigung und Mord – Hunderttausende Frauen werden in Deutschland jährlich Opfer von Gewalt durch ihre Ehemänner, Lebensgefährten oder Ex-Partner. Doch in den deutschen Frauenhäusern finden längst nicht alle, die Hilfe brauchen, einen Platz. Um die Gewaltopfer künftig besser zu versorgen, möchte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in den kommenden vier Jahren jährlich 30 Millionen Euro einsetzen. In Deutschland gibt es 350 Frauenhäuser mit 7.000 Plätzen. "Wir bräuchten aber 20.000", so Giffey.

Auch NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach will die Anstrengungen des Landes verstärken. Ein Bündel an Initiativen kündigte sie auf der ersten gemeinsamen Konferenz der Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen am 28. Januar in Essen an. "40 Jahre Anti-Gewalt-Arbeit - und kein Ende?!" war das Thema. Scharrenbach hoffte, dass da irgendwann doch stehe "Ende" - ohne Fragezeichen.

NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach auf der ersten Konferenz der Frauenhäuser und Beratungsstellen in NRW

NRW-Gleichstellungsministerin Ina Scharrenbach kündigte ein Bündel an Initiativen an, um betroffenen Frauen besser zu helfen.

Mehr Plätze und "Opferschutzportal"

Um eine "vernünftige Planungsgrundlage" zu gewinnen, wird derzeit eine Bedarfsanalyse erstellt, erklärte die Landesministerin. Beschlossen ist bereits eine Erhöhung der Personalkostenförderung für die 64 landesgeförderten Frauenhäuser und 50 zusätzliche Plätze. Zudem werden drei weitere Frauenberatungsstellen in die Landesförderung aufgenommen, um ein flächendeckendes Angebot sicherzustellen. Ein "Opferschutz-Portal" im Internet soll eine "Lotsenfunktion" übernehmen, damit von Gewalt betroffene Menschen Hilfe finden, sagte Scharrenbach. Der Wechsel der Zuständigkeit für die Täterarbeit, die vormals im Justizministerium angesiedelt war, biete neue Möglichkeiten, die Arbeit gegen Gewalt zu intensivieren.

Die bisherigen Anstrengungen haben nach Erkenntnis von Monika Schröttle von der Universität Nürnberg nicht ausgereicht. Weder seien die Zahl der von Gewalt betroffenen Frauen gesunken, noch sei der Einstieg in die Täterarbeit gelungen. Auch finde nach wie vor nicht jede Frau zeitnah den erforderlichen Schutz. Schröttle forderte die Teilnehmerinnen zu mehr Ungeduld auf. "Wenn sich auch in den kommenden 15 Jahren wieder nichts verbessere, müssen wir radikal werden", sagte die Wissenschaftlerin.

Monika Schröttle von der Forschungs- und Beobachtungsstelle Geschlecht, Gewalt, Menschenrechte der Uni Nürnberg auf der ersten Konferenz der Frauenhäuser in NRW

Monika Schröttle von der Forschungs- und Beobachtungsstelle Geschlecht, Gewalt, Menschenrechte der Uni Nürnberg

Hohe Hürden, Hilfe zu finden

Auf politischer und rechtlicher Ebene sind laut Schröttle durchaus Fortschritte erzielt und damit eine gute Basis für Veränderungen erreicht worden. Deutschland glänze hier nach außen. "Aber wenn man darunter schaut, ist vieles nicht umgesetzt und gibt es teilweise auch Rückschritte", kritisierte sie. Problem seien die zu hohen Hürden, Hilfe zu finden und anzunehmen. Hier liege Deutschland unter dem EU-Durchschnitt.

Vor allem gelinge es nicht, dass die Frauen zeitnah Schutz fänden, selbst bei Gefahr für Leib und Leben nicht. Nicht konsequent genug werden nach Auffassung von Schröttle auch die Ursachen angegangen. Idee des neuen Gewaltschutzgesetzes sei gewesen, alle Täter zu erreichen. Tatsächlich kämen aber bislang nur zwei bis drei Prozent der gewalttätigen Männer in der Täterarbeit an.

Helga Siemens-Weibring (hinten, 3. von rechts), sozialpolitische Beauftragte der Diakonie RWL, mit den Veranstalterinnen der ersten Konferenz der Frauenhäuser von der Freien Wohlfahrtspflege NRW

Helga Siemens-Weibring (hinten, 3. von rechts), sozialpolitische Beauftragte der Diakonie RWL, mit den Veranstalterinnen 

Mehr Bildungsarbeit an Schulen

Für Monika Schröttle bleibt viel zu tun: Täter müssten konsequent gestoppt werden, wenn notwendig auch strafrechtlich durch Inhaftierung. Um Gewalt im Vorfeld zu verhindern und den Gewaltkreislauf zu unterbrechen, sei mehr Bildungsarbeit dazu an allen Schulen erforderlich. Denn Kinder, die Gewalt erlebt hätten, würden häufig als Erwachsene selbst gewalttätig. Gestärkt werden müsse das soziale Umfeld. Verwandte und Nachbarn müssten wissen, was zu tun sei und wo sie Hilfe finden könnten. Ideen für eine Intensivierung ihrer Zusammenarbeit suchten die Teilnehmerinnen in Workshops.

Zwar gebe es schon lange intensive Kontakte zwischen Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen, erklärte die Landeskoordinatorin der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser NRW, Claudia Fritsche, aber im Alltag fehle oft die Zeit für die durchaus notwendige Vernetzung. Hier würden neue Ansätze gesucht. "Mit dieser ersten Konferenz der Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen ist ein wichtiger Anfang gesetzt", betonte Helga Siemens-Weibring, sozialpolitische Beauftragte der Diakonie RWL. "Wir wollen weiter gemeinsam daran arbeiten, dass Frauen, die Gewalt erleben mussten, schneller geholfen wird und die Spirale der Gewalt, in der sich viele befinden, gestoppt wird."

Text und Fotos: Harald Westbeld
Redaktion: Sabine Damaschke, Teaserfoto: pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Ulrike Martin
Referent/in

Gewaltschutz für Frauen und deren Kinder

Kinder- und Jugendschutz

 

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