4. August 2020

Familienerholung

Urlaub für kleines Geld

Knapp ein Viertel aller Familien in Deutschland hat kein Geld für einen gemeinsamen Urlaub. Durch Kurzarbeit und Entlassungen in der Corona-Pandemie ist ihre Zahl noch größer geworden. Die Diakonie Ruhr-Hellweg bietet günstige Reisen und Ferienaktionen an. Die sind jetzt gefragt wie selten zuvor.

  • Hochseilgarten am Matthias-Claudius-Haus in Meschede (Foto: Diakonie Ruhr-Hellweg)
  • Kinder mit Clownsmasken beim Zirkusprojekt der Stadtranderholung Lippstadt (Foto: Diakonie Ruhr-Hellweg)
  • Zwei Mitarbeiterinnen der diakonischen Stadtranderholung in Lippstadt als Zirkusverkäuferinnen (Foto: Diakonie Ruhr-Hellweg)
  • Ein Junge übt das Tellerjonglieren bei der diakonischen Stadtranderholung Hamm (Foto: Diakonie Ruhr-Hellweg)

Sie waschen sich regelmäßig die Hände, tragen ihre Masken und halten die Abstandsregeln ein. Aber darüber reden, was gerade während der Corona-Pandemie passiert, wollen sie nicht mehr. Die rund 120 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, die Inge Nonte in diesen Sommerferien erlebt, sehnen sich nach unbeschwertem Spielen, Bewegung und Abenteuer. Dass dabei die Hygieneregeln beachtet werden müssen, ist für sie längst selbstverständlich.

"Nach der langen Zeit des Lockdowns genießen die Kinder unsere Ferienaktionen ganz besonders", sagt die Bereichsleiterin des Fachbereichs "Bildung und Erziehung" der Diakonie Ruhr-Hellweg. Schon seit Anfang der 1970er Jahre organisiert der Wohlfahrtsverband die sogenannte "Stadtranderholung" für Kinder aus sozial benachteiligten Familien in Hamm und Lippstadt.

Inge Nonte ist für die Stadtranderholung bei der Diakonie Ruhr-Hellweg zuständig.

Inge Nonte ist für die Stadtranderholung bei der Diakonie Ruhr-Hellweg zuständig.

Ferien vor Ort machen gute Laune

Ein "Urlaub ohne Koffer", der auf eine große Wiese mit Spielplatz, Beachvolleyballfeld, Klettergerüst und Hüttendorf führt. Für die Kinder ist das Ferienprogramm oft eine Auszeit vom Alltag in beengten Wohnungen mit starkem Medienkonsum. "Viele kommen aus Familien, die wir im Rahmen unserer ‚Hilfen zur Erziehung‘ betreuen", erklärt Inge Nonte.

Für die Sozialarbeiterin ist dieses langjährige Angebot ein wichtiger Bestandteil der außerschulischen Bildung. "Die Kinder können sich ausprobieren wie zum Beispiel gerade in unserem Zirkusprojekt. Sie erfahren viel über andere Kulturen und Zeiten und schließen neue Freundschaften." Auch für die Eltern, die sich oft keinen Urlaub leisten können oder während der Ferien arbeiten müssen, sind die Freizeiten vor Ort eine Entlastung. "Die Kinder kommen mit sehr guter Laune nach Hause. Das hebt die Stimmung in der ganzen Familie."

Axel Nickol leitet den Fachbereich "Reise und Erholung" bei der Diakonie Ruhr-Hellweg.

Axel Nickol leitet den Fachbereich "Reise und Erholung" bei der Diakonie Ruhr-Hellweg. 

Inklusive Freizeiten

Doch auch ein "Urlaub mit Koffer" ist bei der Diakonie Ruhr-Hellweg für kleines Geld möglich. Zehn Freizeiten hat der Reisedienst bereits seit Beginn der Corona-Pandemie angeboten. Bis Ende des Jahres sind 35 weitere Reisen geplant – überwiegend in Deutschland. "Unsere Familienfreizeiten sind immer inklusiv", sagt Axel Nickol, Leiter des Fachbereichs "Reise und Erholung". "Wir haben Familien mit wenig Einkommen dabei und solche, denen es finanziell gut geht. Kinder mit Behinderungen fahren genauso mit wie Großeltern mit Enkelkindern. Diese Mischung gibt es bei kommerziellen Reiseanbietern meistens nicht."

Auch Kinder- und Seniorenfreizeiten sowie Reisen für Trauernde stehen auf dem Programm. "Für unsere Trauergruppen und Freizeiten für Senioren mit pflegebedürftigem Partner ist die Nachfrage in diesem Jahr besonders hoch", berichtet Nickol. "Das Besuchsverbot hat viele pflegende Angehörige isoliert und enorm belastet. Noch härter war es für Menschen, die einen Angehörigen verloren haben. Viele haben ein großes Bedürfnis nach Austausch, Trost und Entspannung."

Strenge Hygieneregeln

Die Wartelisten für die Freizeiten sind in diesem Sommer länger als sonst, denn aufgrund der Hygiene- und Abstandsregeln müssen die Reisegruppen kleiner ausfallen. Das beginnt schon in den Bussen, die nicht voll besetzt sein dürfen und setzt sich in den Hotels oder Ferienhäusern fort. In den eigenen Ferienstätten der Diakonie Ruhr-Hellweg auf der Insel Spiekeroog und im Matthias-Claudius-Haus im sauerländischen Meschede werden die Gruppenräume seltener genutzt. Dafür finden mehr Aktivitäten im Freien statt.

Das Matthias-Claudius-Haus der Diakonie Ruhr-Hellweg im sauerländischen Meschede

Das Matthias-Claudius-Haus im sauerländischen Meschede: Hier konnte die Diakonie Ruhr-Hellweg  die Hygiene- und Abstandsregeln selbst gestalten.

"Jedes Bundesland hat eigene Hygienevorschriften und die haben sich auch noch ständig geändert", erzählt Axel Nickol. "Manche Reisen mussten ausfallen, andere neu konzipiert werden. Buchungen wurden zurückgenommen, dafür kamen neue Interessenten hinzu." Der Leiter des Reisedienstes und sein Team hatten also alle Hände voll zu tun.

Flickenteppich Finanzierung

Hinzu kam noch die schwierige Finanzierung der günstigen Reisen. In Nordrhein-Westfalen unterstützt das Land die Familienerholung nicht mit Individualzuschüssen wie es in acht anderen Bundesländern der Fall ist. Dafür muss sich Nickol an die Kommunen und Kreise wenden. Auch Kollektenmittel und Gelder der Evangelischen Stiftung Familienerholung fließen in die preisgünstigen Reisen.

In der Corona-Krise konnte der studierte Wirtschaftsjurist auf Gelder des Konjunktur- und Zukunftspaketes der Bundesregierung zurückgreifen. "Doch wir fragen uns, was im kommenden Jahr passiert, wenn viele Kommunen aufgrund der Pandemie in großen Schwierigkeiten sind und keine Gelder mehr bereitstellen." Die Diakonie Deutschland warnt bereits davor, dass viele der bundesweit 31 Familienferienstätten ohne weitere Finanzhilfe schließen könnten und Reisedienste aufgegeben werden müssen.

"Soweit darf es nicht kommen", meint Axel Nickol. "Die Familienerholung ist kein nettes Zusatzangebot, sondern fester Bestandteil diakonischer Hilfen. Hier erleben Menschen, die viel Benachteiligung in ihrem Leben erfahren, Gemeinschaft, Entspannung und Ermutigung. Hier zeigt sich ganz konkret, was mit Teilhabe gemeint ist."

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Diakonie Ruhr-Hellweg

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Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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