21. Juli 2020

Familienbildung

Mit Kindern im Corona-Koller

Kitas und Schulen dicht, Eltern-Kind-Kurse oder Krabbelgruppen gestrichen – Familien mit kleinen Kindern haben harte Monate hinter sich. Mit telefonischer Beratung und digitalen Kursen hat die Evangelische Familienbildung der Diakonie RWL sie während der Corona-Pandemie unterstützt. Jetzt finden langsam wieder Kurse vor Ort statt. Vor allem junge Familien sehnen sich nach Austausch.

  • Mutter arbeitet in der Küche am Laptop mit zwei kleinen Kindern (Foto: Shutterstock)

Morgens an den Schreibtisch, wenn die Kinder noch schlafen. Dann Frühstück machen, Spielzeug und Malsachen herausholen und hoffen, dass sich die Kinder noch eine Weile selbst beschäftigen können. Häppchenweise bis abends weiterarbeiten, immer wieder unterbrochen von sich langweilenden oder streitenden Kindern. "Ich habe viele verzweifelte Eltern am Telefon gehabt", erzählt Sabine Marx, Geschäftsführerin der Evangelischen Familienbildungsstätte Köln. "Homeoffice, Haushalt und Kinderbetreuung – plötzlich alles ganz alleine stemmen zu müssen, war eine totale Überforderung. Viele Familien fühlten sich vom Staat alleine gelassen."

Telefonisch auch während des Lockdowns immer erreichbar: Sabine Marx in ihrem Büro der Evangelischen Familienbildungsstätte Köln

Telefonisch auch während des Lockdowns immer erreichbar: Sabine Marx in ihrem Büro der Evangelischen Familienbildungsstätte Köln.

Die Kitas, Tagesmütter und Großeltern konnte die Familienbildung nicht ersetzen, aber die 55-jährige Diplom-Pädagogin und ihr Team konnten zuhören, beraten, einen Austausch mit anderen Eltern organisieren. "Wir haben allen laufenden Gruppen angeboten, sich virtuell zu treffen." Für Sabine Marx, die eine der größten Evangelischen Familienbildungsstätten in NRW mit rund 10.000 Unterrichtsstunden leitet, war klar: "Wir sind als ein Ort des Austausches und der Begleitung von Familien jetzt wichtiger denn je."

Rückkehr in alte Rollenmuster

Gerade junge Eltern hätten zwar oft den Schrank voller Erziehungsratgeber, seien im Alltag aber verunsichert, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollten. Der Druck, "alles richtig machen zu müssen", sei groß. "Außerdem finden sich viele plötzlich in alten Rollenmustern wieder, die sie längst überwunden glaubten. Der Vater macht Karriere, die Mutter kümmert sich hauptsächlich um Kind und Haushalt." In der Corona-Pandemie hat sich diese Rollenaufteilung verstärkt, viele Mütter fühlten sich besonders isoliert. Nach einer Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung steckten 27 Prozent der Frauen beim Job zurück, um ihre Kinder zu betreuen. Bei Männern waren es nur 16 Prozent.

Haus der Evangelischen Familienbildungsstätte Köln

Die Eltern-Kind-Kurse, die im Haus der Evangelischen Familienbildungsstätte Köln stattfinden, werden überwiegend von Frauen besucht.

Die traditionelle Rollenaufteilung spiegelt sich auch in den Kursen der Familienbildung wider. Zwar besuchten auch Männer die Eltern-Kind-Kurse, erzählt Sabine Marx. Aber meist geschehe dies in der zwei- bis dreimonatigen Elternzeit. Es seien überwiegend Frauen, die sich zu den Kursen in den Familienbildungsstätten anmeldeten oder die offenen Angebote besuchten. "Sie haben viele Fragen zu Erziehung und Partnerschaft, wünschen sich aber vor allem den Austausch mit anderen Eltern und ihren Kindern."

Offener Austausch statt fester Kurs

Besonders groß ist dieser Wunsch im ersten Lebensjahr des Kindes. Viele Evangelische Familienbildungsstätten haben sich mit einem breiten Angebot  – von der Geburtsvorbereitung über Babymassagen bis zu "Fit mit Baby"-Kursen – darauf eingestellt. "Da immer mehr Kinder unter drei Jahren in eine Kita oder zu einer Tagesmutter gehen, sind unsere Eltern-Kind-Kurse massiv geschrumpft", berichtet Andrea Goede. Die 58-jährige Pädagogin leitet seit zehn Jahren die Evangelische Familienbildung im Kirchenkreis Unna, eine eher kleine Einrichtung mit knapp 4.000 Unterrichtsstunden im Jahr.

Andrea Goede leitet die Evangelische Familienbildung im Kirchenkreis Unna

Andrea Goede leitet die Evangelische Familienbildung im Kirchenkreis Unna, die kein eigenes Haus hat, sondern dezentral arbeitet.

Dort ist die Familienbildung dezentral organisiert. Statt einer eigenen Bildungsstätte nutzen Andrea Goede und ihre Mitarbeiterinnen Räume der Kirche oder ihrer Kooperationspartner wie den Kindertagesstätten. "Wir haben festgestellt, dass gerade junge Eltern offene Angebote bevorzugen, zu denen sie sich nicht anmelden müssen", erzählt Andrea Goede.

Besonders erfolgreich ist das "Café Knirps", das es inzwischen an acht Standorten gibt. Dort können sich die Eltern austauschen und Tipps von einer erfahrenen Pädagogin erhalten, während ihre Kinder miteinander spielen.

Familienbildung ist Prävention

Dieses "dialogische Konzept" sei heute in der Familienbildung üblich, erklärt Referentin Miriam Boger, die bei der Diakonie RWL für rund 30 Einrichtungen der Evangelischen Familienbildung zuständig ist. "Früher ging es viel darum, in Elternkursen Wissen über Erziehung zu vermitteln. Heute steht der Austausch mit anderen Familien, das Lernen mit- und voneinander im Mittelpunkt." Familienbildung sei vor allem Prävention, betont Miriam Boger. "Sie macht die Eltern stark, damit sie ihre Kinder gewaltfrei und liebevoll erziehen."

Offene Eltern-Kind-Gruppen wie das "Café Knirps" konnten während der Pandemie nicht stattfinden.

Offene Eltern-Kind-Gruppen wie das "Café Knirps" konnten während der Pandemie nicht stattfinden. Aber die Pädagoginnen haben digital weiter den Kontakt zu den Eltern gehalten.

In der Corona-Krise hätten viele Einrichtungen diesen Auftrag sehr ernst genommen und ganz schnell auf eine digitale Begleitung der Familien umgestellt. "Statt ihre Häuser zu schließen wie andere Bildungseinrichtungen waren viele an der Seite der Eltern."

Inzwischen gibt es in vielen Bildungsstätten neben den digitalen Angeboten auch wieder Eltern-Kind-Kurse mit einer kleineren Zahl von Teilnehmenden. Sie finden auch in den Sommerferien statt. "Gerade jetzt, nach der langen Zeit des Lockdowns, sehnen sich die Familien nach Abwechslung und Austausch, Bewegung und Entspannung", sagt Sabine Marx.

In einem Kurs der Evnagelischen Familienbildungsstätte Köln haben Eltern Schultüten gebastelt.

Erste Erfolge der Schultüten-Werkstatt 

Schultüten basteln - jetzt erst recht

Dafür nutzt die Familienbildungsstätte inzwischen auch die Wiese hinterm Haus. Und auch die Schultüten-Nähwerkstatt ist wieder geöffnet. Denn alle hoffen darauf, dass nach den Sommerferien wieder ein halbwegs normales Schul- und Familienleben möglich ist.

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Evangelische Familienbildungsstätte Köln, Evangelische Familienbildung im Kirchenkreis Unna, Teaserfoto: Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Miriam Boger
Referent/in

Familienbildung und Familienpolitik

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In Nordrhein-Westfalen gibt es etwa 150 Einrichtungen der Familienbildung, rund 30 davon befinden sich in evangelischer Trägerschaft. Alle Eltern haben in NRW einen Anspruch auf Präventionsangebote. Dazu gehören die Kurse der Familienbildung. Das ist im Weiterbildungsgesetz des Landes festgelegt. Ein solches Gesetz gibt es in vielen anderen Bundesländern nicht.