7. Februar 2018

Diakonie gegen Armut

Familien sind ärmer als gedacht

In einer heute veröffentlichten Studie stellt die Bertelsmann-Stiftung die bisherige Armutsberechnung infrage. Nach ihrem Messkonzept ist die Situation in vielen Familien schlimmer als bisher angenommen. Kinder sind ein erheblicher Armutsfaktor. Was helfen kann? Nur eine umfassende Reform der Hilfen, meint Diakonie RWL-Familienexperte Remi Stork.

Portrait

Für Familienexperte Remi Stork sind die neuen Zahlen "eine Sensation"

Je mehr Kinder, desto ärmer: Diesen Grundsatz belegen zahlreiche Studien, die Bochumer Forscher seit Anfang der 1990er Jahre für die Bertelsmann-Stiftung auf den Weg gebracht haben. Grundlage für die Untersuchungen war bislang eine international verwendete Methodik der Industrieländerorganisation OECD. Jetzt haben die Forscher Einkommen und Wohlstand von Familien mit Hilfe präziserer Kriterien neu betrachtet.

Das Ergebnis: Bei Paaren mit Kindern liegt das Armutsrisiko um knapp drei Prozentpunkte über früher ermittelten Werten, wie sie etwa für den Familienreport der Bundesregierung jährlich kalkuliert werden. Alleinerziehende Eltern weisen eine Armutsrisikoquote von 68 Prozent auf. Das sind über 20 Prozentpunkte mehr als in früheren Untersuchungen. "Die neue Zahl zum Armutsrisiko Alleinerziehender ist eine Sensation", meint Diakonie RWL-Familienexperte Remi Stork. "Es zeigt, wie viele oft alleinstehende Mütter trotz Job knapp an der Grenze des Existenzminimums leben."

Mutter gießt ihren Kindern Orangensaft ein

Müssen nicht umziehen, wenn ein Kind dazu kommt:  Reiche Familie mit zwei Kindern

Einkommen Armer überschätzt, Reiche unterschätzt

Die Autoren der Studie halten ihre neue Berechnungsmethode für deutlich realistischer als die bisher verwendeten OECD-Skalen. In den Untersuchungen der letzten 25 Jahre seien die Einkommen armer Haushalte systematisch überschätzt und jene reicher Familien unterschätzt worden, heißt es. Der Grund: die OECD berechnet die finanziellen Bedürfnisse für Kinder unter 14 Jahren pauschal mit dem Faktor 0,3 im Vergleich zu Erwachsenen, für Kinder über 14 Jahren mit dem Faktor 0,5.

Solche starren Messmethoden seien jedoch nicht angemessen, meinen die Bochumer Wissenschaftler. Für die neue Studie haben sie daher mit Skalen gearbeitet, die zusätzlich das Einkommen der Familien berücksichtigen. Denn: Je geringer das Einkommen, desto schwerer falle die Belastung durch jedes weitere Haushaltsmitglied ins Gewicht.

Gemeint ist: Während eine alleinerziehende Mutter in bescheidenen Verhältnissen für ihr Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit ein zusätzliches Zimmer benötigt, muss ein Paar mit 8.000 Euro Monatseinkommen nicht zwangsläufig nach der Geburt eines Kindes umziehen, wenn es bereits eine 4-Zimmer-Wohnung bewohnt.

Geldschein in Hosentasche

Mehr Geld in der Tasche haben arme Familien nicht, wenn das Kindergeld mal wieder erhöht wird (Foto: Kaus-Uwe Gerhardt/pixelio.de)

Kindergeld nach oben wie unten ungerecht

Die einzige Möglichkeit, Familienarmut in Deutschland wirksam zu bekämpfen, sieht Diakonie RWL-Familienexperte Remi Stork in einer Reform der Hilfen für Familien mit niedrigem Einkommen. "Das Kindergeld ist nach oben wie unten ungerecht", kritisiert er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Während Familien mit höheren Einkommen von jeder Erhöhung profitierten, helfe es Familien mit geringem oder gar keinem Einkommen kaum. "Bei Eltern, die Sozialleistungen erhalten, wird das Kindergeld vollständig mit dem Sozialgeld verrechnet", bemängelt Stork.

Wohlfahrtsverbände und Kirchen wiesen schon lange darauf hin, dass die Politik die Zahl der armen Familien zu niedrig ansetze, so Stork. Gerade bei alleinerziehenden Elternteilen kämen die bestehenden Hilfen oft nicht an. Maßnahmen wie das Bildungspaket seien oftmals zu kompliziert zu beantragen.

Ganztagsschule

Von einer besseren Infrastruktur profitieren alle. Hier könnte mit dem Eingang der Schule begonnen werden. (Foto: Bernd Schwabe/Hannover)

Neuer Schwung in der Armutsdebatte?

Auch der Unterhaltsvorschuss oder der Kinderzuschlag reichen laut Stork nicht aus, um das Armutsrisiko Alleinerziehender zu mindern. Umso wichtiger seien flexible Arbeitszeit- und Kinderbetreuungsmodelle sowie staatliche Leistungen, die den besonderen Bedarf von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen, betont Stork.

Der Referent für Kinder- und Jugendpolitik der Diakonie RWL erhofft sich durch die Bertelsmann-Studie neuen Schwung in der Armutsdebatte. "Es reicht nicht, das Elterngeld zu erhöhen, aber die sozial benachteiligten Stadtteile bleiben abgehängt", sagt Stork. Eine wirksame Kinder- und Familienpolitik sei nur mit einer flächendeckend guten Infrastruktur möglich, angefangen bei Investitionen in die Qualität der Kindertagesstätten und Ganztagsschulen.

Text: Sabine Damaschke (mit epd und Spiegel online)

Ihr/e Ansprechpartner/in
Remi Stork
Grundsatzfragen Jugendhilfe, Familienpolitik
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