19. September 2017

Diakonie gegen Armut

Die "Lila Feen" - Rettungsanker für Alleinerziehende

Schlechte Jobchancen, geringe Unterhaltszahlungen: In Deutschland sind 44 Prozent der alleinerziehenden Frauen von Armut bedroht. An vielen Orten fehlt eine flexible und kostenlose Kinderbetreuung. In Mülheim an der Ruhr gibt es sie. Die "Lila Feen", ein Ehrenamtsprojekt der Diakonie und der Evangelischen Familienbildungsstätte Mülheim, machen die Berufstätigkeit vieler Alleinerziehender erst möglich.

Gruppenfoto

Ilse Schwarzer und Sabine Brillen (v.l.) laden zum regelmäßigen Austausch der "Lila Feen" ein

"Diesen Druck, das Kind pünktlich abzuholen, den werde ich nie vergessen", sagt Ilse Schwarzer. Sie hat als Leiterin des Versicherungsamtes  der Stadt Mülheim an der Ruhr  gearbeitet und ihren Sohn alleine groß gezogen. Zum ständigen Zeitdruck kam das Sparen. Im Ruhestand hätte sie nun eigentlich die Füße hochlegen und das Leben genießen können.

Doch an der stressigen Situation Alleinerziehender hat sich in Deutschland nicht viel geändert. Im Gegenteil. Seit 2005 hat sich laut Bertelsmann-Studie die Zahl derjenigen, die von Armut bedroht sind, sogar verdoppelt. Für Ilse Schwarzer ist das gerade kein Grund, sich zu entspannen.

Sie wollte anderen Alleinerziehenden helfen. Damit aus der Idee ein richtiges Projekt wurde, nahm sie vor sieben Jahren an einem Seminar der Diakonie Düsseldorf teil, in dem Erfahrungswissen für Initiativen weitergegeben wurde. Ein Seminarkollege sagte damals zu ihr: "Ilse, eigentlich möchtest Du eine Fee sein." Genau habe sie gedacht. Aber wenn schon, dann eine selbstbewusste "lila Fee". Der Name für ihr Projekt war geboren.

Ein Danke-Schön an die "Lila Feen" - ohne sie wäre das Leben schwieriger

Unterstützung hat Grenzen

Gemeinsam mit 15 anderen ehrenamtlichen Frauen betreut Ilse Schwarzer die Kinder von rund 24 alleinerziehenden Eltern, damit diese arbeiten gehen können. Angesiedelt ist das Projekt bei der Evangelischen Familienbildungsstätte in Mülheim. Dort melden sich die Einelternfamilien. Die "Lila Feen" überlegen, welche Familie zu welcher Mitarbeiterin passt. "Die Lila Fee übernimmt eine Verantwortung. Wir arbeiten auf keinen Fall mit Springern", erzählt Ilse Schwarzer. Schließlich baue man eine Beziehung zu den Kindern auf.

Doch die Betreuung hat auch Grenzen. Es gibt genaue Kriterien, wann eine "Lila Fee" aktiv wird: Sie unterstützt nur, wenn eine alleinerziehende Mutter arbeitet oder eine Berufs- oder Schulausbildung macht. Möglich wird diese Unterstützung mit Hilfe von Stiftungen. Durch die "Junker-Kämpchen-Stiftung für kompetente Elternschaft und Mediation" kann eine professionelle Koordinatorin beschäftigt werden. Für weitere Kosten  tritt die Stiftung "Jugend mit Zukunft" des Kirchenkreises  ein.

Begegnung wird groß geschrieben: Die "lila Feen" laden die Einelternfamilien auch zu Festen ein

Arbeitgeber müssen sich ändern

Das Projekt ist bei der Evangelischen Familienbildungsstätte angesiedelt. Hier treffen sich die Ehrenamtlichen mit der Koordinatorin zum regelmäßigen Austausch. Außerdem können die "Lila Feen" das Know-how der Familienbildungsstätte nutzen: Die Kurse rund um das Thema Kinder und Erziehung sind für sie kostenlos.

Wenn Ilse Schwarzer auf das Thema Arbeitsmarkt kommt, wird sie wütend. Obwohl in Deutschland vielerorts eine flexible und kostenlose Kinderbetreuung fehlt, verlangen die meisten Arbeitgeber von den berufstätigen Eltern höchste Flexibilität. Wer das nicht leisten kann, wird gefeuert. "Ich habe schon einen alleinerziehenden Vater erlebt, der samstags arbeiten sollte", sagt Ilse Schwarzer. "Weil er das mit drei Kindern nicht konnte, hat er seinen Job verloren."

Besonders im Einzelhandel wird oft gefordert, dass die Frauen sehr früh anfangen. Auch in gering bezahlten Berufen wie Alten- oder Krankenpfleger oder bei Schichtdiensten werden Arbeitszeiten festgelegt, die mit Familie und Kindern nicht zu vereinbaren sind. "Da muss sich gesellschaftlich dringend etwas ändern", appelliert Ilse Schwarzer an die Arbeitgeber. Knapp eine Million Kinder von Alleinerziehenden in Deutschland leben von Hartz IV. Und das hat für die engagierte "Lila Fee" entscheidend mit dem deutschen Arbeitsmarkt zu tun.

Wer keine Oma hat, die hilft, braucht eine "lila Fee" (Foto: pixelio / Rainer Sturm)

Hoffnungsschimmer Unterhaltsreform

Viele Frauen, die von den Mitarbeiterinnen betreut werden, haben ein Einkommen, das nur knapp über dem Hartz IV-Satz liegt. Zwar ist der Elternteil, bei dem das Kind nicht lebt, verpflichtet, Unterhalt zu zahlen. Doch häufig passiert das nicht. Seit dem 1. Juli gibt es den Unterhaltsvorschuss für Kinder bis 18 Jahre. Bisher zahlte der Staat ihn nur für Kinder bis zum zwölften Lebensjahr – und zwar maximal sechs Jahre lang. Diese Begrenzung wurde nun aufgehoben.

Bislang bekamen rund 440.000 Kinder den Unterhaltsvorschuss. Nicht jeder Berechtigte beantragte ihn. Das Familienministerium rechnet nun mit weiteren 260.000 Kindern, die einen Anspruch darauf haben. Die Reform kostet den Staat etwa 350 Millionen Euro. "Das ist ein großer Fortschritt für die Frauen", meint Ilse Schwarzer.

Ein ständiges schlechtes Gewissen

An der Armutsgefährdung Alleinerziehender ändert die Reform aber nur wenig. Zwar sind mehr als 60 Prozent der alleinerziehenden Mütter erwerbstätig. Doch die meisten arbeiten viele Jahre in Teilzeit – das bedeutet weniger Geld im Portemonnaie und weniger Rente. Jeden Monat müssen sie überlegen, ob sie mit den Kindern ins Kino gehen können oder nicht. "Alle kulturellen Sachen sind letztlich ein finanzielles Problem", beobachtet Schwarzer.

Viele Frauen haben kein Auto und müssen immer öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Das ist in einer Stadt wie Mülheim nicht so einfach. Ilse Schwarzer kennt das schlechte Gewissen der Mütter, wenn sie es zwischen Job und Kindererziehung einfach nicht schaffen, das Kind zur Ergotherapie zu bringen. Und wenn Oma und Opa nicht einspringen. "Die, die kein familiäres Netz haben, haben es schwer", weiß Ilse Schwarzer.

Mia Ohm, pensionierte Lehrerin, betreut Drillinge

Ein offenes Ohr auch für die Mütter

Die "Lila Feen" haben deshalb nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Mütter ein offenes Ohr. Die pensionierte Lehrerin Mia Ohm betreut Drillinge, die ihr schnell ans Herz gewachsen sind. Doch sie hört sich auch häufig die Sorgen der alleinerziehenden Mutter an. Sie reden über die ständigen Konflikte mit dem Ex-Partner, die finanziellen Probleme und Erziehungsschwierigkeiten. Und suchen gemeinsam nach Lösungen. "Mir fällt da oft etwas ein", sagt Mia Ohm.

So geht es den meisten Mitarbeiterinnen der "Lila Feen". Wenn Ehrenamtliche und alleinerziehende Mütter zusammen gefunden haben, dann wachsen Freundschaften. Zu den Müttern und den Kindern. Sie bestehen auch dann noch, wenn keine Betreuung mehr nötig ist. Beziehungen eben, die ein familiäres Netz ersetzen. Und die alle Alleinerziehenden brauchen.

Text und Fotos: Sabine Portmann 

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Sabine Portmann
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