9. Juni 2020

Beratungen in der Corona-Pandemie

Helfen auf Distanz

Angst, die Arbeitsstelle zu verlieren, Konflikte in der Partnerschaft oder eine ungeplante Schwangerschaft. Wer verzweifelt ist, kann nicht darauf warten, bis das Corona-Virus eingedämmt ist. Diakonische Beratungsstellen wie die des Diakonischen Werks des Kirchenkreises Wesel unterstützen Hilfesuchende seit Wochen am Telefon und mit ausreichend Abstand vor Ort.

  • Hilfe in Anspruch nehmen: Wer verzweifelt ist, findet in den Beratungsstellen der Diakonie Unterstützung. (Foto: Shutterstock)
  • Jan Boege (zweiter von links), Gabriele Tjardes (vierte von links) und Frauke Bonn (hintere Reihe, links) mit ihrem Team der Beratungsstellen des Diakonischen Werks Wesel.

Existenzielle Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Das kennen die Mitarbeitenden der Beratungsstellen des Diakonischen Werks in Wesel. Es ist ihr Job, mit diesen Gefühlen umzugehen, Hoffnung zu spenden. Fast alle Menschen, die bei ihnen Rat suchen, befinden sich in einer Krise. Doch jetzt kommen neue Verunsicherungen hinzu. An wen kann ich mich in der Corona-Pandemie noch wenden? Wer kann mich trotz der Krise und der Einschränkungen unterstützen? 

"Die Pandemie wird zum Brennglas, unter dem die Probleme noch größer und unlösbarer erscheinen", sagt Jan Boege, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle zu der die Ehe-, Familien und Lebensberatung, die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung und das Referat Migration und Flucht gehören. Gemeinsam mit seinem Team versucht er zu zeigen: Es gibt Wege aus der persönlichen Krise – selbst wenn die Welt drum herum kopfsteht.

Beratungen per Telefon: In den ersten Wochen der Corona-Pandemie arbeitete das Team überwiegend von zuhause aus. (Foto: Pixabay)

Beratungen per Telefon: In den ersten Wochen der Corona-Pandemie arbeitete das Team überwiegend von zuhause aus. (Foto: Pixabay)

Webcams ausverkauft

Das siebenköpfige Beraterteam des Diakonischen Werks Wesel hat schnell umgerüstet. "Wir waren zu Beginn der Pandemie bereits gut ausgelastet. 70 Namen standen noch auf unserer Warteliste", erzählt Boege. Jeder neue Tag ist in der Corona-Pandemie eine Herausforderung. Die Mitarbeitenden müssen sich mit neuen Richtlinien, Verordnungen und Erlassen auseinandersetzen, um kompetent unterstützen zu können. "Wir sind in permanenter Anspannung, dass wir neue Entwicklungen nicht auf dem Schirm haben", sagt Gabriele Tjardes, die in der Schwangerenkonfliktberatung arbeitet. Das mache die Arbeit anstrengend.

Hinzu komme die Distanz. In den ersten Wochen der Pandemie arbeitete das Team von zuhause aus. Die sieben Mitarbeitenden berieten per Telefon, ohne den Menschen, dessen Leben aus den Fugen geraten ist, zu sehen. Videotelefonie sei keine Option gewesen: "Webcams waren weit und breit ausverkauft oder unerschwinglich", so der Leiter der Beratungsstelle.

Abstand halten und Ansteckung vermeiden: Am Empfang im Lutherhaus des Diakonischen Werks Wesel wurde ein Plexiglas-Schutz angebracht. (Foto: Diakonisches Werk Wesel)

Abstand halten und Ansteckung vermeiden: Am Empfang im Lutherhaus des Diakonischen Werks Wesel wurde ein Plexiglas-Schutz angebracht.

Beratungen mit Mundschutz und auf Abstand

Seit Anfang Juni arbeitet das Beraterteam wieder vor Ort. Die Ratsuchenden machen telefonisch einen Termin aus. Wer zur Beratung kommt, wird an der Tür abgeholt, muss seine Hände desinfizieren und einen Mund-Nasen-Schutz tragen.  Zuhören und unterstützen, wenn man das Gesicht des Ratsuchenden nicht sehe, sei eine enorme Veränderung¸ betont Frauke Bonn, die ebenfalls in der Schwangerenkonfliktberatung arbeitet. "Ohne die Mimik fehlt etwas Entscheidendes in der Kommunikation."

Ähnliche Erfahrungen haben auch die mehr als 80 Beratungsstellen der Diakonie RWL gemacht. In einer Umfrage gaben 76 der 77 befragten Beratungsstellen an, dass sie trotz Corona-Pandemie weiterhin Neuanmeldungen annehmen. Ehe-Familien- und Lebensberatung fanden bis Anfang April vor allem telefonisch statt. Auch Schwangerenkonfliktberatungen erfolgten in erster Linie am Telefon. 20 Beratungsstellen berieten weiterhin persönlich mit entsprechenden Schutzvorkehrungen. Video- und E-Mail-Beratungen waren weniger weit verbreitet.

Verzweiflung: Frauen, die ungewollt schwanger sind, bekommen innerhalb von 24 Stunden einen Beratungstermin. (Foto: Pixabay)

Verzweiflung: Frauen, die ungewollt schwanger sind, bekommen innerhalb von 24 Stunden einen Beratungstermin. (Foto: Pixabay)

Ungewollt schwanger in der Corona-Pandemie

Viele der Anliegen können nicht warten. Besonders dringlich sind die Beratungen für Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind. In den Schwangerenkonfliktberatungsstellen in Wesel, Emmerich oder Schermbeck gibt es innerhalb von 24 Stunden einen Termin. Für die Frauen habe sich während der Pandemie wenig verändert. "Die Probleme und Nöte sind dieselben geblieben", erzählt Frauke Bonn.

Nur jetzt werde einiges komplizierter. Nach der Beratung erhalten die Frauen einen Schein, den sie bei einem Schwangerschaftsabbruch vorlegen müssen. Während der Corona-Pandemie werde das Dokument in Ausnahmefällen per Post verschickt. "Wir versuchen, den Schein weiterhin persönlich zu übergeben. In Emmerich habe ich das Papier einmal durch unser Klappfenster im Erdgeschoss gereicht", erinnert sich Bonn. Man müsse kreativ werden.

Und auch bei der Wahl des Arztes stellten sich manchmal zusätzliche logistische Herausforderungen. Denn nicht überall gibt es Ärzte, die Abbrüche vornehmen. Manche Schwangere müssen bis zu 80 Kilometer zurücklegen. "Zu Beginn der Pandemie fuhren kaum noch Busse. Da mussten wir genau planen, damit Termin, Bus- und Zugfahrpläne aufeinander abgestimmt waren", erzählt Gabriele Tjardes.

Helfen auf Distanz: In den Beratungsräumen kann ausreichend Abstand gehalten werden.

Helfen auf Distanz: In den Beratungsräumen kann ausreichend Abstand gehalten werden.

Auswirkungen werden sich noch zeigen

Ob durch die Corona-Krise mehr Menschen in die Beratungsstelle kommen, werde sich erst in den nächsten Wochen zeigen, sagt Jan Boege. "Wir haben aktuell einen leichten Anstieg bei den Schwangerenkonfliktberatungen", beobachtet Gabriele Tjardes. "Ob die Frauen während der ersten Wochen der Kontaktbeschränkungen nicht so gut an Verhütungsmittel gekommen sind, oder ob es eine der ‘normalen′ Wellen ist, die wir auch vor der Pandemie erlebt haben, lässt sich jetzt noch nicht sagen."

Und auch bei den Ehe- Familien- und Lebensberatungen steigt die Nachfrage langsam wieder. "Es scheint so, als kämen die Menschen wieder aus der Isolation zurück ins Leben", sagt Jan Boege. Sein Team und er sind vorbereitet.

Text: Ann-Kristin Herbst; Fotos: Shutterstock, Pixabay und Diakonisches Werk des Kirchenkreises Wesel.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Heike Buschmann
Referent/in

Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung

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