19. Februar 2019

Babylotsen

Hilfe für einen guten Start ins Leben

Ein Kind zu bekommen gehört zu den größten Veränderungen im Leben. An Hilfsangeboten mangelt es daher nicht. Doch oft erreichen sie gerade die Familien schlecht, die Unterstützung besonders nötig haben. Im Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie gibt es deshalb die "Babylotsen". Ihre Hauptaufgabe: Krisen verhindern, bevor sie entstehen.

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Martina Engelen ist erfahrene Hebamme und "Babylotsin".

Seit über dreißig Jahren ist Martina Engelen Hebamme. Doch wenn sie als Babylotsin im Florence-Nightingale-Krankenhaus der Kaiserswerther Diakonie unterwegs ist, lässt sie ihren blauen Kittel im Spint. Denn dann steht nicht die Geburtshilfe im Mittelpunkt, sondern das ganze Drumherum.

Es reicht von praktischen Fragen nach Geburtsurkunde und Elterngeld, Babyausstattung und größerer Wohnung bis hin zu Sorgen um den schwer kranken oder arbeitslosen Partner und massiven Ängsten vor einer familiären Überforderung. Was los ist in den Familien der jungen Mütter, erfährt Martina Engelen meist schon bei der Anmeldung zur Geburt. Auf einem Anamnesebogen können die Frauen freiwillig Angaben zu ihrer Familiensituation machen, private und persönliche Probleme benennen. Rund 90 Prozent nutzen anschließend die Gelegenheit zu einem Gespräch mit den beiden Babylotsen der Düsseldorfer Klinik, Martina Engelen und Nicole Bornewasser.

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Wie geht's jetzt weiter, wenn Charlotte nach Hause kommt? Martina Engelen informiert  Annemarie Bosing über Unterstützungsangebote nach der Entlassung.

Gespräche mit erfahrenen Hebammen

"Viele Probleme lassen sich schon in ein bis zwei Gesprächen lösen", erzählt Martina Engelen. Die 57-jährige Hebamme kennt die Behörden, bei denen Anträge gestellt werden müssen und weiß, wo die jungen Familien Unterstützung im Alltag erhalten. Manchmal gibt es aber auch schwerwiegendere Konflikte wie eine innere Ablehnung des ungeborenen Kindes oder große psychische Probleme, die eine Vermittlung zur Elternberatung, in Familienzentren oder psychiatrische Einrichtungen notwendig machen. Die Entscheidung, ob Eltern die Unterstützung annehmen, bleibt dabei immer ihnen selbst überlassen.

"Die meisten sind dankbar und erleichtert, dass sie offen mit uns sprechen können", sagt Martina Engelen. "Wir wollen den Kindern einen guten Start ins Leben ermöglichen und das möchten die Eltern auch." Noch vor der Geburt Lösungen suchen und finden, damit Kinder eine gute Bindung zu ihren Eltern aufbauen und stabil durchs Leben gehen können – das ist die Idee des Babylotsen-Projekts.

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Der Vorstand der Kaiserswerther Diakonie,  Klaus Riesenbeck, mit der Pflegeleiterin der Geburtshilfe, Patricia Meckenstock, und den beiden Babylotsen Nicole Bornewasser und Martina Engelen (v.l.). (Foto: Kaiserswerther Diakonie)

Erfolgsmodell Babylotsen

Es wurde bereits 2007 vom Hamburger Kinderarzt und Gründer der Seeyou-Stiftung Sönke Siefert ins Leben gerufen. Heute gibt es die Babylotsen in fast 40 Geburtskliniken und 30 Arztpraxen in sieben Bundesländern. Die Kaiserwerther Diakonie hat das Konzept im vergangenen Sommer als Pilotprojekt eingeführt. Zunächst mit zwei Hebammen, die diesen Job mit einem Stellenanteil von jeweils 30 Prozent machen.

Finanziert wird das Projekt durch Spenden, unter anderem von der Diakonie RWL. Jetzt soll daraus am besten ein reguläres Beratungsangebot werden. Die pflegerische Abteilungsleiterin der Geburtshilfe, Patricia Meckenstock, wünscht sich mehr Babylotsen. Immerhin kamen im vergangenen Jahr über 2.700 Babies im Florence-Nightingale-Krankenhaus zur Welt. Es ist die zweitgrößte Geburtsklinik in NRW. "Wir sehen schon ein halbes Jahr nach dem Start des Projekts, dass dafür zwei Vollzeitstellen sinnvoll wären", betont sie. "Eigentlich müssten die Babylotsen ein Regelangebot sein, das es an jeder Klinik in Deutschland gibt."

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Pflegedienstleitung Patricia Meckenstock und ihr Team weisen die Frauen schon bei der Anmeldung in der Geburtshilfe auf die Babylotsen hin. Der Wunsch nach Beratung ist groß.

Vorbeugender Kinderschutz

Die erfahrene Hebamme ist davon überzeugt, dass damit viele Fälle von Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung verhindert werden und Kinder gesünder aufwachsen könnten. "Als Hebammen sehen wir die Frauen und ihre Familien zuerst. Wir sind Vertrauenspersonen und können deshalb sehr niederschwellig helfen."

Patricia Meckenstock bezeichnet die Geburtshilfestation gerne als "Trainingslager für Mutter und Kind". Hebammen, Kinderkrankenschwestern und Ärzte helfen den Frauen in der neuen Situation mit Baby. Doch Zeit für ausführlichere Gespräche haben sie bei den hochverdichteten Arbeitsabläufen auf der Station oft nicht. "Wir sind alle froh, dass wir die Babylotsen einschalten können, wenn wir merken: Frauen brauchen mehr als die übliche Unterstützung", sagt sie. Etwa, wenn eine Mutter keinen Körperkontakt zu ihrem Kind sucht und kaum auf das Weinen des Säuglings reagiert oder Anzeichen einer Wochenbettdepression zeigt.

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Nicht immer gehen Frauen so entspannt in eine Geburt wie Iris Koch. Die Babylotsen nehmen Ängste ernst und sensibilisieren das Team für den Umgang mit diesen Patientinnen.

Traumata überwinden, Bindung aufbauen

Aber es funktioniert auch umgekehrt. Manchmal erfährt Martina Engelen bei ihren Erstgesprächen, dass Frauen große Ängste haben, weil sie schon einmal eine traumatische Geburt erleben mussten oder dass sie sich aufgrund einer Vergewaltigung an bestimmten Körperstellen nicht anfassen lassen können. Dann weist sie das Team darauf hin, dass es besonders sensibel im Umgang mit dieser Patientin ist. Und sie vermittelt einen Termin bei den Therapeuten der Klinik, wenn die Frauen das wollen.

"Wir sind Brückenbauer", betont die Hebamme. Deshalb liebt sie ihren Job als Babylotsin. "Die frühe Bindung zwischen Mutter und Kind ist die wichtigste im Leben eines Menschen. Jeden Tag kann ich hier dazu beitragen, dass sie gelingt."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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