26. März 2020

Telefonseelsorge

Nähe in Zeiten der Corona-Pandemie

Die Angst vor der Einsamkeit wächst bei vielen Menschen. Bundesweite Kontaktverbote und der Anblick menschenleerer Straßen sorgen bei Seelsorgern für Hochkonjunktur. "Wir müssen stärker auf die positiven Momente schauen, füreinander da sein und uns fragen, was uns wirklich wichtig ist", rät Dirk Grajaszek von der Telefonseelsorge Hochsauerland der Diakonie Ruhr-Hellweg.

  • Zuhören und Nähe geben: Dirk Grajaszek leitet die TelefonSeelsorge Hochsauerland.

Sie haben 30 Prozent mehr Anrufer als noch vor der Corona-Krise. Sind die Themen in den Gesprächen auch andere geworden?

Das Corona-Virus ist allgegenwärtig. In rund 70 Prozent der Anrufe geht es um die Auswirkungen. Es ist aber meist nicht das Hauptthema. Es sind weiterhin psychische Probleme, Depressionen oder andere Ängste, die die Menschen zum Telefonhörer greifen lassen. Im Gespräch zeigt sich dann, dass die Anrufer unter der aktuellen Unsicherheit leiden. Es ist schwer zu ertragen, wenn man nicht weiß, wie es weiter geht und was als Nächstes passiert.

Gerade für Menschen, die andere Erkrankungen haben, ist es eine herausfordernde Situation. Eine unserer Anruferinnen ist alkoholabhängig. Sie hatte ihren Mut zusammengenommen und sich endlich entschlossen, einen Entzug zu beginnen. Der wurde jetzt abgesagt und sie hängt in der Schwebe. Das ist eine extrem belastende Erfahrung für sie.

Bei einigen Anrufern hat die derzeitige Lage aber auch etwas Positives. Sie fühlen sich in gewisser Weise entlastet. Wer zum Beispiel Schwierigkeiten hat, neue Sozialkontakte aufzubauen, spürt jetzt nicht mehr diesen äußeren Druck rausgehen "zu müssen", sozial sein "zu müssen". Da ist dann ein Gefühl der Erleichterung.

Gewalt in der Familie: Experten rechnen damit, dass Gewaltdelikte zunehmen werden.

Gewalt in der Familie: Experten rechnen damit, dass Gewaltdelikte zunehmen werden.

Experten rechnen damit, dass es durch die Anordnungen zu Kontaktverboten und die Aufforderungen möglichst Zuhause zu bleiben, zu mehr Fällen von Gewalt in Familien kommen wird. Spüren Sie das bereits?

Nein, bei uns ist das noch nicht angekommen. Da es keine Ausgangssperre, sondern nur ein Kontaktverbot gibt, können von Gewalt gefährdete Menschen derzeit noch aus ihren Wohnungen raus, wenn ein Streit eskaliert. Wir bereiten uns aber darauf vor, dass die Anrufe wegen häuslicher Gewalt zunehmen werden. Wir stehen noch ganz am Anfang dieser Ausnahmesituation.

Existenzielle Probleme wie die Sorge um die eigene Gesundheit oder die von Familienmitgliedern und die finanzielle Absicherung, die gerade bei Selbstständigen akut gefährdet ist, schlagen noch nicht voll durch. Viele Menschen warten ab, schauen, wie sich die Lage entwickelt. Das geht einige Wochen gut, aber die Ausnahmesituation wird voraussichtlich Monate andauern. Nach und nach werden diese Probleme dann auch zunehmen. Wir haben große Bedenken.

Viele Beratungsstellen mussten bereits schließen, haben verkürzte Öffnungszeiten oder sind nur digital erreichbar. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Die Beratungsangebote der Diakonie Ruhr-Hellweg sind sehr gut miteinander vernetzt und wir Telefonseelsorger können unsere Anruferinnen und Anrufer gut und vor allem zügig an die entsprechenden Hilfsangebote weitervermitteln. Gerade bei Angeboten wie der Schwangerschaftskonfliktberatung drängt auch die Zeit. Auf unserer Internetseite haben wir jetzt alle wichtigen Nummern zentral hinterlegt, sodass jeder und jede in Not direkt einen Kontakt findet.

Das Positive sehen: Die Ehrenamtlichen der TelefonSeelsorge raten den Anrufern dazu, die beunruhigenden Nachrichten auch einmal bewusst zu ignorieren.

Wie arbeiten Sie aktuell in der Telefonseelsorge? Sind Sie im Homeoffice?

Anders als in den Niederlanden darf in Deutschland Telefonseelsorge nur von den jeweiligen registrierten Büros aus angeboten werden. Wir haben zwei Standorte im Hochsauerlandkreis, an denen unsere 35 ehrenamtlichen Telefonseelsorgerinnen von montags bis freitags und in der Nacht von Freitag auf Samstag arbeiten. Das Telefon, die Tastatur und alle Oberflächen werden regelmäßig desinfiziert. Außerdem haben wir klare Verhaltensregeln. Dadurch, dass sie immer alleine in den Büros sind, klappt das ganz gut.

Unsere Ehrenamtlichen sind Frauen, die zwischen 40 und über 80 Jahre alt sind. Sie sind alle hoch motiviert und wollen gerade jetzt für die Anruferinnen und Anrufer da sein. Die Gespräche sind manchmal auch belastend für unsere Seelsorgerinnen. Deshalb ist die Supervision so wichtig. Im Moment findet die bei uns per Video- oder Telefonkonferenz statt.

Was sind Ihre Tipps gegen den Corona-Blues?

Rausgehen, wenn es möglich ist. Wer sich schnell einsam fühlt, kann sich regelmäßig einmal pro Tag mit einem guten Freund oder einem Bekannten verabreden und spazieren gehen. Wer krank ist und isoliert bleiben muss, sollte den Kontakt per Telefon und Videoanruf suchen. Es tut gut, trotz der Distanz, den Alltag miteinander zu teilen. Warum nicht einfach mal vor der Webcam miteinander essen oder sich bei einem Glas Wein zuprosten? Immer mehr Menschen gehen abends auf ihre Balkone, um miteinander zu singen oder zu musizieren. Solche Aktionen stiften ein Gefühl der Gemeinschaft und Nähe. Das ist gerade besonders wichtig.

Aber auch unsere Grundeinstellung hat einen entscheidenden Einfluss. Wir müssen unseren Alltag optimistischer angehen. Wir sollten uns nicht in einer Ellenbogen-Mentalität im Kampf um das letzte Paket Toilettenpapier verlieren, sondern aufeinander Acht geben und uns gegenseitig unterstützen.

Einsamkeit: Besonders ältere Menschen fühlen sich oft alleine. 

Manchmal fällt das schwer bei all den beunruhigenden Nachrichten.

Das stimmt. Morgens steht man mit den Corona-Nachrichten auf und abends geht man nach den Nachrichten schlafen. Da müssen wir uns ab und an eine Auszeit gönnen. Jeder muss bei sich selbst schauen: Was erlebe ich Positives? Was ist mir wichtig?

In der Krise entstehen oft berührende Begegnungen. Eine unserer Anruferinnen hat sich lange Zeit sehr einsam gefühlt. Seit einigen Tagen passt sie auf die Kinder ihrer Nachbarin auf und ist plötzlich ganz eng eingebunden in das Leben ihrer Nachbarinnen und Nachbarn. Sie helfen ihr, gehen auch mal für sie einkaufen und klingeln, um ein Schwätzchen zu halten. Der Anruferin geht es richtig gut.

Krisen sind eben auch immer Wendepunkte. Die Corona-Krise gibt uns die Chance, uns wieder bewusst Zeit zu nehmen für andere, für die eigene Familie und einfach da zu sein. Das sollten wir nutzen.

Das Interview führte Ann-Kristin Herbst. Fotos: Diakonie Ruhr-Hellweg und Pixabay.


Die TelefonSeelsorge Hochsauerland finanziert sich aus Spenden.

Spendenkonto: Diakonie Ruhr-Hellweg e.V., IBAN DE10 3506 0190 2114 8160 38; Verwendungszweck: "TelefonSeelsorge"
Ihr/e Ansprechpartner/in
Ann-Kristin Herbst

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit / Social Media

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Telefonseelsorge Hochsauerland
Die Telefonseelsorge Hochsauerland ist derzeit stark ausgelastet. Anruferinnen und Anrufer, die nicht zu einem der beiden Standorte im Sauerland durchkommen, werden automatisch an die Telefonseelsorger im westfälischen Hamm, in Paderborn und in Siegen durchgestellt. Die Ehrenamtlichen sind rund um die Uhr erreichbar. Die deutschlandweite Notfallnummer ist 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.