26. April 2019

Tag der Bahnhofsmission

Begegnung stiften, sichtbar werden

Unter dem Motto "Begegnung stiften" laden die Bahnhofsmissionen am Samstag bundesweit zum Tag der offenen Tür ein. Viele der 24 Bahnhofsmissionen zwischen Bielefeld und Saarbrücken nutzen den Aktionstag, um ihre Arbeit vorzustellen. Weil sie für Reisende sowie Menschen in Not immer wichtiger wird, sollte sie in den Bahnhöfen einen angemessenen Platz erhalten, meint Diakonie RWL-Referentin Karen Sommer-Loeffen.

Porträt Karen Sommer-Loeffen

Karen Sommer-Loeffen ist bei der Diakonie RWL für die Bahnhofsmissionen und das Ehrenamt zuständig.

Jedes Jahr veranstalten die Bahnhofsmissionen im April ihren Aktionstag. Auch viele der 24 Bahnhofsmissionen in unserem Verbandsgebiet beteiligen sich. Warum ist dieser Tag wichtig? Die Bahnhofsmission kennt doch jeder.

Jeder kennt sie, aber nicht jeder findet sie auch an unseren Bahnhöfen. Meistens sind sie in den hintersten Ecken der Bahnhofshallen oder am Rande eines Bahnsteigs in engen und oft dunklen Räumen untergebracht. Das hat auch mit dem alten Image der Bahnhofsmission als "Suppenküche für Wohnungslose" zu tun, die man nicht sichtbar in den Bahnhofshallen haben wollte. Die Aktionstage sind daher eine gute Gelegenheit, die vielfältigen Hilfen für Reisende und Menschen in Not vorzustellen, aber auch zu zeigen, wo Menschen die Bahnhofsmission überhaupt finden.

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Arbeit der Bahnhofsmission anspruchsvoller und moderner geworden. Warum drückt sich das nicht auch in den Räumlichkeiten aus?

Das hat mit der Unternehmenspolitik der Deutschen Bahn zu tun. Die Deutsche Bahn-Stiftung fördert zwar die Arbeit der Bahnhofsmission, indem sie etwa die blauen Westen der Mitarbeitenden bezahlt. Denn unsere Ehrenamtlichen entlasten die Bahn, weil sie Reisehilfen für Senioren, Menschen mit Behinderung oder allein reisende Kinder anbieten. Auch bei Unwetter, Streiks oder Unfällen sind sie im Einsatz. Schwieriger ist die Zusammenarbeit, wenn es um die Unterstützung von Menschen in Not geht. Da besteht oft die Sorge, wohnungslose und arme Menschen, die die Bahnhofsmission aufsuchen, könnten Reisende belästigen und die Bahnhofshallen verschmutzen. Im Mai führt unsere Bundesebene mit der Konzernspitze der Deutschen Bahn Gespräche über einen neuen Rahmenvertrag. Wir hoffen sehr, dass wir dadurch bessere Rahmenbedingungen erhalten, zu denen auch größere und besser auffindbare Räume gehören.

 In diesem Jahr feiert die Bahnhofsmission ihr 125-jähriges Bestehen und betont, dass ihre Arbeit immer notwendig war. Würden Sie noch einen Schritt weiter gehen und sagen, sie ist notwendiger denn je?

Es gab in der 125-jährigen Geschichte der Bahnhofsmission immer Zeiten, in denen Menschen am Bahnhof strandeten und dringend Hilfe benötigten. Heute haben wir zunehmend mit Menschen zu tun, die unser kompliziertes soziales Hilfesystem nicht erreicht und für die die Bahnhofsmission nicht nur erste, sondern auch letzte Hilfe ist. Viele berichten mir von allein erziehenden Müttern und armen Rentnerinnen, die täglich um ein Butterbrot bitten. Die Zahl der Wohnungslosen ist deutlich gestiegen. Und diejenigen, die länger obdachlos sind, verelenden zunehmend. Davon besonders betroffen sind Menschen aus EU-Ländern, die durch unser Hilfenetz fallen. Andere haben zwar Anspruch auf Hilfen, erhalten sie aber nicht, weil sie die komplizierten Antragsverfahren nicht verstehen. Auch hier unterstützen unsere Ehrenamtlichen.

Am Aktionstag laden viele Bahnhofsmissionen zu Waffeln und Kaffee ein. So wie hier in Dortmund.

Wenn Armut und soziale Probleme in einer Gesellschaft zunehmen, bekommt die Bahnhofsmission es zuerst mit. Doch in politischen Debatten ist ihre Stimme selten zu hören. Warum?

Es gehört zum Selbstverständnis der Bahnhofsmission, in erster Linie helfend tätig zu sein. Das politische Engagement geschieht eher im Hintergrund. So sind viele Bahnhofsmissionen an kommunalen Runden Tischen beteiligt, die sich mit der Bekämpfung von Armut und Wohnungslosigkeit beschäftigen. Auch in der Nationalen Armutskonferenz haben wir einen Sitz. Seit über einem Jahr vertrete ich dort die bundesweit tätigen 104 Bahnhofsmissionen mit ihren etwa 2.000 ehrenamtlichen Helfern. In die politischen Forderungen, die die Nationale Armutskonferenz stellt, fließt ein, was wir vor Ort erleben. Und dazu gehört unter anderem, dass es mehr versteckte Armut gibt als allgemein angenommen. 65 Prozent unserer Gäste müssen mit weniger als 500 Euro im Monat auskommen.

Die Arbeit der Bahnhofsmission wird nicht vom Staat gefördert. Sie basiert vor allem auf Spenden, Kirchenmitteln und dem hohen Engagement ihrer vielen ehrenamtlichen Helfer. Wünschen Sie sich eine stärkere Professionalisierung der Arbeit?

Ja. Dazu gehört für mich, dass es in jeder Bahnhofsmission mindestens einen festangestellten Sozialarbeiter gibt und regelmäßige Fortbildungen und Supervisionen für die Ehrenamtlichen angeboten und bezahlt werden. Ein Thema, das uns gerade stark beschäftigt, sind Schutzkonzepte gegen Missbrauch und Gewalt. Auch in diese Hinsicht braucht es nach meiner Ansicht mehr Professionalität. Die Bahnhofsmission muss ein sicherer Ort für alle sein. Es braucht klare Regeln, damit Grenzverletzungen vermieden werden. Mir sind keine Fälle von Gewalt oder sexuellem Missbrauch bekannt, aber wir sollten rechtzeitig dafür sorgen, dass es nicht dazu kommt.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Bahnhofsmission Dortmund

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Referent/in

Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit

Weitere Informationen
Ein Artikel zum Thema:
Ehrenamt
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (5 Stimmen)

Gemeinsam den Tisch decken und Menschen zusammenbringen, die sich sonst nicht begegnen, das ist die Idee des diesjährigen Mottos "Begegnung stiften" am Tag der Bahnhofsmission. Traditionell laden viele Bahnhofsmissionen daher zu Waffeln und Kaffee ein. Doch es gibt auch Bücherbasare, Lesungen und die Möglichkeit, Kooperationspartner kennenzulernen. So stellt die Solinger Bahnhofsmission ihr ärztliches Unterstützernetzwerk Solimed vor. Bei der Wuppertaler Bahnhofsmission begegnen die Besucher auch den Soroptimisten, einer internationalen Service-Organisation berufstätiger Frauen.