8. August 2019

Sommerreihe: Ehrenamtliche in der Diakonie

Seelsorge zwischen An- und Abflug

In der Urlaubszeit herrscht Hochbetrieb am Düsseldorfer Airport. Mitten im Reisetrubel bewahren Ingrid und Ulrich Reckert die Ruhe. Die beiden ehrenamtlichen Flughafen-Seelsorger helfen allen, die Unterstützung beim Ein- und Umsteigen brauchen, Panik vorm Fliegen bekommen oder um ein Gebet oder Gespräch bitten. 

Ingrid und Ulrich Reckert beginnen ihren Dienst als ehrenamtliche Seelsorger am Düsseldorfer Flughafen immer mit einem Blick auf die Abflugtafel. Wenn es Verspätungen und Flugausfälle gibt, sind sie gefragt. Dann müssen die Reisenden warten oder umbuchen. Der Stresspegel steigt. "Viele Passagiere erleben den Flughafen als Ort der Überforderung", erklärt Ulrich Reckert. "Wenn wir mit unseren blauen T-Shirts der Flughafenseelsorge auftauchen, werden wir oft als Retter in der Not wahrgenommen."

Kein Wunder, schließlich kennen die beiden Seelsorger sich am Flughafen aus. Sie wissen, wo die richtigen Ansprechpartner der Airlines und des Flughafenpersonals sitzen. Sie sind zur Stelle, wenn Reisende Hilfe beim Ein- und Umsteigen brauchen, einen Zusammenbruch erleiden oder Panik vorm Fliegen bekommen. "Seelsorge heißt, sich Zeit nehmen und zuhören“, betont Ingrid Reckert. "Danach sieht die Welt oft schon anders aus." In der Hektik des Airports ist das Ehepaar ein wohltuender Ruhepunkt.

Gut sichtbar in der Abflughalle des Düsseldorfer Airport: Schalter der Flughafenseelsorge

Counter als Alleinstellungsmerkmal

Seit fast zwei Jahren gehören Ingrid und Ulrich Reckert zum 30-köpfigen Team der ökumenischen Flughafenseelsorge am Düsseldorfer Airport. Die Ehrenamtlichen unterstützen die beiden hauptamtlichen Flughafenseelsorger Ute Clevers und Johannes Westerdick. Finanziert und getragen wird die Flughafenseelsorge von der evangelischen und katholische Kirche sowie dem Flughafen Düsseldorf. Die organisatorische Leitung liegt bei der Diakonie Düsseldorf. Seit zwei Jahren ist die Flughafenseelsorge mit einem eigenen Schalter gut sichtbar in der Abflughalle präsent.

 "Einen solchen Counter hat keine andere Flughafenseelsorge", sagt Ute Clevers stolz. Auch über ein so großes Team an Ehrenamtlichen verfügen nur wenige Seelsorgende, die es an insgesamt zehn Flughäfen im deutschsprachigen Raum gibt. Der Schalter ist jeden Tag von morgens bis abends besetzt. Die Ehrenamtlichen sind in Drei-Stunden-Schichten tätig. Ingrid und Ulrich Reckert übernehmen zweimal im Monat jeweils eine Schicht. Häufig am Wochenende, denn Ulrich Reckert ist noch berufstätig. Doch er steht kurz vor seiner Pensionierung.

Portrait

Flugzeuge und die Welt des Flughafens haben Ulrich Reckert schon immer fasziniert.

Begeistert vom Flughafen

Das Ehrenamt am Düsseldorfer Airport hat sich Ulrich Reckert bewusst schon jetzt ausgesucht. "Ich liebe Flugzeuge und habe schon immer viel Zeit auf der Besucherterrasse am Flughafen verbracht", erzählt er. "Dieser Ort symbolisiert Weite und Freiheit." Ob die Flughafenseelsorge tatsächlich zu ihm passt, wollte Ulrich Reckert vor seinem Ruhestand herausfinden. Jetzt ist er von diesem Ehrenamt begeistert – und hat auch seine 61-jährige Frau dafür gewinnen können.

Bis dahin hatte sich Ingrid Reckert vorwiegend in der Flüchtlingshilfe engagiert. "Es war eine berührende Zeit, als wir die vielen Asylbewerber, die 2015 hier ankamen, mit Kleidung und Essen versorgt haben", sagt sie. Noch heute ist sie in einem Flüchtlingsheim aktiv. "Genau wie in der Flüchtlingshilfe habe ich auch am Flughafen mit Menschen aus verschiedenen Ländern, Religionen und Kulturen zu tun", sagt sie. "Aber hier können wir oft schnell und unkompliziert helfen. Das gefällt mir an diesem Ehrenamt."

Wenn die Flughafenseelsorgenden in ihren blauen T-Shirts unterwegs sind, werden sie oft von Passagieren um Hilfe gebeten.

Gespräche, Begleitung, Reisesegen

Der Alltag der Flughafenseelsorger besteht aus eher kleinen, unspektakulären Begegnungen. Sie begleiten Senioren oder Menschen mit Behinderung vom Check-In bis ins Flugzeug. Sie führen Gespräche mit Passagieren, die ängstlich, besorgt oder einsam sind. Sie helfen ausländischen Reisenden, die am Flughafen gestrandet sind. Beim Tod eines Reisenden begleiten die Seelsorgenden zudem Angehörige und Crew-Mitglieder. Auch für den Katastrophenfall, den Absturz einer Maschine, sind sie geschult.

Rund 120 längerfristige Begleitungen pro Monat zählt die Seelsorge am Düsseldorf Airport. Dazu gehört auch die Begleitung in den Gedenkraum des Flughafens, um dort – oder auch mitten im Trubel der Abflughalle – einen Reisesegen oder ein Gebet zu sprechen. In der Hauptsaison zwischen den Oster- und Herbstferien haben die Seelsorger etwa 3.500 Kontakte zu Passagieren, die kürzer als eine Viertelstunde dauern. Hier geht es häufig um Orientierungsfragen.

Ingrid und Ulrich Reckert im Gedenkraum des Flughafens, der unter anderem an die Opfer des Absturzes der German-Wings-Maschine erinnert.

Teil einer lebendigen Kirche

Ein halbes Jahr wurden Ingrid und Ulrich Reckert in einem Fortbildungskurs auf ihr Ehrenamt vorbereitet. Gesprächsführung, Erste Hilfe, der Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen und Religionen waren dabei ebenso Thema wie die Verwaltungsvorschriften und Zuständigkeiten am Flughafen.

"In den Rollenspielen habe ich viel über mich selbst erfahren", sagt Ingrid Reckert. "Und eine andere Kirche kennengelernt – offen, lebendig und bunt." Vorher habe sie öfter darüber nachgedacht, aus der Kirche auszutreten, gibt sie zu. "Jetzt engagieren wir uns wieder in unserer Kirchengemeinde und haben im Januar kirchlich geheiratet." Dass sie miteinander glücklich sind, merken die Passagiere ihnen offenbar an. Neulich wurde Ulrich Reckert von einem jungen Mann gebeten, mit seinem Freund über dessen Liebeskummer zu sprechen. "Das war schon etwas ungewöhnlich", schmunzelt er. "Aber ich glaube, ich konnte ihm Mut machen."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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Wer Interesse an einem Ehrenamt bei der Flughafenseelsorge Düsseldorf Airport hat, der kann sich für das Frühjahr 2020 bei der hauptamtlichen Flughafenseelsorgerin Ute Clevers melden (flughafenseelsorge@dus.com).