22. Juni 2018

Mitgliederversammlung Bahnhofsmissionen

Ehrenamt mit Herz und Verstand

Rund 500 Ehrenamtliche engagieren sich in den 24 Bahnhofsmissionen zwischen Bielefeld und Saarbrücken. Doch in der Politik wird ihre wichtige Arbeit für Reisende und Menschen in Not zu wenig wahrgenommen und unterstützt. Das kritisierten die Bahnhofsmissionen jetzt auf der Mitgliederversammlung ihres Fachverbandes in der Diakonie RWL. NRW-Ehrenamtsstaatssekretärin Andrea Milz riet zu mehr Hartnäckigkeit.

Kaffeebecher Bahnhofsmission

Reisehilfen für Senioren, Menschen mit Behinderung und Kinder. Ein Kaffee und offenes Ohr für all jene, die am Bahnhof stranden. Erste Hilfe für die Abgehängten und hoffnungslosen Fälle. Weitervermittlung in die sozialen Netzwerke der Kommunen: Die Arbeit der 24 Bahnhofsmissionen in der Diakonie RWL ist vielfältig und anspruchsvoll. Sie erfordert Teamarbeit und Professionalität – und basiert auf dem Engagement von rund 500 ehrenamtlichen Helfern. Durchschnittlich 35 Stunden im Monat stehen sie den Bahnhofmissionen zur Seite, fast doppelt so viel wie Menschen sonst in ein Ehrenamt investieren.

Portrait

NRW-Staatssekretärin Andrea Milz vor der Tafel mit den Wünschen der Bahnhofsmissionen

Arbeit mit Herzblut

Ein Engagement, wie es sich eine Politikerin, die fürs Ehrenamt zuständig ist, nur wünschen kann. Und tatsächlich zeigte sich die Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt des Landes NRW, Andrea Milz, beeindruckt. "Diese Arbeit wird mit sehr viel Herzblut, aber auch Verstand gemacht", lobte sie am Donnerstag auf der Mitgliederversammlung des Fachverbandes Bahnhofsmissionen in der Diakonie RWL in Düsseldorf. Aber für einen dringlichen Wunsch der Mitglieder fühlte sich Milz nicht zuständig: mehr Fördermittel.

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Damit Ehrenamtliche nicht schnell überfordert sind, brauchen sie Hauptamtliche, betonte Corinna Rindle von der Bahnhofsmission Köln.

Ehrenamt braucht Hauptamt

Die Arbeit der Bahnhofsmissionen wird fast ausschließlich mit Spenden und Geldern aus Kirche und Diakonie finanziert. Dabei seien die Bahnhofsmissionen eine wahrhafte Stütze der Gesellschaft mit einem hohen Anspruch an sozialer Kompetenz, Teamarbeit und regelmäßigem Engagement, betonte Corinna Rindle von der Bahnhofsmission Köln. "Wir brauchen eine Förderung, damit unsere Arbeit stärker auf hauptamtlichen Füßen stehen kann."

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Beim Thema Ehrenamt sind die Bahnhofsmissionen zu selten im Fokus der Politik, kritisierte Diakonie RWL-Referentin Karen Sommer-Loeffen. 

Im Schatten der Politik

Die Staatssekretärin bezeichnete sich als "Strategie für das Ehrenamt in NRW" und betonte, die Fachlichkeit und das Geld für ehrenamtliches Engagement liege bei den Ministerien. "Uns ist es vor allem wichtig, von der Politik wahrgenommen zu werden", sagte Diakonie RWL-Referentin Karen Sommer-Loeffen. Denn häufig würden die Bahnhofsmissionen beim Thema Ehrenamt nicht mitgedacht. Der Tipp der Staatssekretärin: "Seien Sie hartnäckig und zeigen Sie, dass Sie da sind!"

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Barbara Kempnich von der Bahnhofsmission Düsseldorf lud Andrea Milz zum Vor-Ort-Besuch ein.

Zu Gast bei der Düsseldorfer Bahnhofsmission

Ein erster Schritt dazu sei ja nun getan, versicherte die CDU-Politikerin. Sie war am Donnerstag nicht nur auf der Mitgliederversammlung zu Gast, sondern besuchte anschließend noch die Düsseldorfer Bahnhofsmission. Andrea Milz warb für die neue Engagementstrategie des Landes NRW und lud zu den fünf großen Regionalveranstaltungen ein, in denen Ehrenamtliche ihre Einsatzgebiete und ihre besonderen Wünsche vorstellen sollen. "Wir sammeln die Anliegen der Ehrenamtlichen und entwickeln daraus eine Strategie."

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Ulrike Peine von der Bahnhofsmission Essen wünscht sich mehr Deeskalationstrainings für ihre Ehrenamtlichen.

Mehr Fortbildungen für Ehrenamtliche

Einen Wunsch der Ehrenamtlichen konnten die Teilnehmenden der Mitgliederversammlung der Staatssekretärin direkt mit auf den Weg geben. Sie könnte die Teilnahme an mehr Fortbildungen unterstützen. "Gerade in den Ruhrgebietsstädten sind unsere Ehrenamtlichen überproportional mit hochaggressiven und schwer psychisch kranken Menschen beschäftigt", erklärte Ulrike Peine von der Bahnhofsmission Essen. "Sie brauchen Deeskalationstrainings."

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Die Bahnhofsmissionen wollen mehr junge Freiwillige wie Melina Kleinöder, die in Düsseldorf arbeitet, gewinnen. Dafür brauchen sie ein modernes Image. 

Zeit für ein neues Image

Und es fehlen neue und jüngere ehrenamtliche Mitarbeiter. Das durchschnittliche Alter der freiwilligen Helfer liegt bei 50 Jahren. In einigen Bahnhofsmissionen gelingt es schon gut, Schüler und Studierende einzubinden, andere tun sich damit schwerer.

"Viele Menschen denken immer noch, dass unsere Mitarbeiterschaft aus mildtätigen alten Damen besteht, die Suppe an Obdachlose ausgeben", sagte Christine Kockmann-Surmann von der Bahnhofsmission Münster. "Wir brauchen ein anderes Image."

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Christian Brakemeier vom Bundesverband der Bahnhofsmissionen stellte das neue Sozialmonitoring vor.

Armut im Fokus

Schon seit vielen Jahren sind Bahnhofsmissionen angehalten, nur noch Getränke auszugeben. Im Vordergrund sollte nicht mehr allein die Verpflegung von Obdachlosen stehen, sondern die Reisehilfen. Menschen in Not sollten vor allem in die Hilfsangebote vor Ort vermittelt werden. Das aktuelle bundesweite Sozialmonitoring der ökumenischen Konferenz Kirchlicher Bahnhofsmissionen zeigt allerdings, dass unter den Gästen rund 65 Prozent arme Menschen sind, die auf Verpflegung hoffen. Und sie dann auch in Form von Essen, Trinken, Auskünften und Gesprächen in den meisten Bahnhofsmissionen erhalten.

"Das muss reingeholt werden ins Konzept", erklärte Christian Bakemeier, Geschäftsführer des Evangelischen Verbandes für Bahnhofsmissionen. "Mit der Deutschen Bahn sollten wir darüber ins Gespräch kommen, damit diese gelebte Praxis auch akzeptiert wird."

Gruppenbild

Pfarrer Klaus Dieter Kottnik, seit einem Jahr für die Bahnhofsmissionen zuständig, im Gespräch mit Elke Grothe-Kühn von der Diakonie RWL.

Forderungen zum Jubiläum

Der Vorsitzende des Bundesverbandes, Pfarrer Klaus Dieter Kottnik, betonte noch einmal die Notwendigkeit einer besseren finanziellen Ausstattung. "Es spiegeln sich so viele Aufgaben in dieser wichtigen sozialen Arbeit, die gesellschaftliche Aufgaben sind und deshalb auch vom Staat gefördert werden sollten." Der ehemalige Diakoniepräsident will darüber mit dem Städte- und Landkreistag verhandeln.

Er ist optimistisch, dass die Bahnhofsmissionen künftig in Politik und Gesellschaft stärker wahrgenommen werden. Im kommenden Jahr feiern sie ihr 125-jähriges Bestehen. "Wir werden dieses Jubiläum nutzen, um unsere Arbeit in einem modernen Antlitz bekannter zu machen", versprach er.

Text: Sabine Damaschke, Fotos: Christian Carls

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Karen Sommer-Loeffen
Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit
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