23. November 2018

Hospizdienste

Letzte Hilfe für Sterbende

Fast jeder Deutsche macht einen Erste-Hilfe-Kurs, um Leben zu retten. Doch wie kann man einem Menschen helfen, der im Sterben liegt? In solchen Fällen fühlen sich die meisten Menschen überfordert. Die Ökumenische Hospizgruppe Kaiserswerth veranstaltet deshalb Letzte-Hilfe-Kurse. Hier lernen die Teilnehmer, Sterbende gut zu begleiten.

Hände

Gute Sterbebegleitung zuhause - die Kurse helfen den Teilnehmern, sich das zuzutrauen.

Als Johanna Weigelts Großmutter im Sterben lag, schmückte die Familie das Zimmer mit Blumen. Es roch nach Rosenöl, dem Lieblingsduft der Großmutter. Die Geigenmusik, die sie Zeit ihres Lebens so gemocht hatte, war leise zu hören. "Ich habe den Tod meiner Großmutter als bereichernd erlebt", sagt die Enkelin. "Wenn es gelingt, sich in einem schönen familiären Rahmen auf Sterbende einzulassen, kann das eine positive Erfahrung sein."

Eigentlich wünschten sich die meisten Menschen, zuhause im Kreis der Familie zu sterben -so wie Johanna Weigelts Großmutter. Aber viele Angehörige trauten sich das nicht zu, weiß Pfarrerin Dorothee Marquardt von der Ökumenischen Hospizgruppe Kaiserswerth in Düsseldorf, einem Mitglied der Diakonie RWL. "Sie haben Angst, etwas falsch zu machen." Seit dem Frühjahr bietet die Ökumenische Hospizgruppe deshalb kostenlose "Letzte-Hilfe-Kurse" an. Dabei bekommen die Teilnehmer in rund vier Stunden Wissen und Tipps rund um das Thema Sterbebegleitung.

Portrait

Pfarrerin Dorothee Marquardt leitet die "Letzte-Hilfe-Kurse" in Kaiserswerth.

Sterbebegleitung kann jeder

"Wir versuchen die Leute zu ermutigen, damit ihre Angehörigen zuhause sterben können", sagt Kursleiterin Marquardt. Eigentlich könne man gar nicht viel falsch machen. "Jeder, der sich damit auseinandersetzt, kann das." Die meisten Menschen hätten nur die natürliche Intuition verloren, beobachtet Marquardt. "Die versuchen wir zu vermitteln."

Entwickelt wurde das Konzept für die Kurse von dem Palliativmediziner Georg Bollig. Vor drei Jahren bot er in Schleswig den bundesweit ersten Letzte-Hilfe-Kurs an. Der Mediziner hatte beobachtet, dass viele Menschen ihre letzten Stunden im Krankenhaus verbringen, obwohl sie bei guter Betreuung auch friedlich zuhause in ihrer vertrauten Umgebung sterben könnten.

Georg Bollig war allerdings klar, dass das nur mit tatkräftiger Unterstützung von Angehörigen oder Freunden möglich ist. "Nur wenn Menschen da sind, die sich kümmern, hat man die Chance, zuhause zu sterben", betont er. "Letzte Hilfe sollte deshalb so wie Erste Hilfe zur Allgemeinbildung gehören", fordert der Arzt.

Aussenansicht

Bitte eintreten! Die Ökumenische Hospizgruppe Kaiserswerth bietet die Kurse in sehr schöner Umgebung an.

Letzte-Hilfe-Kurse finden großen Zulauf

Was zunächst ungewöhnlich schien, macht inzwischen Schule. Mittlerweile hat Bollig 750 Kursleiter ausgebildet, die bundesweit insgesamt rund 7.000 Menschen in Letzter Hilfe schulten.Obwohl der Tod als eines der letzten Tabu-Themen gilt, finden die Kurse großen Zulauf.

Die Ökumenische Hospizgruppe Kaiserswerth hat in diesem Jahr vier Kurse mit jeweils 15 Plätzen angeboten - und alle waren ausgebucht. Auch im kommenden Jahr soll es dieses Angebot wieder regelmäßig geben. "Es kommen Menschen unterschiedlichster Generationen und mit ganz verschiedenen beruflichen Hintergründen", beobachtet Marquardt. Einige haben pflegebedürftige Angehörige, auf deren Tod sie sich vorbereiten möchten. Andere wollen sich grundsätzlich einmal mit dem Thema Sterben auseinandersetzen.

Gruppenfoto

Dorothee Marquardt gibt die Kurse immer gemeinsam mit Pflegefachkraft Norma Anita Kugelmann.

Das Thema Pflege gehört immer dazu

In den Kursen erfahren die Teilnehmer unter anderem, wie sie dem Sterbenden in den letzten Stunden noch etwas Gutes zu tun können. Geleitet werden die Kurse von zwei Fachleuten der Hospizarbeit, darunter ist immer eine Pflegekraft oder eine Ärztin bzw. ein Arzt. Schließlich geht es auch um pflegerische Aspekte.

Wichtig sei etwa die Mundpflege, sagt der Mediziner Bollig. Denn wenn Menschen nicht mehr trinken und schlucken können, leiden sie unter einem trockenen Mund. Das können die Angehörigen zum Beispiel lindern, indem sie die Lippen eincremen und den Mund wiederholt mit einem feuchten Wattestäbchen auspinseln. Es geht darum zu schauen, was dem Sterbenden angenehm ist. Das kann etwa auch eine Hand- oder Fußmassage sein.

Besprochen werden aber nicht nur praktische Möglichkeiten, Angst oder Leiden des Sterbenden zu lindern. Es geht auch darum, was Menschen am Lebensende gemeinsam mit ihren Angehörigen tun können, um gut auf den Tod vorbereitet zu sein. Dazu gehört zum Beispiel, rechtzeitig eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht zu erteilen.

Zimmer mit Hausaltar

Würdiges Gedenken an Verstorbene: Die Hospizgruppe zeigt, wie ein Raum dafür gestaltet werden kann.

Sterbebegleiter können sich Hilfe holen

Außerdem erfahren die Teilnehmer, dass sie sich bei der Begleitung des Sterbenden zuhause Hilfe holen können. Das kann neben dem Hausarzt auch eine spezielle ambulante Palliativversorgung oder ein Pflegedienst sein. Nicht zuletzt gibt es Hospizvereine, die Angehörigen helfen, den Sterbenden bestmöglich zu betreuen.

Johanna Weigelt machte den Letzte-Hilfe-Kurs erst, nachdem ihre Großmutter gestorben war. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest: "Wir haben schon viel richtig gemacht." Dazu gelernt habe sie trotzdem noch, sagt die Düsseldorferin. Neu seien für sie vor allem die Informationen über die körperlichen Vorgänge beim Sterben gewesen. Als besonders belastend empfand sie die rasselnde Atmung der Großmutter kurz vor ihrem Tod, weil sie das als Todeskampf deutete. Hätte sie damals schon gewusst, dass es einfach ein Symptom des Sterbens ist, wäre es leichter zu ertragen gewesen, meint Weigelt.

Text: Claudia Rometsch, Fotos: Christian Carls

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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