6. Februar 2020

Ehrenamt auf dem Land

Mit dem "digitalen Dorf" in die Zukunft

Schließende Arztpraxen, mangelnde Verkehrsanbindung, kein schnelles Internet – Genug Gründe, vom Land in die Großstadt zu ziehen. Dabei bevorzugen Umfragen zufolge 78 Prozent der Deutschen das Leben in Dörfern oder Kleinstädten. Wie kann das Leben auf dem Land wieder attraktiv werden? Und welche Rolle spielt dabei das Ehrenamt? Mit diesen Fragen hat sich ein Fachtag der Diakonie RWL beschäftigt.

  • Landschaft mit Kirche im Winter

Heidrun Wuttke bezeichnet sich gerne als "Störer". Ihr Job ist es, dorthin Bewegung und Lust auf Neues zu bringen, wo vieles in ausgetretenen Bahnen läuft. Vor vier Jahren kam sie deshalb aus Berlin in den Kreis Höxter bei Paderborn. Als Großstädterin war sie das Autofahren nicht gewohnt und krachte mit ihrem Wagen prompt in eine Kirchenmauer. "Und damit waren wir direkt beim Thema", erzählt sie auf dem Fachtag der Diakonie RWL zum Ehrenamt im ländlichen Raum. "Was ist mit Leuten, die kein Auto fahren können oder wollen, weil es unökologisch ist?"

Ohne Auto auf dem Land leben und trotzdem mobil sein, die Nachbarn nicht direkt auf der Pelle haben und dennoch Gemeinschaft und Hilfe erleben – Mit dem Modellprojekt "Smart Country Side" (SCS) sollte das im nordrhein-westfälischen Kreis Höxter und Lippe möglich werden. Und Heidrun Wuttke war als Projektleiterin angereist, um dafür mit Menschen aus 26 Dörfern Ideen zu entwickeln und umzusetzen. "Als Störer braucht man Leute, die vorausdenken, Visionäre, die mitmachen", erzählt sie. "In Ostwestfalen-Lippe habe ich sie getroffen, denn dort herrscht eine echte Anpackkultur."

Heidrun Wuttke und Martina Werderhausen (v.l.) vom Projekt Smart Country Side auf einem Fachtag der Diakonie RWL

Zwei Gesichter der "Smart Country Side": Heidrun Wuttke und Martina Werderhausen (v.l.)

Die "sorgende Gemeinschaft"

Zu denen, die "anpacken", gehört Martina Werderhausen. Seit vielen Jahren engagiert sie sich in ihrem Dorf Ovenhausen für die Caritas Konferenz. Sie hat ein "Klöncafé" mitgegründet, kümmert sich um ältere Menschen aus dem 1000-Einwohner-Dorf und ist in der Flüchtlingsarbeit aktiv.

Im Rahmen des SCS-Projekts hat sie sich gemeinsam mit 150 anderen ehrenamtlich engagierten Bürgern zur "Dorf-Digital-Expertin" ausbilden lassen. Jetzt schult sie die Menschen in ihrem Dorf, wie sie den digitalen Dorf-Funk und Dorf-Hilferuf nutzen, Onlinebanking machen und die Dorf-Website bespielen können. So lässt sich Nachbarschaftshilfe – vom Bürgerbus und ehrenamtlichen Shuttleservice über Krankenbesuche, Kinderbetreuung bis hin zu Erntehilfe und Dorffesten – leichter organisieren. "Wir sind ein sorgendes Dorf", betont Martina Werdehausen, "und gewinnen deshalb immer mehr jüngere Menschen zurück, die für ihre Ausbildung weggezogen sind". Inzwischen gibt es in Ovenhausen sogar ein Neubaugebiet.

Stephanie Arens leitet das Strukturförderprogramm "Regionale 2025" der Südwestfalen-Agentur

Stephanie Arens leitet das Strukturförderprogramm "Regionale 2025" der Südwestfalen-Agentur.

Offen für moderne Lebensstile

Sozial braucht digital, vor allem auf dem Land – Davon ist auch Geografin Stephanie Arens überzeugt. Sie leitet das Strukturförderprogramm "Regionale 2025" der Südwestfalen Agentur, die im ländlich geprägten Sauer- und Siegerland aktiv ist. Mit 150 Unternehmen, die in ihrer Branche Weltmarktführer sind, gilt sie als drittstärkste Industrieregion Deutschlands.

Dennoch leidet auch diese Region unter einem starken Bevölkerungsrückgang unter jungen Menschen. "Das Dorf hat ein Imageproblem", sagte Stephanie Arens auf der Tagung. "Wenn wir wollen, dass junge Leute bleiben oder nach Ausbildung und Studium zurückkommen, müssen wir offen für andere Lebensstile sein." Dazu gehörten neben einer guten digitalen Vernetzung, die das Arbeiten, die Freizeitgestaltung und das ehrenamtliche Engagement auf dem Land erleichterten, auch stärkere Beteiligungsmöglichkeiten. "Die Menschen wollen mitbestimmen, wenn es um die Gestaltung des Bahnhofs, mehr E-Mobilität oder den Breitbandanschluss geht."

Erika Neubauer vom Evangelischen Seniorennetzwerk Rheinland-Westfalen-Lippe auf einem Fachtag der Diakonie RWL

Im "Unruhestand":  Erika Neubauer engagiert sich im Evangelischen Seniorennetzwerk.

Vernetzung statt Konkurrenz

Erfolgreich könne das aber nur mit einer möglichst guten Vernetzung aller ehrenamtlichen Akteure vor Ort gelingen, betonte Erika Neubauer, die sich im Evangelischen Seniorennetzwerk Rheinland-Westfalen-Lippe engagiert. Sie kritisierte, dass das "gemeinsame Tun" in den Dörfern noch zu oft von Konkurrenzen verschiedener Vereine, Initiativen und Kirchen geprägt ist.

"Wir brauchen einen Zusammenschluss der Willigen", ergänzte Birgit Heydemann, Ehrenamtskoordinatorin der Perthes-Stiftung. Im ländlich geprägten Hamm sei das vor allem durch Quartiersmanager gelungen. "Sie können dafür sorgen, dass sich Angebote ehrenamtlicher Nachbarschaftshilfe nicht doppeln."

Diakonie RWL-Referentin Karen Sommer-Loeffen auf dem Fachtag "Ehrenamt auf dem Land"

Ideenbörse für das Ehrenamt auf dem Land - Diakonie RWL-Referentin Karen Sommer-Loeffen hat den Fachtag organisiert.

Diakonie als geschlossenes System

Stephanie Arens und Heidrun Wuttke forderten die Teilnehmenden des Fachtags auf, sich stärker in bereits bestehenden Initiativen und Projekten wie den "digitalen Dörfern" zu engagieren. "Wir erleben Kirche und Diakonie leider häufig als geschlossene Systeme", sagte Stephanie Arens und erhielt große Zustimmung von den Teilnehmenden.

"Wir müssen tatsächlich offener dafür werden, uns aktiv in bestehende Netzwerke einzubringen und so die Kraft der Ehrenamtlichen zu bündeln", erklärte Diakonie RWL-Ehrenamtsexpertin Karen Sommer-Loeffen, die den Fachtag organisiert hatte. Gerade auf dem Land gebe es immer mehr Menschen, die einsam und schlecht versorgt seien. "Nachbarschaftliches Engagement mit digitalen Mitteln zu fördern, kann nur im Interesse von Diakonie und Kirche sein." Ein mutmachendes Beispiel ist für die langjährige Referentin das neue Modellprojekt "Dörfer mit Zukunft" von Diakonie und nebenan.de, das Ende Januar in fünf Bundesländern gestartet ist.

Text und Fotos: Sabine Damaschke; Teaserfoto: Karl Egger/pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Referent/in

Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit

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