27. März 2020

Ehrenamt in der Corona-Pandemie

Kreativ durch die Krise

Wegen der Corona-Pandemie mussten zahlreiche soziale Einrichtungen schließen. Doch viele meistern die Krise inzwischen mit neuen Ideen und ungewöhnlichen Projekten. Möglich ist das auch durch eine Welle der Hilfsbereitschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter. Sie erledigen Einkäufe, schreiben Briefe oder veranstalten Balkonkonzerte.

  • Nähe auf Distanz: Eine Frau unterhält sich mit einem Kind durch den Briefkastenschlitz.
  • Wer kann helfen? Timon legt Flyer der Diakonie Michaelshoven aus. (Foto: privat)

"Mit einer solch unglaublichen Resonanz haben wir nicht gerechnet", sagt Carlos Stemmerich von der Diakonie Michaelshoven in Köln. In kürzester Zeit hat sich unter dem Dach der Diakonie eine "Corona-Nachbarschaftshilfe" organisiert. Sie erledigt Einkäufe für etwa 140 Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen oder wegen ihres Alters zur Corona-Risikogruppe gehören. Das funktioniert dank eines großen Zulaufs neuer Helfer. Rund 200 Freiwillige, von denen ein großer Teil bislang nicht ehrenamtlich bei der Diakonie tätig war, meldeten sich.

Erfahrung mit Nachbarschaftshilfe gibt es bei der Diakonie Michaelshoven reichlich. Im Rahmen des Projekts "Helfende Hände" bieten Ehrenamtliche Hilfebedürftigen seit Jahren Unterstützung an, etwa Begleitung bei Arztbesuchen, kleinere Reparaturen oder Hilfe beim Ausfüllen von Formularen. Doch weil direkter Kontakt wegen der Ansteckungsgefahr nun nicht mehr möglich ist, disponierte Stemmerich kurzerhand um. 

Porträt Karen Sommer-Loeffen

Ehrenamtliche müssen vor Ansteckung geschützt werden, betont Karen Sommer-Loeffen.

Bedarf an Nachbarschaftshilfe steigt

In Apotheken, bei Ärzten und bei Seniorennetzwerken machte er Aushänge und verteilte Handzettel, um den neuen Einkaufsservice bekannt zu machen und Freiwillige zu gewinnen. Die Hilfsbereitschaft ist groß. "Wir bekommen täglich mehr Anfragen von Freiwilligen", sagt Stemmerich. Und das ist gut so. "Wir gehen davon aus, dass der Bedarf noch sprunghaft ansteigen wird", erwartet Stemmerich. Beim Einkaufsdienst gibt es Regeln, die in normalen Zeiten eher ungewöhnlich für das Ehrenamt sind. Die Diakonie Michaelshoven achtet darauf, dass die Ehrenamtlichen den direkten Kontakt mit den Hilfebedürftigen meiden. Die Helfer stellen die Einkäufe vor die Tür und lassen sich die Ausgaben nach Möglichkeit überweisen. 

Karen Sommer-Loeffen, im Diakonischen Werk Rheinland-Westfalen-Lippe zuständig für das Ehrenamt, sind solche Regeln besonders wichtig. Derzeit würden die Menschen an vielen Stellen aufgefordert, Nachbarschaftshilfe zu leisten. Es gebe einen regelrechten Hype. "Das muss allerdings gut überlegt sein und verantwortlich geschehen, um Menschen nicht zu gefährden und Ansteckung zu vermeiden", warnt Sommer-Loeffen. Es müssten Wege gefunden werden, wie man ohne direkten Kontakt helfen könne.

Ehrenamtliche treffen sich vor Seniorenzentren und spielen Musik.

Ehrenamtliche treffen sich vor Seniorenzentren und spielen Musik.

Balkonkonzerte, Telefongespräche und Briefe gegen Einsamkeit

Eine Möglichkeit, alten Menschen aus der Distanz über die kontaktarme Zeit hinwegzuhelfen, sind sogenannte Balkonkonzerte, wie sie die Diakonie Michaelshoven derzeit organisiert. Jeweils zwei Musiker werden in Höfen oder Gärten von Pflegeheimen ehrenamtlich musizieren. Die Bewohner können vom Fenster oder Balkon aus zuhören. Trotz aller Probleme, die die Corona-Krise mit sich bringt, sieht Stemmerich in der derzeitigen Hilfsbereitschaft eine Chance, dass sich auch künftig mehr Menschen für das Allgemeinwohl engagieren. "Wir gewinnen viele neue Ehrenamtliche, die wir nach Ende der Corona-Krise natürlich fragen werden, ob sie weiter in unseren Projekten mitarbeiten wollen."

Verstärkten Zulauf registriert auch der Telefonische Besuchsdienst des Diakonischen Werks des Kirchenkreises Leverkusen. "Wir sind sozusagen der Dienst der Stunde", sagt Projektleiterin Annette Echstenkämper. Denn das Angebot, das es bereits seit zehn Jahren gibt, ist nun gefragter denn je. "Wir müssen nicht umorganisieren, aber aufstocken", sagt Echstenkämper.

EIne Stimme gegen das Alleinsein: Wer sich einsam fühlt, kann sich für einen telefonischen Besuchsdienst anmelden.

EIne Stimme gegen das Alleinsein: Wer sich einsam fühlt, kann sich für einen telefonischen Besuchsdienst anmelden.

Einsamkeit wird zunehmen

Zu den rund 50 Helfern, die regelmäßig telefonischen Kontakt zu Senioren halten, hätten sich nun 15 bis 20 weitere Ehrenamtliche gemeldet. Zugleich sei im Zuge der Corona-Krise auch der Bedarf gestiegen, beobachtet Echstenkämper. Denn viele Senioren hätten nun noch weniger Kontakt zu anderen Menschen. "Manch einer benötigt da ein zusätzliches Gespräch." Auch Echstenkämper rechnet damit, dass noch mehr Menschen den Telefonischen Besuchsdienst brauchen werden, je länger die Ausgangsbeschränkungen andauern.

Während für viele Menschen digitale Kommunikationsmittel in diesen Wochen die Nabelschnur zur Außenwelt bilden, kommen alte Menschen mit Computer oder Handy oft nicht zurecht. Die Diakonie Bonn besinnt sich deshalb auf den guten alten Brief zurück. Mit einem Aufruf werden derzeit Menschen gesucht, die "Wort-Spenden" leisten und Senioren einen Brief schreiben. Die Briefe werden von den Pflegerinnen und Pflegern der Diakonie mit zu den Patienten genommen.

Statt Mittagsessen im "Zentrum Plus" in Gerresheim werden die Senioren jetzt per Liefer-Service versorgt.

Statt Mittagsessen im "Zentrum Plus" in Gerresheim werden die Senioren jetzt per Liefer-Service versorgt.

Solidarisches Miteinander funktioniert

Stephanie Krause von der Freiwilligenzentrale Hagen der Diakonie Mark-Ruhr macht die Erfahrung, dass sich nun auch mehr jüngere Menschen für ehrenamtliche Einsätze melden. "In diesen Zeiten funktioniert das solidarische Miteinander richtig gut", beobachtet sie. Im Auftrag der Stadt bündelt die Freiwilligenzentrale Initiativen, die Hilfe beim Einkauf anbieten. Rund 100 Freiwillige machen bereits mit. Darüber hinaus halten sich Ehrenamtliche bereit, telefonische Besuchsdienste zu übernehmen. Bislang sei die Resonanz bei den Senioren noch verhalten, beobachtet Krause. Aber auch sie erwartet, dass die Nachfrage deutlich steigen wird, je länger der Ausnahmezustand andauert. 

Eine komplette Neuorganisation der Arbeit bedeutete die Corona-Krise für das "zentrum plus" Gerresheim der Diakonie Düsseldorf. Es ist normalerweise ein Treffpunkt für Senioren. Vorträge, Konzerte, Beratungsangebote, Spiele-Treffs oder der Mittagstisch waren mit Beginn der Corona-Krise plötzlich gestrichen. Mit Hilfe von zehn Ehrenamtlichen stellte das Zentrum auf einen Liefer-Service um. Der erledigt nun Einkäufe oder bringt Senioren das Mittagessen nach Hause. "Außerdem halten wir über das Telefon Kontakt zu unseren Besuchern", berichtet Beraterin Alexandra Pfründer.  Systematisch rufen die Mitarbeiterinnen auch solche Menschen an, bei denen sie vermuten, dass sie Unterstützung benötigen. "So erfahren wir, wer Hilfe braucht."

Nähen fürs Krankenhaus: Die Grünen Damen im Johanniter-Krankenhaus in Bonn produzieren Mundschutzmasken.

Nähen fürs Krankenhaus: Die Grünen Damen im Johanniter-Krankenhaus in Bonn produzieren Mundschutzmasken.

Dienst an der Nähmaschine statt im Krankenhaus

Vor besondere Herausforderungen stellt die Corona-Epidemie die ehrenamtlichen Grünen Damen und Herren. Denn als Besuchsdienst in Krankenhäusern haben sie es ausschließlich mit Risiko-Gruppen zu tun. Der persönliche Kontakt durch Besuche am Krankenbett ist also nicht mehr möglich. Barbara Drews, Leiterin der evangelischen Krankenhaushilfe am Johanniter-Krankenhaus Bonn und ihre Grünen Damen und Herren wollten trotzdem nicht die Hände in den Schoß legen. "Denn gerade jetzt werden wir gebraucht, weil die Patienten ja keinen Besuch bekommen dürfen", weiß Drews. Sie organisierte deshalb das Projekt "Grünes Telefon". Wenn ein Patient besonders traurig sei oder Redebedarf habe, könne das Pflegepersonal nun einen Anruf einer Grünen Dame oder eines Grünen Herren vermitteln. 

Einen ungewöhnlichen Beitrag leisten einige der Grünen Damen am Johanniter-Krankenhaus in diesen Wochen, um dem allgemeinen Mangel an Schutzmasken entgegenzuwirken. "Der ärztliche Direktor hat mich angesprochen, ob wir helfen können", berichtet Drews. Mit einer detaillierten Anleitung setzten sich drei Grüne Damen kurzerhand an die Nähmaschine und liefern nun selbstgemachte Masken aus kochfestem Baumwollmaterial an die Pflegedirektion. "Die sehen sehr professionell aus", versichert Drews. 

Text: Claudia Rometsch, Fotos: Pixabay, Ann-Kristin Herbst und privat

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Karen Sommer-Loeffen
Referent/in

Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit

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Nachbarschaftshilfen vor Ort
Die Diakonie RWL sammelt Tipps und Informationen zur Vernetzung von Nachbarschaftshilfen vor Ort. Aktuell drohen Hilfestellungen für Risikogruppen wegzubrechen. Freiwillige können einen wichtigen Beitrag leisten, um ältere Menschen zu versorgen, ihnen über Telefon oder mit ausreichend Abstand Gesellschaft zu leisten oder ihnen zu helfen, sich digital zu vernetzen. Mehr zu den Tipps unserer Diakonie RWL-Referentin Elisabeth Selter-Chow finden Sie hier.