21. Februar 2019

Diakonie in der Vesperkirche

Vielfalt unterm Kirchendach

Wo sonst Gottesdienst gefeiert wird, gibt es für bis zu 300 Menschen täglich Mittagessen, Kaffee und Kuchen. Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Bürgervereine aus der Stadt stellen sich vor. Vier Wochen lang hat der evangelische Kirchenkreis Niederberg erstmals mit der Diakonie eine Vesperkirche angeboten. Am Sonntag endet das Projekt. Die Bilanz ist durchweg positiv.

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Gelebte Ökumene: Die Katholikin Claudia Commandeur gehört zu den ehrenamtlichen Helfern der Vesperkirche.

Claudia Commandeur bezeichnet sich gerne als "Nußknacker" ihrer Kirchengemeinde. "Kirche ist zu weit weg von den Menschen", sagt sie. "Ich möchte sie öffnen für alle, die in unserer Stadt leben, die Fragen haben, die einsam sind, die sich Veränderung wünschen. Ich will eine lebendige Kirche." Dafür hat sich die Katholikin fünf Tage lang eine weiße Schürze angezogen und in der evangelischen Stadtkirche Wülfrath gekellnert.

Für zwei Wochen ist das 900 Jahre alte Gotteshaus inmitten der bergischen Kleinstadt sogenannte "Vesperkirche" und lädt zu Mittagessen, Kuchen und Kaffee, zu Gesprächen und kulturellen Abendveranstaltungen ein. Soziale und diakonische Beratungsangebote der Stadt informieren über ihre Hilfen. Am Sonntag endet das Projekt, das aus Süddeutschland stammt und nun erstmals auch im Rheinland angeboten wurde.

Das Mittagessen auf Kirchenbänken kommt gut an.

900 Helfer, 8.500 Gäste

Die "Vesperkirche Niederberg" startete Ende Januar in der Christuskirche in Velbert und wurde dann in der Stadtkirche Wülfrath fortgesetzt. Gut vier Wochen lang waren 900 Helferinnen und Helfer im Einsatz. Täglich kamen 200 bis 300 Menschen zum Essen in die Kirchen. Rund 8.500 Menschen im Kirchenkreis Niederberg nutzten das Angebot.

"Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir tatsächlich so viele Menschen mit unserer Vesperkirche erreichen", erzählt Superintendent Jürgen Buchholz. "Und schon gar nicht damit, dass immer genug Ehrenamtliche zur Verfügung stehen." Ob Schüler, Rentnerinnen, muslimische oder katholische Ehrenamtliche wie Claudia Commandeur – die Schar der Helferinnen und Helfer war ebenso bunt gemischt wie die Gäste.

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Superintendent Jürgen Buchholz freut sich über den Erfolg der Vesperkirche.

Kirche für andere und mit anderen

 "Unser Motto 'Vielfalt unterm Kirchendach' haben wir mit Leben gefüllt", freut sich Jürgen Buchholz. "Wir wollen Kirche für andere und mit anderen sein. Das ist uns gelungen." Jung und Alt, gut situierte Bürger und Arbeitslose, Alteingesessene und neu Zugezogene seien miteinander ins Gespräch gekommen.

Bei der Konzeption und Organisation der "Vesperkirche Niederberg" war die Diakonie von Anfang an mit im Boot. Jeden Tag kamen Mitarbeitende von diakonischen und sozialen Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in die Kirche, um über ihre Hilfsangebote zu informieren. Dies taten sie nicht mit Vorträgen, sondern in persönlichen Gesprächen an Infoständen.

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"Diakonie und Kirche sind ein starkes Team", meint Elisabeth Selter-Chow.

Vielfalt unterm Kirchendach

"Wir drängen uns hier nicht auf, sondern sind Gäste in dieser Kirche wie alle anderen", betont Elisabeth Selter-Chow, Projektleitung der Vesperkirche und bei der Bergischen Diakonie für Gemeinwesendiakonie zuständig. "Unser Konzept ist ganz einfach: Man isst miteinander, und am Rand findet ganz viel Teilhabe statt."

Sie nennt Beispiele: Frauen aus dem Islamisch-Türkischen Kulturverein haben gekellnert oder sich unter die Gäste gemischt und dabei über religiöse Unterschiede und Gemeinsamkeiten gesprochen. Förderschüler haben die Gäste an den Tischen bedient und "sind nach drei Stunden sichtbar selbstbewusster geworden". Mitarbeitende der Suchtberatung waren mit Promillebrillen in der Kirche, die jeder aufsetzen und nachfühlen konnte, wie sich die Welt betrunken darstellt. Mit dem ZWAR-Netzwerk der AWO (Zwischen Arbeit und Ruhestand) wurde über Rente, Alter, Ehrenamt und Einsamkeit diskutiert.

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Wissenschaft in der Kirche: Dominic Prüßner von der Evangelischen Hochschule RWL sammelt Ideen für innovative soziale Projekte.

Ideen sammeln, Projekte entwickeln

Auch die Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe besuchte mit einer Gruppe von Studenten die Vesperkirche. Sie luden die Gäste ein, auf Stellwänden ihre Vorstellung einer modernen Kirche zu notieren.

"Auf die Frage, wie sich Kirche verändern muss, um die Menschen zu erreichen, haben wir viele konkrete Antworten bekommen", erzählt Dominic Prüßner. "Alle wünschen sich eine stärkere Öffnung der Kirche in die Stadt." Etwa mit Mottotagen für Jugendliche, modernen kulturellen Veranstaltungen und Aktionen wie die Vesperkirche.

Zupackender Besuch: Pastorin Barbara Montag von der Diakonie RWL unterstützt Superintendent Jürgen Buchholz beim Abwasch.

Das andere Gesicht der Kirche

Dominic Prüßner wertet die Ergebnisse der Befragung für das "Transfernetzwerk Soziale Innovation" aus, an dem sich auch die Diakonie RWL beteiligt. Daraus sollen dann Projekte für Kirche und Diakonie entstehen, die die Hochschule wissenschaftlich begleitet. "Die Vesperkirche ist für uns interessant, weil die Kirche hier ein anderes Gesicht zeigt", sagt er.

Claudia Commandeur möchte gerne ein Teil dieses "anderen Gesichts" sein. "Wenn ich den Menschen das Essen serviere, verstehe ich das als Gottesdienst", meint sie. "Ich setze ihnen nicht einfach etwas vor, sondern frage bewusst, was ich ihnen Gutes tun kann."

Text und Fotos: Sabine Damaschke, Teaserfoto: Hajo Gottwald/Kirchenkreis Niederberg

Ihr/e Ansprechpartner/in
Pastorin Barbara Montag

Theologie und Grundsatzfragen

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