28. August 2018

Besuchsdienste

Telefonanruf gegen die Einsamkeit

Immer mehr Menschen fühlen sich einsam. Es gibt mehr Fernbeziehungen, Single-Haushalte und einsame, ältere Menschen. Die Lage scheint so ernst zu sein, dass Großbritannien sogar ein Einsamkeitsministerium gegründet hat. Auch in Deutschland rückt das Thema in den Fokus und beschäftigt zunehmend Besuchs- und Telefondienste in der Diakonie RWL.

Esther Janßen telefoniert mit dem Handy

Esther Janßen fühlte sich früher einsamer als heute.

"Einsam war ich früher", sagt die 86-jährige Esther Jansen. "Heute fühle ich mich geborgen, denn ich weiß, dass jemand an mich denkt." Laut Statistik müsste es eigentlich anders herum sein. Danach leidet jeder Fünfte unter den über 85-jährigen Seniorinnen und Senioren in Deutschland unter Einsamkeit. Sie nimmt zu, je älter die Menschen werden. Kein Wunder, wenn Ehepartner und Freunde sterben und die Kinder längst ihr eigenes Leben in einer anderen Stadt leben.

Doch die 86-jährige ehemalige Schneiderin ist regelrecht aufgeblüht, seit sie vor sechs Jahren den Telefonischen Besuchsdienst des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Leverkusen bat, ihr eine Telefonpartnerin zu vermitteln. Einmal in der Woche erhält sie nun einen Anruf von einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin. "Wir reden über alles, was uns gerade so beschäftigt", erzählt sie. "Das reicht von Stickerei-Mustern bis zu sehr persönlichen Themen, die meine Familie betreffen."

Renate Busse-Baldringer sitzt vor dem Plakat des Telefonischen Besuchsdienstes

Koordinatorin Renate Busse-Baldringer macht auch mit Flyern und Plakaten auf die Leverkusener Initiative aufmerksam.

Kleine Geste, große Wirkung

Lange bevor das Thema Einsamkeit in den Fokus von Politik und Wissenschaft gerückt ist, hat die Kirchengemeinde in Leverkusen-Rheindorf mit dem Diakonischen Werk die Initiative gestartet. Seit acht Jahren führen geschulte ehrenamtliche Mitarbeitende von zu Hause aus jede Woche zu einer fest verabredeten Zeit ein Telefongespräch mit je einem oder zwei alten Menschen.

Eine kleine Geste der Fürsorge, die Ehrenamtliche nicht überfordert, aber dennoch große Wirkung hat. Jährlich nehmen rund 100 ältere Menschen den Telefonischen Besuchsdienst in Anspruch. Gut 50 Ehrenamtliche engagieren sich in der Initiative, die von zwei hauptamtlichen Koordinatorinnen begleitet wird. Sie ist so erfolgreich, dass sie mittlerweile Nachahmer in Bochum und Düsseldorf gefunden hat.

"Der Aufwand ist für Ehrenamtliche und die Nutzer gering", erklärt Koordinatorin Renate Busse-Baldringer. Niemand müsse Fahrtzeiten in Kauf nehmen, seine Wohnung aufräumen oder Kuchen besorgen. Trotzdem entstehe mit der Zeit eine Vertrautheit, die die Menschen positiv verändere.

Porträt

Ingrid Werry engagiert sich ehrenamtlich im Telefonischen Besuchsdienst.

Lebensfreude kehrt zurück

"Ich erlebe es oft, dass die Lebensfreude zurückkehrt und die starke Fixierung auf die Kinder, die sich nicht so kümmern, wie sich alte Menschen das wünschen, nachlässt", erzählt Ingrid Werry, die sich seit 2010 im Telefonischen Besuchsdienst engagiert. "Viele beginnen, aktiver zu werden und neue Kontakte zu suchen." 

Ein erster Begegnungsort außerhalb der Wohnung sind dafür die Kennenlern-Nachmittage, die der Telefonische Besuchsdienst zweimal im Jahr organisiert. "Hier entstehen neue Freundschaften und Ideen, was man gemeinsam unternehmen kann", berichtet Koordinatorin Ingrid Zurek-Bach.

Sie versteht sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Renate Busse-Baldringer als eine Art Lotsin durch die Angebote der Region – egal, ob es sich um ambulante Pflegedienste und die medizinische Versorgung, Seniorennachmittage oder Erzählcafés handelt. "Was wir heute im Telefonischen Besuchsdienst tun, hat früher die Nachbarschaft geleistet", sagt sie.

Porträt

Gegen Einsamkeit hilft  eine gute Nachbarschaft, betont Koordinatorin Ingrid Zurek-Bach.

Quartier stärken, Einsamkeit überwinden

Dabei beobachtet Ingrid Zurek-Bach, dass nicht nur ältere Menschen diesen "Lotsendienst" in Anspruch nehmen möchten. Auch Familien, die neu in die Stadt ziehen, Singles oder Flüchtlinge suchen nach Begegnungsorten.

"Wir müssen den Quartiersgedanken stärker nach vorne bringen", betont sie. Schließlich leben 41 Prozent der Menschen in Deutschland mittlerweile alleine, Tendenz steigend. Studien zufolge fühlt sich jeder Zehnte in Deutschland einsam. Forscher wie der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer warnt davor, dass Einsamkeit krank macht, "schmerzhaft, ansteckend und tödlich" sein kann. Eine britische Studie proklamiert, Einsamkeit sei so ungesund wie der Konsum von mindestens 15 Zigaretten am Tag.

Angesichts dieser Forschungen ist die Politik alarmiert. Großbritannien hat Anfang 2018 sogar ein "Ministerium für Einsamkeit" geschaffen. In Deutschland forderte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ebenfalls einen "Verantwortlichen, bevorzugt im Gesundheitsministerium, der den Kampf gegen die Einsamkeit koordiniert".

Porträt Karen Sommer-Loeffen

Karen Sommer-Loeffen will gute Projekte durch bessere Vernetzung bekannter machen. 

Bessere Vernetzung lokaler Initiativen

Diakonie RWL-Ehrenamtsexpertin Karen Sommer-Loeffen bezweifelt zwar, dass die Politik dieses vielschichtige Problem lösen kann, aber sie hält eine "Verortung" des Themas in einem Ministerium für richtig. "Die Politik kann die Vernetzung lokaler Initiativen fördern", sagt sie. "Es gibt viele gute Angebote vor Ort, aber sie kommen in der Lebenswirklichkeit der Menschen oft nicht an." 

Es reiche eben nicht, Flyer zu verteilen und anonym zu Veranstaltungen einzuladen. Viele Menschen wünschten sich einen persönlichen Kontakt, aber der dürfe nicht zu aufdringlich sein. Gute Beispiele sind für Karen Sommer-Loeffen Babypakete für junge Familien, die einfach als Geschenk mit Kontaktmöglichkeit überreicht werden, besondere Besuchsdienste in den Kirchengemeinden, z.B. mit Tieren, Mittagstische, gemeinsame Spaziergänge und "Herzenssprechstunden".

Gruppenbild

Damen mit viel Herz: Ingrid Werry, Ingrid Zurek-Bach, Esther Jansen und Renate Busse-Baldringer (v.l.).

Herzenssprechstunde

Auch Esther Jansen besucht alle zwei Monate mit sieben anderen älteren Frauen eine "Herzenssprechstunde". Der Telefonische Besuchsdienst hat sie darauf aufmerksam gemacht.

"Dort reden wir über alles, was uns am Herzen liegt", erzählt sie. Und etwas ungehalten fügt sie hinzu: "Dieses ganze Jammern über Einsamkeit bringt nichts. Wer sich aufmacht, findet neue Kontakte und bekommt wieder Spaß am Leben."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit
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