24. Mai 2019

Bahnhofsmissionen

Mehr als Wärmestube und Reisehilfe

Die 103 Bahnhofsmissionen in Deutschland leisten mit ihren 2.000 Ehrenamtlichen oft "Erste Hilfe", indem sie in das Sozialsystem der Städte vermitteln. Immer häufiger sind sie aber auch "Letzter Halt" für alle, die durch die sozialen Netze fallen. Diakonie RWL-Referentin Karen Sommer-Loeffen gibt in einem Gastbeitrag für epd sozial einen Überblick über eine anspruchsvolle soziale Aufgabe, die seit Jahren chronisch unterfinanziert ist.

Porträt Karen Sommer-Loeffen

Karen Sommer-Loeffen ist bei der Diakonie RWL für die Bahnhofsmissionen und das Ehrenamt zuständig.

"Wenn die Bahnhofsmission nicht gewesen wäre, wäre ich verzweifelt", "Hier kann ich einfach unter Menschen sein, wenn ich mich zu Hause einsam fühle", "Das sind wirklich Engel am Wegesrand" - So beschreiben Menschen die Angebote der Bahnhofsmissionen, die von einem großen Team von Ehrenamtlichen unter Koordination von hauptamtlichen Mitarbeitenden vorgehalten werden. Fast 5,2 Millionen Hilfen wurden im Jahr 2017 geleistet.

Die Bahnhofsmissionen sind für alle Menschen da, die Hilfe brauchen. Ein großer Teil besteht aus Reisenden, die beim Umsteigen begleitet werden, weil sie älter sind, sich unsicher fühlen oder eine Behinderung haben. Wenn es aufgrund von Streiks, Unglücken oder Stürmen zahlreiche Zugausfälle gibt, unterstützen die Mitarbeitenden mit Auskünften, Getränken und anderen praktischen Hilfen.

Die andere große Gruppe, die die Bahnhofsmission betreut, sind Menschen, die soziale Unterstützung benötigen: Wohnungslose, Flüchtlinge oder Arbeitsmigranten aus Osteuropa. Mittlerweile hat fast jeder vierte Gast einen Migrationshintergrund.

Menschen in besonderen Schwierigkeiten

Im September wird die Bahnhofsmission, die sich als Kirche am Bahnhof versteht und deren Hilfsangebote sich immer wieder verändern, 125 Jahre alt. Wie ein Seismograph reagiert sie auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungen. Im Jahr 2015/16 begleitete sie viele geflüchtete Menschen, im Jahr 2017 und 2018 half sie gestrandeten Reisenden bei Sturmkatastrophen. Sie ist oft erste Anlaufstelle für EU-Bürger, die in Deutschland Arbeit suchen, für Jugendliche, die auf der Straße gelandet sind und zunehmend für Menschen, die ihre Wohnung verloren haben. Sie bemerkt die Zunahme existenzieller Armut zuerst.

Besonders in den großen Städten mit über 500.000 Einwohnern sind die Bahnhofsmissionen zu Anlaufstellen für Menschen ohne Rechtsansprüche, für psychisch kranke und für dauerhaft ausgegrenzte Menschen geworden. Das zeigt ein 2016 und 2017 bundesweit erhobenes Sozialmonitoring mit 68 Bahnhofsmissionen. Der Anteil der Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten steigt kontinuierlich.

Gleichzeitig ist der Anteil der Reisenden unter den Gästen in den Großstadt- und Metropolbahnhöfen zurückgegangen. Nur noch jeder siebte Gast wird in Kommunen mit über 500.000 Einwohnern als Reisender erfasst. Fast drei Viertel befinden sich in einer prekären Lebenslage.

47 Prozent der Gäste sind erwerbslos

An den 20 Bahnhofsmissionsstandorten in Städten unter 50.000 Einwohnern ist es umgekehrt. Hier machen die Reisenden fast 70 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer aus und nur 15 Prozent der Gäste sind sozial mehrfach belastet. Beide Hilfefelder sind also grundlegend und unverzichtbar.

Mehr Männer als Frauen suchen die Bahnhofsmissionen auf. Möglicherweise schämen sich Frauen, ihre Bedürftigkeit zu benennen, sie finden andere Aufenthaltsmöglichkeiten, möglicherweise haben sie Angst. So bietet z.B. die Bahnhofsmission Aachen spezielle Frauentage an, die gerne wahrgenommen werden.

Über 56 Prozent der Gäste verfügen über weniger als 500 Euro Nettoeinkommen. 76,8 Prozent der Befragten hat pro Monat weniger als 1.000 Euro zur Verfügung. Das bedeutet, dass drei Viertel der Nutzerinnen und Nutzer von Bahnhofsmissionen unmittelbar von Armut betroffen sind.

Rund 26 Prozent der Gäste haben keinen festen Wohnsitz. 47 Prozent der Befragten sind erwerbslos. Die Armut nimmt zu. Daher ist die Mitarbeit in der Nationalen Armutskonferenz, in der die Bahnhofsmissionen als Gastmitglied dabei sind, so wichtig. In die politischen Forderungen, die die Nationale Armutskonferenz stellt, fließt ein, was die Bahnhofsmissionen vor Ort erleben. Sie sind auch an vielen kommunalen Runden Tischen beteiligt, die sich mit der Bekämpfung von Armut und Wohnungslosigkeit beschäftigen.

Bahnhofsmissionen sind immer knapp bei Kasse

Obwohl die Bahnhofsmissionen eine wichtige soziale Arbeit leisten, die gut geschulte und engagierte Ehrenamtliche erfordert, gibt es für sie keinerlei staatliche Unterstützung. Sie werden ausschließlich mit Spenden und Geldern aus den beiden großen Kirchen, Diakonie und Caritas finanziert. Nicht jede Bahnhofsmission kann sich einen fest angestellten Sozialarbeiter leisten. Dabei wäre das angesichts der anspruchsvollen Lotsendienste der Mitarbeitenden durch unsere Sozialsysteme mehr als wünschenswert. Auch für regelmäßige Fortbildungen und Supervisionen der Ehrenamtlichen müssen immer wieder mühselig Gelder aufgetrieben werden. Da die Bahnhofsmissionen viele gesellschaftliche Aufgaben erfüllen, sollten sie auch vom Staat gefördert werden.

Im Rahmen der Reisehilfe betreuen die Bahnhofsmissionen Menschen mit Behinderung und motivieren sie im Sinne einer "gelebten Inklusion" zu ehrenamtlichem Engagement. Bei der Bahnhofsmission Essen engagieren sich Ehrenamtliche mit geistiger Behinderung im Tandem mit anderen Helfern aus dem Team für die Reisenden. Sie leben unserer Gesellschaft eine Kultur der Teilhabe und des Respektes vor. Zudem kommen jährlich rund 100.000 Kinder dank der Begleitung durch die Bahnhofsmissionen gut betreut an ihr Ziel. Kinderlounges bieten vielen Eltern und Kindern die Möglichkeit, sich in Ruhe am Bahnhof aufzuhalten.

Doch nicht überall finden Reisende und Menschen in Not die Bahnhofsmissionen schnell und unkompliziert. Oft sind sie in den hintersten Ecken der Bahnhofshallen oder am Rande eines Bahnsteigs in engen und oft dunklen Räumen untergebracht. Das hat auch mit dem alten Image der Bahnhofsmission als "Suppenküche für Wohnungslose" zu tun, die man nicht sichtbar in den Bahnhofshallen haben wollte. In Verhandlungen mit der Konzernspitze der Deutschen Bahn über einen neuen Rahmenvertrag dringen die Bahnhofsmissionen auf größere und besser auffindbare Räume. Denn es ist längst Zeit, sie als das wahrzunehmen und wertzuschätzen, was sie sind: Stationen der Hilfe, Hoffnung und Menschlichkeit.

Text: Karen Sommer-Loeffen

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Karen Sommer-Loeffen
Referent/in

Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit

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