26. September 2019

125 Jahre Bahnhofsmission

Wo Zugreisen zum Kinderspiel werden

Immer öfter leben Vater, Mutter oder Großeltern weit weg. Regelmäßige Besuche der Kinder bei ihren nächsten Angehörigen sind dann für viele Familien nur schwer zu organisieren. Es sei denn, die Familien nutzen "Kids on Tour", den Reise-Begleitservice der Bahnhofsmission in Kooperation mit der Deutschen Bahn. Ein wichtiger Knotenpunkt der jungen Reisenden ist die Bahnhofsmission Köln. 

  • Angekommen: Gisela Dickopf steht bereit, um Paul und Anna-Lena in Empfang zu nehmen.
  • Auf die blauen Westen achten: Die Kinder reisen regelmäßig und folgen den Ehrenamtlichen routiniert.
  • Papierkram gehört auch dazu: Alexander Bühler muss sich ausweisen.
  • Mit Fahne und blauer Weste: Gisela Dickopf hat sich gut sichtbar hingestellt, um die Kinder abzuholen.

Gisela Dickopf steht parat, als der IC aus München am Freitagabend gegen 18.30 Uhr in den Kölner Hauptbahnhof rollt. Ausgerüstet mit der leuchtend blauen Bahnhofsmissions-Weste und dem passenden Fähnchen ist die ehrenamtliche Mitarbeiterin nicht zu übersehen. Alfred Weckherlin, der an diesem Tag drei in Stuttgart zugestiegene Kinder nach Köln bringt, entdeckt seine Kollegin sofort. Gemeinsam bringen sie die Kinder zur Bahnhofsmission. Die letzten Meter auf Gleis 1 legen Paul und Anna-Lena im Laufschritt zurück und fallen ihrem Vater vor der Bahnhofsmission um den Hals.

Anna-Lena und Paul wohnen bei ihrer Mutter in Stuttgart und sehen ihren Vater, der in Düsseldorf lebt, nur etwa alle drei Wochen. Ohne den Begleitservice der Bahnhofsmission wäre es noch seltener. Denn die mehr als 400 Kilometer zwischen den Wohnungen der Eltern sind zu weit, um den Neunjährigen und seine 13 Jahre alte Schwester eben mal vorbeizubringen. 

Begrüßung am Bahnhof: Alexander Bühler holt seine Kinder Paul und Anna-Lena ab.

Begrüßung am Bahnhof: Alexander Bühler holt seine Kinder Paul und Anna-Lena ab.

Freunde finden im Zug

"‘Kids on Tour’ ist wirklich eine gute Sache", lobt ihr Vater, Alexander Bühler. Seine beiden Kinder, die seit zweieinhalb Jahren regelmäßig mit dem Begleitservice unterwegs sind, hätten sich von Anfang an wohl gefühlt. "Ich habe mich auf den Fahrten mit zwei Mädchen angefreundet", sagt Anna-Lena. Denn oftmals sind freitag- und sonntagnachmittags regelmäßig dieselben Kinder auf den gleichen Strecken unterwegs, beobachtet Gisela Dickopf. 

Der ehrenamtlichen Mitarbeiterin bleibt nur kurze Zeit zum Verschnaufen. Dann muss sie wieder ans Gleis, denn mit dem IC aus Hamburg kommen ebenfalls begleitete Kinder in Köln an. Eine Viertelstunde später stürmt Luis Probst in die Bahnhofsmission und umarmt seinen Vater. Seit vier Jahren steigt der Zwölfjährige alle vier bis sechs Wochen in Bremen in den Zug nach Köln. 

Am Anfang hatten die Eltern sich auf halber Strecke getroffen, damit der Junge seinen Vater sehen konnte. Eine stressige Situation. "Dann haben wir über einen Schulfreund von Luis von ‘Kids on Tour’ erfahren", sagt Florian Probst. "Dass er seitdem mit dem Zug kommt, hat auch den Vorteil, dass an den ohnehin kurzen Wochenenden mehr Zeit mit dem Kind bleibt." Luis genießt die Fahrten. "Mir macht das Zugfahren Mega-Spaß. Ich treffe immer wieder Kinder, die ich kenne und mit denen ich mich unterhalten kann", sagt Luis.

Vom Wochenende bleibt mehr: Florian Probst und sein Sohn Luis sind überzeugt von "Kids on Tour".

Vom Wochenende bleibt mehr: Florian Probst und sein Sohn Luis sind überzeugt von "Kids on Tour".

Ein Koffer mit Spielen fährt immer mit

Und dann haben die geschulten ehrenamtlichen Begleiter auch immer einen Koffer mit Spielen dabei. Gisela Dickopf freut sich immer auf ihre Einsätze als Begleiterin. "Ich spiele leidenschaftlich gerne", sagt die frühere Erzieherin. Die meisten Kinder brauchten allerdings im Zug erst einmal eine Stunde Zeit, um runterzukommen. Freitags kämen sie oft direkt aus der Schule zum Bahnhof. "Manche Kinder erzählen auch von ihrer Situation", sagt Dickopf. Die meisten seien unterwegs zu einem getrenntlebenden Elternteil.

"Interessant ist, wie nett sich die Kinder manchmal auch untereinander austauschen und sich Tipps geben." Stressig werde es eigentlich nur bei Zugpannen, berichtet die ehrenamtliche Begleiterin. Einmal sei zum Beispiel ein Zug auf offener Strecke stehen geblieben. "Da muss man die Kinder bei Laune halten mit Spielen oder Witze erzählen." Hin und wieder müssen sich die Begleiter auch mit unangenehmen Fahrgästen auseinandersetzen, wenn die zum Beispiel die reservierten Sitzplätze nicht freigeben wollen. Auf solche Situationen werden die Begleiter durch Deeskalationstrainings vorbereitet.

Gisela Dickopf (rechts) zeigt Ann Christin Frauenkron den Fahrplan eines Kindes.

Gisela Dickopf (rechts) zeigt Ann Christin Frauenkron den Fahrplan eines Kindes.

Mobilität von Familien fördern

180 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für "Kids on Tour" im Zug unterwegs oder empfangen Kinder und abholende Angehörige in den örtlichen Bahnhofsmissionen. Seit dem Start des Begleitservice 2003 wurde er rund 100.000 Mal genutzt. "Bei der Gründung war die Idee, die Mobilität zu fördern, weil immer mehr Familien getrennt an verschiedenen Orten leben", erklärt Ann Christin Frauenkron, stellvertretende Leiterin der Bahnhofsmission Köln. Mitfahren können Kinder zwischen sechs und 14 Jahren. Insgesamt werden zwischen München, Hamburg, Berlin und Köln acht Strecken mit 28 Aus- und Zusteige-Bahnhöfen angeboten.

Auch wenn die Kinder-Begleiter der Bahnhofsmission ehrenamtlich arbeiten, kann der Service nicht kostenlos angeboten werden. Pro Kind kommen zum Ticketpreis 35 Euro Gebühr hinzu, die beim Fahrkartenkauf mitbezahlt werden. "Da steckt eine Menge Logistik im Hintergrund", erklärt Frauenkron.

Hoch die Treppen bis zur Bahnhofsmission: Die Ehrenamtlichen begleiten die Kinder bis die Eltern da sind.

Hoch die Treppen bis zur Bahnhofsmission: Die Ehrenamtlichen begleiten die Kinder bis die Eltern da sind. 

Gestärktes Selbstbewusstsein

Um das Anmeldeverfahren und die Verträge mit den Eltern oder Erziehungsberechtigten kümmert sich die Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn. Während der begleiteten Fahrten ist die zentrale Koordination von "Kids on Tour" bei der Bahnhofsmission in Berlin jederzeit Ansprechpartner, etwa wenn es Störungen oder Verspätungen gibt.

Die begleiteten Bahnfahrten ermöglichen es vielen Kindern nicht nur, Mutter, Vater oder Großeltern regelmäßig zu besuchen. Ein positiver Nebeneffekt sei, dass das Selbstbewusstsein der Kinder gestärkt werde, beobachtet Florian Probst. Luis mache jetzt mit Begleitung die Erfahrung, wie es ist, mit der Bahn unterwegs zu sein. "Wenn er 14 ist, schafft er das dann gut alleine."

Text und Fotos: Claudia Rometsch; Infokasten: Herbst

Ihr/e Ansprechpartner/in
Karen Sommer-Loeffen
Referent/in

Bahnhofsmission, Ehrenamt, Hospizarbeit

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Kids on Tour
Allein reisende Kinder zwischen 6 und 14 Jahren können freitags und sonntags auf acht Verbindungen von pädagogisch geschulten Begleiterinnen und Begleitern der Bahnhofsmission betreut werden. Die Begleitung durch „Kids on Tour“ kostet zusätzlich zur Kinderfahrkarte 35 Euro, für mitreisende Geschwisterkinder 30 Euro pro Strecke. Die Bahnhofsmission Köln bietet neben dem "Kids on Tour"-Programm auch eine "Kinderlounge" in den Räumen der Bahnhofsmission. Hier können Kinder spielen und sich vom Trubel des Bahnhofs erholen. Für Eltern gibt es Platz, ihre Babys zu stillen und zu wickeln.