25. Oktober 2018

Theologie für Diakonie-Unternehmen

Ein neues Buch nimmt Abschied vom Guten Hirten

Theologen stehen an der Spitze von Diakonie-Unternehmen. Was zwei Jahrhunderte galt, ist frag-würdig geworden. Zudem droht Führungskräftemangel. Braucht man überhaupt (noch) theologische Kompetenz für die Führung diakonischer Unternehmen im Zeitalter des wettbewerblichen Sozialmarktes? Wie sollte sie ausgestaltet werden? Im Interview geben Birgit Heide und Dierk Starnitzke Antworten. Und Barbara Montag skizziert das Anliegen des anspruchsvollen Projekts. 

Vielfältige Aufgabe: Theologische Leitung in der Diakonie

Als Vorstand eines großen diakonischen Unternehmens haben Sie reichlich zu tun. Was hat Sie bewogen, die zusätzliche Mühe und Mehrarbeit auf sich zu nehmen, sich an diesem Buchprojekt zu beteiligen und einen ganzen Aufsatz zu schreiben?

Heide: Mir war es ein wichtiges persönliches Anliegen, hier mitzuschreiben. Ich konnte in 18 Jahren in Michaelshoven noch zwei meiner Vorgänger erleben. Mit meinem Aufsatz wollte ich wesentliche Veränderungen aufzeigen und zeigen, wie der Weg in die Zukunft geht. 

Starnitzke: Für mich war die Mitarbeit keine zusätzliche Arbeit. Meine Leitungstätigkeit auch durch Publikationen theologisch zu reflektieren, ist für mich Bestandteil meiner Vorstandstätigkeit. 

Frau Heide, Sie wollen Abschied nehmen vom Bild des Guten Hirten. Der Abschied vom Guten Hirten, für den Sie plädieren, ist ein zweifacher: Abschied vom Modell des Leitungspatriarchen und zweitens Abschied vom männlichen Hirten als theologischer Führungspersönlichkeit. Warum ist gerade jetzt die Zeit gekommen, diesen doppelten Abschied vorzunehmen?

Heide: Der Abschied vom Guten Hirten hat schon früher begonnen. Der starke Mann, der die Herde vor sich hertreibt, das geht schon lange nicht mehr. Die Mitarbeiter haben alle ihre unterschiedlichen Aufgaben, die Kunden haben ihre vielfältigen Anliegen. Das Bild von der Herde ist überholt. Und: In der Diakonie sind mehr als 70 Prozent der Mitarbeitenden Frauen. Je höher in der Hierarchie, desto mehr dominieren die Männer. Bei 40 Theologischen Vorständen im Gebiet der Diakonie RWL sind gerade einmal zwei Frauen, das ist ein Anteil von fünf Prozent. Mir ist wichtig, Wege aufzuzeigen, wie Frauen in diakonische Führungspositionen kommen können. Ich möchte gerade auch Frauen Mut machen, sich um Führungspositionen zu bewerben. 

Ist es schwieriger Führungskräfte für die Diakonie zu finden als für die verfasste Kirche?

Starnitzke: Das ist schwer zu beurteilen. Jedenfalls sind die Anforderungen an Theologen in diakonischen Spitzenpositionen außerordentlich komplex. Da muss viel gelernt werden, wenn man sich als Theologe diesen Herausforderungen stellen will. Für die Nichttheologen auf der Vorstandsebene kommt hinzu, dass die Dotierung schlechter ist als in der freien Wirtschaft. Für die Theologen ist gute Vorbereitung ganz zentral. Es gilt, den Nachwuchs Schritt für Schritt heranzuführen, etwa mit dem Studiengang Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel. 

Heide: Hilfreich ist auch, wenn wir als Vorstände uns öffnen. Wenn wir interessierte Menschen einladen, uns im Alltag zu begleiten. Ich lade Interessierte ein, eine Zeitlang mit mir mitzugehen und die Praxis kennenzulernen. 

Wie ticken die theologischen Vorstände in der Diakonie RWL? Lesen lohnt sich!

Haben Sie nicht Angst, dass die in diesem klugen Buch beschriebenen Herausforderungen und Anforderungen als Überforderungen wahrgenommen werden? 

Heide: Liest man die Aufsätze, drängt sich tatsächlich ein wenig der Eindruck auf, Theologische Vorstände, das sind die „Mühseligen und Beladenen“ unserer Tage. „Multirationales Management“, das heißt tatsächlich auch, dass wir in großer evangelischer Freiheit handeln können. Und abgesehen von der Freiheit: Wir haben viele tolle Aufgaben. 

Starnitzke: Ich halte es für wichtig, dass der theologische Nachwuchs wissen und lernen kann, was in der Diakonie auf ihn zukommt. Und das wird in dem Buch in vielen Impulsen und Aspekten beschrieben. 

Die Buch-Beiträge nehmen vor allem die Konstellation an der Spitze diakonischer Unternehmen in den Blick, also das Verhältnis von theologischer, betriebswirtschaftlicher und fachlicher Leitung. Wie sehen Sie Ihre Rolle gegenüber Ihrer Mitarbeiterschaft?

Heide: Der These, dass der Theologische Vorstand nicht zugleich Seelsorger seiner Mitarbeiter sein kann, kann ich viel abgewinnen. In der Praxis lässt sich das oft aber nur schwer durchhalten und auch der Mitarbeiterschaft mit ihren Ansprüchen an Führungskräfte schwer vermitteln. Man kann nur versuchen, sorgsam mit dieser besonderen Rolle umzugehen. 

Starnitzke: Leitung und Seelsorge zugleich – das ist ein schwieriger Rollenkonflikt. Für mich persönlich habe ich ein Kriterium für mein Verhalten als Leitung gegenüber Mitarbeitenden, an dem ich mich zu orientieren versuche: Wenn ich Gottesdienst halte, muss ich immer noch mit ihnen gemeinsam Abendmahl feiern können. Und mir scheint außerdem der Gedanke von Christian Dopheide in unserem Buch weiterführend, dass das Unternehmen selbst als Organisation der seelsorglichen Begleitung und Ermutigung bedarf. 

Birgit Heide, Barbara Montag, Professor Dr. Dirk Starnitzke

Wie geht es weiter? Wird jetzt eine Muster-Stellenanzeige formuliert oder wird eine Steuerungsgruppe gegründet? 

Heide: Ich habe das Buch meinem Kuratoriumsvorsitzenden geschenkt. Wenn ich in wenigen Jahren in den Ruhestand gehe, weiß er, wonach er suchen und worauf er achten muss… 

Starnitzke: Ich sehe die Gefahr, dass bei dem drohenden Mangel an Pfarrerinnen und Pfarrern bei den Landeskirchen nur noch die Gemeindepfarrstellen im Blick sind. Die Diakonie muss auf allen Ebenen in der theologischen Ausbildung viel stärker verankert werden, vom Studium über Diakoniepraktika, das Vikariat bis in die ersten Amtsjahre. Bei den katholischen Sozialunternehmen hat sich der Priestermangel so ausgewirkt, dass es kaum noch Theologische Leitungen gibt. Wir sollten im evangelischen Bereich versuchen, das anders zu gestalten. Auch deshalb haben wir mit dem Buch die Rolle von Theologie für Diakonie-Unternehmen reflektiert. Wenn wir deutlich machen, dass Theologinnen und Theologen in der Diakonie große Gestaltungsmöglichkeiten haben, dann ist viel erreicht. 

Das Gespräch führte Reinhard van Spankeren.

Hintergrund 

Barbara Montag ist gemeinsam mit Beate Hofmann Herausgeberin des Buches "Theologie für Diakonie-Unternehmen". Hier erläutert sie das Anliegen des Projekts und skizziert, was jetzt zu tun ist: 

"2015 haben wir uns mit der Publikation 'Dehnübungen – Geistliche Leitung in der Diakonie' in einem ersten Anlauf dem Thema gewidmet, das wir jetzt mit dem Buch 'Theologie für Diakonie-Unternehmen' intensiver aufgearbeitet haben. Für die Leitungspositionen bei diakonischen Werken und Unternehmen droht Nachwuchsmangel. Wir möchten interessierte Theologen – insbesondere Theologinnen – motivieren, sich über die großen Chancen zu informieren, die sich ihnen hier bieten. Wir suchen hierzu das Gespräch mit den Landeskirchen, den Hochschulen und Bildungseinrichtungen. Ganz gezielt möchten wir Menschen ermutigen, sich für eine Leitungsfunktion in der Diakonie zu bewerben."

Die Gesprächspartner

Birgit Heide ist Theologischer Vorstand der Diakonie Michaelshoven in Köln.

Professor Dr. Dierk Starnitzke ist Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen und Außerplanmäßiger Professor an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel für Biblische Theologie und Unternehmensführung.

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Ein Artikel zum Thema:
Diakonische Identität
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Das Buch
Beate Hofmann / Barbara Montag (Hrsg.): Theologie für Diakonie-Unternehmen. Funktionen – Rollen – Positionen, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-17-034589-8, 28,00 Euro.