29. April 2020

Seelsorge in der Pandemie

Das große Bedürfnis nach Trost

Kontaktsperren, Besuchsverbote und jeden Tag Corona in den Medien: Für viele ist das nur schwer auszuhalten. Die Corona-Pandemie bleibt ein großer Stresstest. Umso wichtiger ist es, dass Menschen Verständnis und Trost in der Seelsorge finden. In der Diakonie ist die Bitte um seelsorgerliche Begleitung vor allem in der Altenhilfe, in Kliniken und bei Mitarbeitenden sprunghaft angestiegen, wie Pastorin Barbara Montag berichtet.

  • Pastorin Barbara Montag ist bei der Diakonie RWL für das Thema Seelsorge zuständig

Wenn von Seelsorge die Rede ist, denken viele Menschen wohl eher an die Kirche als die Diakonie. Welche Rolle spielt sie in diakonischen Werken und Einrichtungen?

Als Diakonie nehmen wir den Menschen ganzheitlich in den Blick. Und dazu gehört, dass wir uns nicht nur für eine Verbesserung seiner sozialen und – wo nötig – materiellen Situation einsetzen, sondern auch seiner psychischen Gesundheit. In der Corona-Pandemie haben viele Menschen große Ängste. Sie leiden unter der Kontaktsperre, den Besuchsverboten, der sozialen Isolation. Es gibt internationale Studien zur psychischen Befindlichkeit von Menschen, die Epidemien erlebt haben. Sie zeigen, dass Ängste, Depressionen und Schlafstörungen auch noch Jahre nach der Epidemie den Alltag vieler Menschen prägten. Besonders betroffen waren Menschen in Gesundheitsberufen und Personen mit niedrigem Einkommen. Seelsorge ist also nicht nur jetzt enorm wichtig, sondern wird auch noch nach der Pandemie eine große Rolle in der Diakonie spielen.

Wie findet Seelsorge in Zeiten von Besuchsverboten, Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen statt?

Gerade passiert viel per Telefon, Skype oder Messengerdiensten. Ehrenamtliche in der Telefonseelsorge von Kirche und Diakonie erhalten deutlich mehr Anrufe als vor der Pandemie. Doch auch in unseren Einrichtungen der Altenhilfe und den Krankenhäusern wünschen sich die Menschen Seelsorgerinnen und Seelsorger, mit denen sie über ihre Ängste reden können und die ihnen Trost und Ermutigung auf der Grundlage des christlichen Glaubens zusprechen. Gerade jetzt ist es enorm wichtig, dass geschulte Seelsorgende da sind, die zuhören, Gebete sprechen und biblische Texte vorlesen. Sie können auch dabei helfen, kleine Rituale und Aktivitäten zu entwickeln, die den Tag strukturieren. In vielen Einrichtungen haben die Theologinnen und Theologen "Trostorte" mit Kerzen und Psalmtexten eingerichtet und Kapellen geöffnet. Andachten finden – mit entsprechendem Abstand – in Gärten statt oder werden im Livestream übertragen.

Betende Hände

Gemeinsam beten, Psalmen lesen, zuhören - all das tröstet und hilft gegen Angst und Einsamkeit. (Foto: pixabay.de)

Gibt es denn genug Seelsorger, die das leisten können?

In vielen Alten- und Pflegeheimen der Diakonie gibt es einen Pfarrer als Ansprechpartner. Doch das reicht in dieser Pandemie nicht aus. Wir empfehlen daher, dass die Kirchenkreise ihre Theologen vor Ort dafür gewinnen, Seelsorge in den Einrichtungen anzubieten. Der Kirchenkreis Wuppertal etwa hat das bereits getan. Es wäre hilfreich, wenn die Gespräche nicht nur per Telefon stattfinden könnten, sondern auch persönlich – natürlich mit entsprechender Schutzkleidung. Wir unterstützen daher den Appell unseres Diakoniepräsidenten Ulrich Lilie, Seelsorgerinnen und Seelsorgern in Krankenhäusern, Alters- und Pflegeheimen den Zugang wieder zu ermöglichen. Gerade am Lebensende und in Sterbeprozessen sollte Seelsorge stattfinden können.

Was hören Sie von den Seelsorgerinnen und Seelsorgern in evangelischen Kliniken? Haben sie jetzt deutlich mehr zu tun?

Die Klinikseelsorgerinnen und –seelsorger berichten uns, dass sie vor allem mit Angehörigen und Mitarbeitenden mehr Gespräche führen. Häufig auch "zwischen Tür und Angel". Sorgen bereitet uns derzeit die Situation von Menschen mit psychischen Problemen. Unsere Tageskliniken und ambulanten Dienste beobachten, dass sich einige aus lauter Angst vor Ansteckung mit dem Covid 19-Virus ganz zurückziehen und jegliche Hilfe ablehnen. Bei anderen dagegen verstärken sich Angststörungen, Panikattacken und Depressionen, und sie brauchen dringend eine intensivere professionelle Begleitung. Seelsorger können Psychologen nicht ersetzen, aber sie können gerade in der Krise unterstützend da sein. Für mich zeigt sich deutlich, dass wir mehr Seelsorgende brauchen und daher auch stärker in die Ausbildung von Ehrenamtlichen investieren sollten.

In der Diakonie arbeiten viele Menschen, die bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit für andere da sind. Müsste es nicht auch für sie Seelsorgerinnen und Seelsorger geben?

Auf jeden Fall. Nicht nur unter den Pflegekräften, die täglich mit Krankheit und Tod konfrontiert sind, ist der Wunsch nach einer seelsorgerlichen Begleitung hoch. Hier müsste es viel mehr Angebote geben. Darin sind sich die theologischen Vorstände unserer diakonischen Werke einig. Auch das lehrt uns die Krise: wir brauchen mehr Theologinnen und Theologen sowie ausgebildete Seelsorgende, die unseren eigenen Mitarbeitenden zur Seite stehen.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Foto: Ann-Kristin Herbst; Teaserfoto: pixabay.de

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