30. Oktober 2017

Reformationsjubiläum

Martin Luther und die Diakonie

Mit dem Reformationsfest am 31. Oktober erreicht das Jubiläumsjahr 2017 seinen Höhepunkt. Martin Luther und seine Mitstreiter werden in Galas, Musicals und Gottesdiensten gefeiert und gewürdigt. Auch die Diakonie sieht sich gerne als moderne Akteurin im Geist der Reformation. Aber kann man Martin Luther tatsächlich als Ahnherrn für Teilhabe und soziale Gerechtigkeit in Anspruch nehmen? 

Maskottchen des Reformationsjubiläums: Playmobil-Luther mit Heiliger Schrift (Foto: Manfred Nuding/pixelio.de)

Glaube und gute diakonische Werke

Der Glaube allein macht es, nicht die guten Werke. Das war einer der reformatorischen Kerngedanken Luthers. Die Diakonie aber hat es mit den guten Werken, man denke nur an die Werke der Barmherzigkeit nach Matthäus 25. Hier liegt wohl ein gewisses Spannungsverhältnis. In seiner großen Programmschrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" kommentiert Luther fast ironisch: "Ei, wenn denn der Glaube alle Dinge ist und allein gilt, um uns genügend fromm zu machen, warum sind dann die guten Werke geboten? So wollen wir guter Dinge sein und nichts tun. Nein, lieber Mensch, nicht so."

Weil ein Christ, so hier das berühmte Diktum Luthers, "ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan", ist, darf der Gläubige „nicht müßig gehen“, sondern hat sich um seinen Nächsten zu kümmern. In einem Sinnspruch zusammengefasst: "Gute Werke machen nimmermehr einen guten, frommen Mann, sondern ein guter Mann macht gute, fromme Werke." Das diakonische Grundgebot lautet also, "seinem Nächsten zu helfen, mit ihm zu verfahren und handeln, wie Gott mit ihm durch Christus gehandelt hat". 

Bronzefigur Luther

Starker und streitbar - so sahen die Menschen Luther, er dagegen hielt sich für schwach (Foto: Dieter Schuetz/pixelio.de)

Starke und schwache Schultern

Der Mensch, so würden wir heute sagen, ist ein Beziehungswesen. In den Worten Martin Luthers: "Denn der Mensch lebt nicht allein in seinem Leib, sondern auch unter anderen Menschen auf Erden." Wenn "unser Nächster Not leidet", so stellt Luther klar, ist es unsere Aufgabe, "nichts anderes (zu) tun als dem Nächsten (zu) helfen." In diesem Kontext formuliert Luther auch Grund-Sätze für eine Kultur und eine Struktur des Helfens, die bis heute aktuell sind. "Aber weil es unter den Christen so ist, dass es wenige Starke und viele Schwache gibt, kann man zweifellos nicht allen dasselbe zu tragen aufladen." Das klingt durchaus nach Subsidiaritätsprinzip.

Luther zufolge ist es richtig, anderen Menschen zu helfen. Aber wer hilft, muss dabei nicht die ganze Welt retten und damit zum hilflosen Helfer werden. In der plastischen Sprache des Reformators: "Brennt sein (des Nächsten) Haus, so ruft mich die Liebe, hinzulaufen und löschen zu helfen; ist sonst genug Volk da, das löschen kann, kann ich heimgehen oder da bleiben." 

Das Gebot zu helfen, gilt dann aber radikal und mit höchstem Anspruch: "Sehe ich, dass er (mein Nächster) hungert oder dürstet, so darf ich ihn nicht verlassen, sondern muss ihn speisen und tränken und darf nicht die Gefahr ansehen, ob ich dadurch arm oder geringer werde." Überträgt man diese vor 500 Jahren formulierte Botschaft in unsere Gegenwart, würde Luther womöglich sagen: "Steht ein Flüchtling vor deinem Haus…" Beim Gebot der Nächstenliebe wird Luther so deutlich, dass es wehtut, denn wer "seinen Nächsten liegen ließe, der ist vor Gott ein Mörder". 

Aufgeschlagenes Buch

Luther warb für die Armenfürsorge in seiner Schrift zur Leisniger Kastenordnung (Foto: Kirchenkreis Leisnig)

Luther und der "gemeine Kasten“

Zum gesellschaftlichen Wandel im Zeitalter der Reformation gehörten Umbrüche im Armenwesen und in der Fürsorge. Für die sächsische Stadt Leisnig soll Luther "das älteste Sozialpapier der Welt" geschrieben haben. Das ist natürlich eine Übertreibung des örtlichen Stadtmarketings. Aber Luther hat die Vorbildwirkung des Leisniger Kastens erkannt, eine theologische Begründungsschrift für die Kastenordnung verfasst und in anderen Städten und Gemeinden für die Einführung eines solchen "Gemeinen Kastens" geworben. Die Kastenordnung ist ein Grundbaustein der frühneuzeitlichen Daseinsvorsorge. Hier heißt es etwa: "Verarmten, die nicht von Verwandten unterstützt werden können, gewährt man Behausung, Kleidung, Nahrung und Wartung." 

Bildung als Schlüssel zur Überwindung von Armut: Luthers Studierzimmer auf der Wartburg (Foto: Bene52/pixelio.de)

Luther als Bildungsreformer

Für die Diakonie von heute ist Bildung der Generalschlüssel zur Überwindung von Armut. Dafür darf man sich wohl – historische Spekulation hin oder her – mit gutem Recht auf Luther berufen. Luther hat sich mit der Übertragung der Heiligen Schrift nicht gequält, um akademische Weihen zu erlangen. Sein – durchaus emanzipatorisches Anliegen – war die Volksbildung. Denn wer durch die Bibellese gebildet und sprachfähig ist, der ist laut Luther befähigt, sich selbst ein Urteil zu bilden – gegen Fremdbestimmung durch falsche Autoritäten.

In der Predigt des Reformators, "dass man Kinder zur Schule halten sollte" aus dem Jahr 1530 zeigt schon der Titel, wie sehr gute Bildung aller Kinder für ihn Herzenssache war. Luther plädiert für Bildung "ohne dass sie etwas kostet" (!). Für ihn gilt, "dass Weisheit besser sei als Macht". Gebildete Menschen, so argumentiert er, sind in der Lage, eine friedlichere Welt zu gestalten: "Nicht Faustrecht, sondern Kopfrecht, nicht Gewalt, sondern Weisheit oder Vernunft muss regieren, sowohl unter den Bösen als auch unter den Guten."

Luther auf einem Kirchenfenster

Streng und zornig, aber voller Angst vor dem Teufel  - Auch diese Seite gehört zu Luther (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Der fremde Luther

Vieles an Martin Luther ist für uns heute äußerst befremdlich. Vertieft man sich in Luthers Schriften, begegnet man ständig dem Teufel. Er war für ihn eine reale Gestalt. Für uns ist er kaum noch eine Sozialfigur.

Ob die Frage nach dem Bösen damit in allem plausibler beantwortet ist – darüber lohnt sich nachzudenken. Luthers Antisemitismus oder seine Feindseligkeit gegen die aufständischen Bauern zeigen, wie sehr er Kind seiner Zeit war. Hier hat er uns im 21. Jahrhundert nichts Sinnvolles zu sagen.

Martin Luther hat kein evangelisches Krankenhaus gegründet, und zu sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession lässt sich in seinen Werken auch nichts finden. Für ein bedingungsloses Grundeinkommen hätte der Apologet der Arbeit Martin Luther keinerlei Verständnis gehabt. Er lebte in sozialen Nähe-Verhältnissen und entwickelte von da aus seine sozialethischen Ideen. Eine global vernetzte Welt der globalen Krisen und Ungleichheiten konnte er sich naturgemäß nicht vorstellen.

Diakonische Patentrezepte für die Diakonie des 21. Jahrhunderts lassen sich aus Luthers Schriften also nicht gewinnen. Aber er gibt uns Anstöße dazu, was ein gutes - Luther würde sagen "frommes Leben“ - ausmacht und wie wir als zugleich Herr und Knecht zwischen Freiheit und Verantwortung leben – und helfen – sollen. Und das ist eine urdiakonische Frage.

Text: Reinhard van Spankeren

Ihr/e Ansprechpartner/in
Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (3 Stimmen)