11. Oktober 2019

Konferenz Diakonie und Entwicklung

Demokratie braucht Gleichberechtigung

Frauen verdienen im Schnitt weniger, sind häufiger Opfer von sexueller Gewalt und sind in der Politik noch immer unterrepräsentiert. Die Konferenz des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung  - bestehend aus der Diakonie Deutschland, der Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt - beleuchtete Geschlechtergerechtigkeit in der Welt, in Deutschland und auch in der Diakonie. 

  • Präses Manfred Rekowski (links), Pfarrerin Angelika Weigt-Blätgen und Pfarrer Christian Heine-Göttelmann vor der Bergerkirche in Düsseldorf.
  • Diskussionsrunde im Düsseldorfer Rathaus
  • Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland Maria Loheide und Brot-für-die-Welt- Pressesprecherin Renate Vacker.
  • SPD-MdL Rüdiger Weiß (links) und Diakoniepräsident Ulrich Lilie.
  • Marusia Lopez Cruz von der Organisation JASS-Meso
  • 112 Delegierte waren bei der Konferenz Diakonie und Entwicklung zu Gast.
  • Professorin Ulrike Lembke von der Humboldt-Universität Berlin

Gerecht geht anders: In Deutschland stagniert die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Im aktuellen "Global Gender Gap Report" ist Deutschland auf Platz 14 abgerutscht, zwei Plätze niedriger als im Jahr zuvor. Noch immer verdienen Frauen durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer, wenden aber 52,4 Prozent mehr Zeit für Sorgearbeit wie Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen auf.

"Wir erleben, dass die Errungenschaften der Frauenbewegung derzeit zurückgedreht werden", sagte Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland im Rahmen der Konferenz des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung (EWDE) in Düsseldorf. Frauen seien noch immer hauptverantwortlich in der Sorgearbeit, verdienten weniger, und seien stärker gefährdet, in Armut abzurutschen als Männer.

Gleichstellungatlas der Diakonie

Selbstkritische Töne

Die Diakonie Deutschland schlug auch selbstkritische Töne an: 77 Prozent ihrer Mitarbeitenden sind Frauen. In der obersten Leitungsebene kommen sie aber nur selten an, 22 Prozent sind Frauen. Zudem verdienen die weiblichen Angestellten im Durchschnitt weniger als ihre männlichen Kollegen. Der sogenannte Gender Pay Gap liege bei 7,4 Prozent in der Diakonie. Dieser Wert sei zwar niedriger als der bundesdeutsche Durchschnitt, müsse aber dennoch angegangen werden, so Loheide.

Soziale Gerechtigkeit war auch ein Thema des Gottesdienstes, mit dem die Konferenz in der Düsseldorfer Altstadt eröffnet wurde. "Unserem Gott hängt zu Recht der Ruf an, er hege eine besondere Zuneigung für die Benachteiligten", sagte Präses Manfred Rekowski in seiner Predigt. Deshalb sei es für ihn ein Kompliment und keine ernstzunehmende Kritik, "wenn man unserer Kirche heute bisweilen diese Parteilichkeit vorwirft".

Pfarrerin Dr. Cornelia Füllkrug-Weitzel

Brot-für-die-Welt-Prsäidentin Dr. Cornelia Füllkrug-Weitzel

Miserable Zustände abschaffen

In der Gesellschaft gebe es viele "Unerhörte", wie etwa Flüchtlinge, Obdachlose oder Hartz-IV-Empfänger, sagte Rekowski. Viele von ihnen würden Opfer von Vorurteilen und Beschimpfungen und könnten sich nicht gut wehren. Miserable gesellschaftliche Verhältnisse seien aber nicht alternativlos, sondern würden zu Auslaufmodellen. An vielen Stellen in der Bibel gebe es radikale Umsturzgedanken. Es gebe allen Grund, auch für das Leben hier und jetzt Hoffnung zu haben.

Frauen und sexuelle Minderheiten seien in besonderem Maße die Leidtragenden des Aufstiegs autoritärer Regierungen in vielen Ländern, betonte Brot-für-die Welt-Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel. Systematische Vergewaltigungen von Frauen hätten weltweit zugenommen. Die sexuelle Gewalt und der Missbrauch würden genutzt, um ganze Familien und Dörfer einzuschüchtern und klein zu halten.

Wir können und nur schützen, wenn wir zusammenhalten, sagt Marusia Lopez Cruz von der mexikanischen Organisation JASS-Meso.

Wir können uns nur schützen, wenn wir zusammenhalten, sagt Marusia Lopez Cruz von der mexikanischen Organisation JASS-Meso.

Machtstrukturen durchbrechen

"Wir müssen die gemeinsame Kraft der Frauen nutzen", forderte Marusia Lopez Cruz. Die Mexikanerin setzt sich in der Nichtregierungs-Organisation JASS-Meso für Frauen in Mexiko und Zentralamerika ein. "Wenn wir Frauen aus traditionellen Rollen ausbrechen – in welcher Form auch immer – dann kann uns das unser Leben kosten." Schutz von Frauen müsse auch immer die zum Teil patriarchalischen Strukturen und Machtübergriffe in den Organisationen und eigenen Familien berücksichtigen.

Auch in Deutschland ist der Weg zur Gleichberechtigung weiterhin eine große Herausforderung. "Wir sind kein Vorbild für andere. Wir müssen das erstmal selbst in den Griff bekommen", sagte Prof. Dr. Ulrike Lembke von der Humboldt-Universität Berlin. Ungleichheit der Geschlechter sei eine Gefahr für unsere Demokratie.

Nur 9,5 Prozent der Landrät*innen seien weiblich. Frauen würden in der politischen Debatte zu wenig zu Wort kommen. "Werden Frauen überhaupt als politische Subjekte wahrgenommen?", fragte Lembke. Beschimpfungen und Angriffe im Internet zeigten, dass Frauen sich noch immer rechtfertigten müssen, wenn sie als "sprechende Subjekte" agierten. Die Demokratiefrage sei eine Genderfrage, so Lembke.

Moderator Uwe Schulz (links) mit Brot-für-die-Welt-Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel und CDU-Politiker Marcus Optendrenk

Moderator Uwe Schulz (links) mit Brot-für-die-Welt-Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel und CDU-Politiker Marcus Optendrenk

Soziales Europa – mit Herz?

Europapolitische Fragen rückten in den Fokus bei der Abendveranstaltung der Konferenz im Düsseldorfer Rathaus, die die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe organsiert hatte. Brot-für-die-Welt Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel plädierte für eine Fluchtursachenbekämpfung, die diesen Namen verdiene. Dabei sei auch zu bedenken, welchen Anteil unsere westliche Lebensweise an Fluchtursachen habe.

Der Klimawandel sei ein bedeutender Armutstreiber. Der Lissabon-Vertrag von 2009 verpflichte auch die europäischen Länder auf menschenrechtlich kompatible und entwicklungsförderliche Ziele. Global gesehen gebe es nicht nur die Kluft zwischen Nord und Süd, sondern auch in Europa abgehängte Regionen.

SPD-MdL Rüdiger Weiß (links) und Diakoniepräsident Ulrich Lilie

SPD-MdL Rüdiger Weiß (links) und Diakoniepräsident Ulrich Lilie

Europaweite Mindestlöhne

Diakoniepräsident Ulrich Lilie verwies darauf, dass es Menschen gebe, die lieber in Wuppertal unter der Brücke lebten als in Rumänien vergeblich nach Arbeit zu suchen. Er wies auf die "Schatten der Freizügigkeit" hin. 25 Prozent aller Europäer lebten in Armut, es müsse dringend soziale Mindeststandards für ganz Europa geben. Auch Mindestlöhne sollten diskutiert werden.

Die deutsche soziale Marktwirtschaft, darin waren sich die Europaexperten von CDU und SPD im Kern einig, sei im Grunde das richtige Modell für ein auch sozial verantwortlich gestaltetes Europa. "Der Markt allein regelt nichts", betonte allerdings SPD-MdL Rüdiger Weiß. Die soziale Säule Europas müsse gestärkt werden. Sein CDU-Kollege Marcus Optendrenk wünschte sich, dass die Europa-Idee angesichts der vielfältigen europäischen Krisen wieder in die Herzen der Menschen gelange – um so Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu befördern.

Text: Ann-Kristin Herbst, Reinhard van Spankeren (mit epd); Fotos: Ann-Kristin Herbst

Ihr/e Ansprechpartner/in
Reinhard van Spankeren

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Weitere Informationen
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 4.7 (13 Stimmen)

Veröffentlichung: Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern
Die Diakonie will Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt in ihren Einrichtungen und Diensten stärken. Dazu hat sie eine repräsentative Erhebung unter den diakonischen Einrichtungen und Angeboten sowie Landes- und Fachverbänden durchgeführt. Die Studie wurde 2018 vom Berliner Forschungsinstitut House of Research im Auftrag der Diakonie Deutschland durchgeführt. Ermittelt wurden erstmals geschlechtsdifferenzierte Daten zur Repräsentanz von Frauen und Männern in Führungspositionen, Entscheidungs- und Aufsichtsgremien und in Mitarbeitendenvertretungen in der Diakonie.

Die Konferenz Diakonie und Entwicklung
Das oberste Organ des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung ist die Konferenz Diakonie und Entwicklung. Der Aufsichtsrat begleitet die Arbeit des Vorstandes bzw. des Werkes. Die Konferenz beschließt über Grundsatzfragen des Vereins sowie auf Vorschlag seines Ausschusses Diakonie über allgemeine Grundsätze für die diakonische und volksmissionarische Arbeit, auf Vorschlag seines Ausschusses Entwicklungsdienst und humanitäre Hilfe über allgemeine Grundsätze für den Entwicklungsdienst und die humanitäre Hilfe.