5. März 2019

Klausur Diakonievorstände

Diakonie zwischen Theologie und Unternehmertum

In der Öffentlichkeit wird Diakonie meist als "soziale Arbeit" der Kirchen verstanden. Beide scheinen eng miteinander verzahnt. Doch das Bild täuscht. Schon im Theologiestudium spielt Diakonie kaum eine Rolle. In diakonischen Unternehmen wiederum werden nur selten theologische Diskussionen geführt. Der Bonner Theologieprofessor Eberhard Hauschildt und Hephata-Vorstand Christian Dopheide wünschen sich mehr Austausch. Eine Gelegenheit dazu bot das vierte Theologische Forum der Diakonie RWL.

Portrait

Eberhard Hauschildt  ist seit 1997 Professor für Praktische Theologie an der Universität Bonn. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Seelsorge, Diakonie und Gemeindeaufbau.

Das diesjährige Theologische Forum trug den Titel "Diakonie meets gegenwärtige Universitätstheologie". Das hört sich an, als wenn zwei fremde Welten zusammengebracht werden sollen. Was wissen Ihre Studierenden über die Diakonie, Herr Professor Hauschildt?

Eberhard Hauschildt: Erstaunlich wenig. Das Bild von Diakonie ist immer noch geprägt von der Altenpflege und Diakonissen mit ihren weißen Hauben. Das ist für junge Studierende natürlich nicht attraktiv. Die meisten haben das Theologiestudium gewählt, weil sie aus der Jugendarbeit kommen oder der Religionsunterricht ihnen so gut gefallen hat. Wenn ich sie für die Vielfalt sozialer Arbeit in der Diakonie begeistern will, muss ich das unter einem anderen Titel versuchen, etwa indem ich eine Veranstaltung zum Thema "Seelsorge" dafür nutze.

Wie erging es Ihnen, Herr Dopheide, als Sie Theologie studiert haben? Hatten Sie dabei schon fest im Blick, einmal ein großes diakonisches Unternehmen wie die Evangelische Stiftung Hephata zu leiten?

Christian Dopheide: Ich war der typische Student, den Professor Hauschildt gerade beschrieben hat. Mein Bild von einem Diakonievorstand war geprägt von einem älteren Herrn im grauen Anzug, der in Erscheinung trat, um zur Eröffnung eines weiteren Altenheims ein rotes Band durchzuschneiden und beim Sparkassendirektor um Spenden bat. Einen solchen Job wollte ich auf keinen Fall machen. Erst als Gemeindepfarrer und über meine Frau, die Sozialarbeiterin ist, habe ich ein anderes Bild von Diakonie und den vielfältigen Aufgaben eines Vorstands bekommen. Und irgendwann fand ich das dann spannender als die nächste Kaffeefahrt für meine Frauenhilfe zu organisieren.

Portrait

Christian Dopheide, Vorstand der Stiftung Hephata, auf dem "Heiligen Berg". So nennen die Wuppertaler die Kirchliche Hochschule. Dort fand das vierte Theologische Forum der Diakonie RWL statt.

Vielen Pfarrern scheint es anders zu gehen. Immer wieder ist in Kirchengemeinden zu hören, dass die Diakonischen Werke sich weit von der Theologie entfernt haben und es nur noch um unternehmerische Aspekte geht.

Christian Dopheide: Ich kenne diese Debatten und möchte sie nicht mehr bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag führen. Von den sechziger bis in die neunziger Jahre hinein hat es einen großen strukturellen Umbau in vielen diakonischen Werken und Verbänden gegeben. Die Professionalisierung unserer sozialen Arbeit war nötig. Viele finanzielle Probleme, die wir als Diakonie hatten, ließen sich nur unternehmerisch lösen. Doch das bedeutet nicht, dass wir die christliche Grundlage, auf der wir tätig sind, vergessen haben – nur weil bei uns kein großes Kreuz im Eingang steht oder unsere Einrichtungen nicht "Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum" heißen.

Herr Professor Hauschildt, wie erleben Sie als Universitätstheologe, zu dessen Arbeitsschwerpunkten Seelsorge, Diakonie und Gemeindeaufbau gehören, das Verhältnis von Kirche und Diakonie vor Ort?

Eberhard Hauschildt: In Kirchengemeinden werde ich am häufigsten zu Vorträgen eingeladen, in denen ich die Frage beantworten soll, warum die Kirche nicht mehr so ist, wie sie war und welche Zukunft sie hat. Ich denke, dass sie dort, wo sie gemeinsam mit Diakonie in den Sozialraum wirkt, gut aufgestellt ist. Dafür finden wir auch in der Bibel interessante Beispiele. Auf dieser Tagung haben wir uns ja intensiv damit beschäftigt. Wenn wir theologische Forschung mit kirchlicher Praxis und diakonischem Unternehmertum zusammenbringen, eröffnet das neue Perspektiven und Erkenntnisse.

Pastorin Barbara Montag, Theologin und Diakoniewissenschaftlerin, hat das Forum moderiert.

Barbara Montag: Die Bibel ist voll von Geschichten über Krisen und Bewältigungsstrategien. Daraus können wir für unsere heutigen Herausforderungen  in Kirche und Diakonie lernen. Egal, ob es sich dabei um das Thema Migration, soziale Gerechtigkeit oder Armut handelt. Auf dieser wissenschaftlichen theologischen Basis nach Lösungen für dringende gesellschaftliche und sozialpolitische Fragen zu suchen, ist bereichernd. Diesen Austausch bietet unser theologisches Forum jedes Jahr, aber es wäre natürlich schön, wenn es darüber hinaus noch mehr solcher Foren auch in der Fläche geben würde.

Welche Rolle spielt die Auseinandersetzung mit theologischen Fragen in Ihrem diakonischen Unternehmen, Herr Dopheide?

Christian Dopheide: In unserem Alltag kommt das leider zu kurz. Aber ich wünsche mir, dass wir mehr über biblische Grundlagen diskutieren – zumal ich erlebe, dass unsere Mitarbeitenden heute weniger darüber wissen. Uns fehlen noch Formate, wie wir diesen Austausch ermöglichen. Die Grundlage unserer Hilfen für Menschen mit Behinderung ist für mich aber zutiefst christlich und biblisch. Getreu dem Spruch Jesu "Was willst du, das ich dir tun soll?" fragen wir die Menschen, die wir betreuen, zuerst wie sie leben möchten. Danach richten wir dann unser unternehmerisches Handeln. Deshalb wohnen sie bei uns nicht mehr in großen Anstalten außerhalb der Stadt, was für Hephata leichter zu organisieren wäre, sondern in kleinen, familiären Wohngruppen oder Appartementhäusern in verschiedenen Stadtgebieten.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke. Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Barbara Montag

Theologie und Grundsatzfragen

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