29. Oktober 2020

US-Wahl 2020

Soziales Engagement gegen die Spaltung

Vier weitere Jahre Donald Trump oder gewinnt Joe Biden die US-Wahl am 3. November? Das Wahlergebnis entscheidet nicht nur über den nächsten US-Präsidenten. Es bestimmt auch die Eckpfeiler der sozialen Arbeit, betonen die Präsidenten der US-Partnerdiakonie CHHSM und Sigrid Rother von der United Church of Christ.

  • Wahlplakate in US-amerikanischen Vorgärten (Fotos: Shutterstock)
  • Eine Frau besucht ihren Ehemann im Phoebe Ministries’ in Allentown, Pennsylvania. (Foto: CHHSM)
  • Gäste des United Caring Services in Evansville, Indiana, helfen in der Küche aus. (Foto: CHHSM)
  • Fensterbesuch: Eine Familie besucht eine Bewohnerin des Altenheims Arcadia in Honolulu, Hawaii. Sie unterhalten sich übers Handy. (Foto: CHHSM)
  • Proteste gegen Rassismus in den USA
  • Am liebsten sind wir zusammen: In der Betreuung der UCC-Gemeinde in Westerville, Ohio, haben die Kinder Plakate gebastelt. (Foto: Sigrid Rother/UCC Westerville)

Rot und blau sind die Vorgärten gegenüber der Kirche der United Church of Christ in Westerville, einem Vorort der Bundeshauptstadt Columbus in Ohio. Der Nachbar direkt gegenüber hat ein unübersehbares rotes Wahlplakat mit der Aufschrift "Trump Pence" in seinen Rasen gepflockt. Ein Grundstück weiter prangt ein ebenso großes Schild mit "Biden Harris". Die Kleinstadt mit knapp 40.000 Einwohnern ist gespalten. Der Bundesstaat Ohio gilt als "Swing State", das bedeutet, dass es hier besonders knapp werden könnte. Ob die Demokraten oder die Republikaner gewinnen, wird bis zuletzt unklar sein. Doch in der Kirche bleibt die Politik draußen. "An der letzten Wahl ist unsere Gemeinde fast zerbrochen", sagt Pastorin Sigrid Rother.

Rund 600 Mitglieder hat die Gemeinde. Die UCC-Kirche versteht sich als Familienkirche, in der konservative Mittelschichtsfamilien ebenso ihren Platz haben wie liberale Einelternfamilien und homosexuelle Paare mit adoptierten Kindern. Nur über Politik wird in der Gemeinde nicht mehr gesprochen. Sigrid Rother hat darum gebeten, am Sonntag nach der Wahl freinehmen zu dürfen.

Die CHHSM-Präsidenten Michael Readinger (links) und George Graham (rechts). (Fotos: CHHSM)

Minderheiten und benachteiligte Menschen haben zu wenige Chancen in den USA, kritisieren die beiden CHHSM-Präsidenten Michael Readinger (links) und George Graham (rechts).

Affordable Care Act gefährdet

73  der mehr als 200 Millionen wahlberechtigten US-Amerikaner haben bereits ihre Stimme abgegeben. "Das ist ein großartiges Zeichen der Hoffnung", sagt Michael Readinger, Präsident des Councils for Health & Human Service Ministries (CHHSM). Die Organisation ist der Wohlfahrtsverband der UCC. CHHSM setzt sich für keinen der Kandidaten ein, bietet aber seit Anfang des Jahres politisches Informationsmaterial zu sozialen Themen wie Gesundheitsvorsorge, Wohnungslosigkeit und Behindertenhilfe an. "Wir haben die Verantwortung, uns aktiv für die Menschen einzusetzen, die zu selten wahrgenommen werden", betont Readinger. Dabei gehe es nicht darum, sich christlich zu engagieren, es gehe um Gerechtigkeit.

Für die rund 75 Mitglieder von CHHSM hat das Wahlergebnis direkte Auswirkungen auf ihre Arbeit zum Beispiel im Bereich der Gesundheitsvorsorge "Wir sind für den Patient Protection and Affordable Care Act, kurz ACA (Patientenschutz und erschwingliche Pflege)", sagt George Graham, Vizepräsident der CHHSM. Das Bundesgesetz wurde von Donald Trumps Vorgänger Barack Obama verabschiedet und hat 20 Millionen Nichtversicherten den Zugang zu einer Krankenversicherung ermöglicht. Einige Republikaner versuchen, ACA einzuschränken. Bis zu 30 Millionen Bürger könnten Zugang zur Gesundheitsversorgung verlieren. "Wir haben uns ein gesellschaftliches System aufgebaut, das sich an den Bedürfnissen von gutverdienenden Weißen orientiert. Das ist ungerecht und zutiefst rassistisch", kritisiert Graham.

Deborah Horn ist die Koordinatorin des Zentrums "Micah Day Center" in Biloxi, Mississippi (Foto: CHHSM)

Alles im Blick: Deborah Horn ist die Koordinatorin des Zentrums "Micah Day Center" in Biloxi, Mississippi. Die Einrichtung der "Back Bay Mission", einem Mitglied der UCC, unterstützt Menschen ohne Wohnung oder mit geringem Einkommen. 

Scham über fehlende Absicherung

Viele Gemeindemitglieder der UCC-Kirche in Westerville arbeiten in zwei bis drei Halbtagsstellen, um über die Runden zu kommen. Anspruch auf eine Krankenversicherung über den Arbeitgeber haben sie damit nicht. "Krankheiten sind bei uns eine Art Tabu-Thema. Da reden die Leute nicht gerne drüber", erzählt Rother.

"Viele Arbeitgeber begrenzen Stellen ganz bewusst auf 30 oder 35 Stunden, damit sie nicht in die Versicherung einzahlen müssen", so die Pastorin. Und selbst wer eine Versicherung habe, müsse für viele Leistungen wie den Besuch des Augen- oder Zahnarztes selbst aufkommen.

Wer sich eine private Krankenversicherung oder den Arztbesuch nicht leisten kann, muss oft weite Wege in Kauf nehmen, um Kliniken zu finden, die Nicht-Versicherte kostenlos behandeln. 2,2 Millionen Menschen besuchten im vergangenen Jahr medizinische Einrichtungen von CHHSM. Insgesamt wurden kostenlose Behandlungen im Wert von fast einer Milliarde US-Dollar in Anspruch genommen. Jetzt in der Corona-Krise und danach wird die Zahl der Menschen, die keine Versicherung haben, weiter steigen, betont Michael Readinger. "Gesundheitsvorsorge wird in den USA immer mehr zum Politikum. Auch weil damit so viel Geld zu machen ist." 

Sigrid Rother, Pastorin der UCC-Gemeinde in Westerville, Ohio. (Foto: Sabine Damaschke)

Den Sonntag nach der Wahl hat sie sich freigenommen: Die ausgewanderte Sigrid Rother ist seit 2002 Pfarrerin in der US-amerikanischen Gemeinde Westerville, einem Vorort der Hauptstadt Columbus im US-Bundesstaat Ohio.

Schlechte Chancen für Corona-Erkrankte

Sigrid Rother befürchtet, dass bei einem Wahlsieg der Republikaner ACA abgeschafft werden könnte. "Wenn dann Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, versuchen, Mitglied einer privaten Versicherung zu werden, könnten sie womöglich wegen einer Vorerkrankung abgelehnt werden."

Knapp 227.000 Menschen sind in den USA bislang an oder mit dem Corona-Virus gestorben. Die UCC-Gemeinde in Westerville will ihrer mit Glockengeläut gedenken. Eine Veranstaltung zum gemeinsamen Trauern oder ein Mahnmal für die Verstorbenen könnte als politisch verstanden werden. "Ich hatte gehofft, dass die Covid-Pandemie uns zusammenschweißt", sagt die ausgewanderte Deutsche. "Aber die Stimmung ist so polarisiert wie noch nie." Die Gemeinde versucht, mit praktischer sozialer Hilfe dagegen zu halten.

Betreuung von Schulkindern in der UCC-Gemeinde in Westerville, Ohio (Foto: Sigrid Rother/ UCC Westerville)

Online lernen: In der UCC-Gemeinde können bis zu 20 Kinder betreut werden. Morgens werden sie bei ihrem Online-Unterricht unterstützt, nachmittags erhalten sie Hilfe bei den Schulaufgaben.

Steigende Gewalt und Drogenmissbrauch

Nur jede zweite Woche gehen die Kinder in Westerville zur Schule, damit die Klassen und damit das Risiko sich anzustecken klein bleiben. Zu Hause sollen sie am Online-Unterricht teilnehmen. Dabei haben viele kein Internet und die Eltern sind tagsüber bei der Arbeit. Damit die Schülerinnen und Schüler nicht alleine zu Hause bleiben, bietet die UCC-Gemeinde eine Betreuung für 20 Kinder an. Viele der Schüler haben enorme Lücken durch die Pandemie. "Vor einigen Wochen habe ich einen Brief von der Schule meiner Tochter bekommen. Sie sei gefährdet, durchzufallen." Die Tochter von Sigrid Rother besucht eine Schule mit 1.400 Kindern und Jugendlichen in Westerville. "Als ich anrief, sagte man mir: ‘Das war ein Missverständnis. 1.100 der 1.400 Kinder sind gefährdet durchzufallen. Wir haben den Brief versehentlich an alle Eltern geschickt.’"

"Ich mache mir große Sorgen um die Jugendlichen hier in Ohio", sagt die Pastorin. Gewalt und Drogenmissbrauch haben einen traurigen Höhepunkt erreicht. Die Zahl der Drogentoten ist in diesem Jahr um 65 Prozent gestiegen. Und auch Tötungen haben zugenommen. Von Juni bis August starben so viele Menschen eines gewaltsamen Todes wie in den beiden vorherigen Sommern zusammengenommen. 

Anwohner verteilen in St. Louis, Missouri, in der Organisation Emmaus Homes Spenden. (Foto: CHHSM)

Füreinander da sein: In St. Louis, Missouri, verteilen Anwohner Toilettenpapier, Nahrungs- und Reinigungsmittel in der Organisation Emmaus Homes. Die Einrichtung betreut Menschen mit geistiger Behinderung.

Langzeitfolgen der Covid-19-Pandemie

"Es ist absolut frustrierend zu sehen, dass Millionen Dollar in Wahlwerbung gesteckt werden, obwohl klar ist, dass die Fronten so verhärtet sind. Ein Großteil der Stimmen wurde bereits abgegeben und es wird kaum Wechselwähler geben", sagt CHHSM-Präsident Michael Readinger. "Mit dem Geld könnten die amerikanischen Non-Profit-Organisationen wirklich Gutes tun und die Auswirkungen der Corona-Pandemie abmildern."

"Es ist extrem hart für uns alle", sagt Rother. Durch die massiven Beschränkungen bleiben die Bänke im Gottesdienst häufig leer. Über die Kollekten kommen im Monat rund 9.000 Dollar zusammen. "Das Geld fehlt jetzt, denn nur wenige schicken ihren Scheck per Post." 

Dennoch gebe es zwischendurch Lichtblicke. "Wir übertragen unsere Gottesdienste live über Facebook und andere soziale Medien", erzählt die Pastorin. Seit Monaten betet die Gemeinde für eine alleinerziehende Mutter dreier Kinder, die an Krebs erkrankt ist. "Und plötzlich kam die Nachricht einer Frau aus North Carolina, also mehr als acht Autostunden von uns entfernt, die offenbar seit Wochen online an unserem Gottesdienst teilnimmt. Sie wollte Weihnachtsgeschenke für die Familie besorgen. Das hat mich sehr berührt."

Text: Ann-Kristin Herbst, Fotos: Shutterstock, CHHSM, Sigrid Rother/ UCC Westerville und Sabine Damaschke.

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Ann-Kristin Herbst

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit / Social Media

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CHHSM
"Creating a just, caring and compassionate world" ist der Leitspruch des Councils for Health & Human Service Ministries (CHHSM). Im CHHSM ist die diakonische Arbeit der protestantischen United Church of Christ-Kirche (UCC) zusammengefasst. Der Verband hat 75 Mitglieder mit rund 425 Einrichtungen, die mehreren Millionen Menschen in den USA soziale Hilfen anbieten. Diese Angebote reichen von Gesundheitsvorsorge, Kinder- und Jugendhilfe, Altenhilfe bis hin zu Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Die Mitgliedseinrichtungen erreichen rund 2,8 Millionen US-Amerikaner. Seit 2009 tauschen sich die Mitarbeitenden der Diakonie RWL und CHHSM regelmäßig aus und besuchen sich gegenseitig.

UCC
Die Evangelische Kirche im Rheinland und die Kirche von Westfalen sind seit 1980 mit der United Church of Christ in Kirchengemeinschaft verbunden. Die in Teilen auf deutsche Auswanderer zurückgehende UCC zählt rund eine Million Mitglieder. Die Gemeinden sind weitgehend selbständig. Gegner und Befürworter von Präsident Donald Trump stehen sich auch in dieser Kirche gegenüber.