6. April 2017

US-Partnerkirchen und Trump

"Die soziale Schere wird breiter"

Präsident Donald Trump spaltet die Kirchengemeinden in den USA. Ein Teil der Christen unterstützt seine Politik, ein anderer Teil protestiert dagegen. Dazu gehört die United Church of Christ (UCC), Partnerkirche der rheinischen und westfälischen Kirche sowie der Diakonie RWL. Sie sorgt sich um eine soziale Spaltung des Landes, wie Sigrid Rother berichtet. Die deutsche Pfarrerin leitet eine UCC-Gemeinde in Ohio und war gerade auf Deutschlandbesuch.

Portrait

Sigrid Rother beim Besuch der Diakonie RWL

Mit 24 Mitgliedern Ihrer UCC-Gemeinde haben Sie zehn Tage Ihre Partnerkirche in Schwelm besucht und dabei auch viel über den deutschen Sozialstaat und die Flüchtlingshilfe geredet, unter anderem bei der Diakonie RWL. Sind die Deutschen in dieser Hinsicht ein Vorbild für Ihre Gemeinde?

Was Deutschland für die Integration der Flüchtlinge tut, hat viele Gemeindemitglieder sehr beeindruckt. Ebenso die Vielfalt der diakonischen Arbeit, die stark vom Staat unterstützt wird. Andererseits fanden sie es merkwürdig, dass der deutsche Staat die soziale Arbeit über das Steuersystem mitfinanziert. Genau das wollen die Amerikaner nicht. Für sie ist die Trennung von Staat und Kirche sehr wichtig. Viele betonen, dass sie im Gottesdienst nichts über Politik hören möchten. Diese ablehnende Haltung hat mit ihrer Geschichte zu tun. Die aus England stammenden reformierten Einwanderer wurden ja damals von der Staatskirche bekämpft und flüchteten deshalb in die Neue Welt. Diese Konflikterfahrungen sind für die in der amerikanischen Verfassung verankerte Trennung von Kirche und Staat konstitutiv geworden.

Portrait

Diese Trennung von Politik und Religion führt dazu, dass die Kirchen sich eher mit politischen Stellungnahmen zurückhalten. Wie geht die UCC damit um, seit Donald Trump gewählt wurde?

Die UCC war schon immer eine politisch aktive Kirche. Wir gehören zu den liberalsten Religionsgemeinschaften der USA. Zwar sind wir mit 1,5 Millionen Mitgliedern in rund 6.000 Gemeinden eine kleine protestantische Kirche. Aber wir hatten schon 1785 den ersten schwarzen Pastor, 1853 die erste Pastorin und haben uns als erste große Kirche für die Gleichberechtigung homosexueller Paare ausgesprochen. Wir sind gegen die Todesstrafe und engagieren uns für Menschen- und Umweltrechte sowie soziale Gerechtigkeit. Seit Donald Trump Präsident ist, hat die UCC klar Stellung gegen seine Politik bezogen. Wir haben zu Protestmärschen aufgerufen, etwa als er sein Einreiseverbot für Muslime aus bestimmten Ländern verabschiedet hat.

Gruppenbild

Familienkirche: Sigrid Rother mit Kindern im Gottesdienst

Viele Kirchengemeinden in den USA sind gespalten. Ein Teil hat für Donald Trump gestimmt, ein anderer Teil war klar gegen ihn. Wie ist die Situation in den UCC-Gemeinden?

Die meisten Gemeinden sind mit seiner Politik nicht einverstanden und haben nun große Sorge, wie sich unser Land unter seiner Regierung entwickeln wird. So geht es auch mir und einem Teil meiner Gemeinde. Doch es gibt in unserer Kirche in Westerville auch Mitglieder, die Donald Trump gewählt haben und vor allem darauf hoffen, dass er neue Arbeitsplätze schafft und das protestantische, weiße Amerika der fünfziger Jahre wieder "groß" macht. Insofern halte ich mich als Pastorin zurück mit politischen Äußerungen. Unsere UCC-Kirche versteht sich eher als Familienkirche, in der konservative Mittelschichtsfamilien ebenso ihren Platz haben wie liberale Einelternfamilien und homosexuelle Paare mit adoptierten Kindern. Aber die rund 600 Mitglieder meiner Gemeinde, die ich seit 15 Jahren leite, kennen meine politische Meinung. 

Kirchengebäude Eingang

Die Tochter erwartete schon den Umzugswagen vor der Kirche - Gebäude der UCC-Gemeinde in Westerville/Ohio

Sie leben schon seit zwanzig Jahren in den USA, sind mit einem Amerikaner verheiratet und haben zwei Kinder. Die USA ist Ihre Heimat geworden. Könnte sich das unter Donald Trump ändern?

Ich hoffe nicht. Doch mich sorgt die große Spannung und Zerrissenheit in der Gesellschaft. Ich erlebe nun zum ersten Mal, dass mich Schulkameraden meiner Kinder als "Nazi-Mutter" bezeichnen. Kurz nach der Wahl kam meine Tochter aus der Schule und fragte mich, ob wir nun umziehen müssten. Als das Einreiseverbot verabschiedet wurde, habe ich tatsächlich Angst gehabt, dass ich mit meiner Greencard bald nicht mehr ins Land gelassen werde. Die Situation hat sich zum Glück wieder entspannt, seit das Einreiseverbot gestoppt wurde. Doch es ist derzeit kein gutes Gefühl, in Amerika als Ausländerin zu leben. 

Gruppenbild

Deutsch-amerikanische Freundschaft: Mitglieder der UCC-Gemeinde Westerville mit ihren deutschen Gastgebern aus Schwelm in der Diakonie RWL

Noch wird die deutsch-amerikanische Freundschaft – zumindest auf deutscher Seite – beschworen. Haben Sie Angst, dass sich das ändert?

Viele haben den Besuch Angela Merkels in Washington verfolgt und sich darüber aufgeregt, dass Donald Trump der deutschen Kanzlerin noch nicht einmal die Hand gegeben hat. Der Großteil der Amerikaner ist interessiert daran, die langjährige Partnerschaft zu stärken. Insofern hoffe ich natürlich, dass sich die diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland wieder bessern. Und natürlich auch, dass das starke soziale Engagement für Flüchtlinge und benachteiligte Menschen in Deutschland zum Vorbild für viele Menschen in Amerika wird oder bleibt.

Portrait

Sigrid Rother mit Pastorin Gini Lohmaur Baumann von der UCC-Gemeinde in Columbus, die sich stark für Obdachlose engagiert 

Die UCC befürchtet große soziale Einschnitte unter der Präsidentschaft Donald Trumps. Was können die Kirchen dagegen tun?

Die Kirchen übernehmen in den USA viele soziale Aufgaben, für die in Deutschland der Staat verantwortlich ist. Fast jede Kirche hat einen eigenen sozialen Schwerpunkt. Wir engagieren uns zum Beispiel in den öffentlichen Schulen und bieten dort ein freies Mittagessen und Frühstück für Kinder aus sozial benachteiligten Familien während der Schulzeit und in den Sommerferien an. Andere UCC-Gemeinden wie etwa unsere Nachbarkirche in Columbus sind aktiv in der Obdachlosenarbeit. Meistens arbeiten wir ökumenisch mit anderen Kirchen, aber auch der Kommune zusammen. Wenn nun die - verglichen mit Deutschland - wenigen öffentlichen Gelder für die soziale Arbeit vor Ort gestrichen werden, befürchten wir, dass die soziale Schere in den USA weiter auseinandergeht. Die UCC hat bereits zu Demonstrationen aufgerufen, sammelt Unterschriftenlisten und nimmt öffentlich Stellung. Mehr können wir im Moment nicht tun.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Fotos: Sabine Damaschke/Christian Carls

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Sabine Damaschke
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