22. September 2017

Umgang mit Anhängern der AFD

Diakonie zwischen Dialog und Distanz

Bei der Bundestagswahl am Sonntag könnte die AFD drittstärkste Partei werden. Der Umgang mit Anhängern der AFD und anderen Rechtspopulisten ist für die Diakonie eine große Herausforderung. Ein aktuelles Positionspapier der EKD plädiert für mehr Dialog. Oder ist es wichtiger, Grenzen zu setzen? Das haben wir Führungskräfte in der Diakonie RWL gefragt.

„Kein Platz für menschenverachtende Parolen“

Wie steht die Diakonie zu rechtspopulistischen Parolen?

Christian Heine-Göttelmann, Vorstand der Diakonie-RWL, plädiert für eine klare Abgrenzung gegen rechte Hetze.

"Wir kümmern uns genauso um bedürftige Flüchtlinge wie um deutsche Obdachlose, Rentner, arme Familien oder alleinerziehende Mütter. Jeder Mensch ist uns gleich wertvoll, egal, welcher Religion oder Nationalität er oder sie angehört. Wir tun das, was Jesus auch getan hätte: Für Menschen da sein, die unsere Hilfe nötig haben. 

Daher wenden wir uns gegen jede rechtspopulistische Partei wie die AFD, die Hass sät, die unsere Gesellschaft spaltet und Menschengruppen gegeneinander aufbringt. Wir wenden uns gegen jeden, der ein Klima des Hasses schafft, in dem Menschen bedroht, beschimpft oder körperlich angegriffen werden. Ein Klima, in dem Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte geworfen werden und Menschen mitten in Deutschland bedroht werden, nachdem sie aus Bürgerkrieg und Not geflohen sind. Sympathien für menschenverachtende Parolen haben in der Diakonie keinen Platz. Für uns gilt: Mitgefühl kennt keine Obergrenze."

Portrait

Ulrich Hamacher 

"Die AFD nicht zu Diskussionen einladen"

Ulrich Hamacher, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Bonn und Region, setzt in seinem Statement ebenfalls auf deutliche Distanz zur AFD. 

"Eine laute Stimme hat die rechtspopulistische Bewegung in Bonn zum Glück nicht. Es gab drei Versuche von Pegida, auch in unserer Stadt mit regelmäßigen Demonstrationen Fuß zu fassen. Doch den rund 150 Teilnehmern standen jeweils gut 2.000 Gegendemonstranten gegenüber. Die Bewegung 'Pegida Bonn' war daher recht schnell erledigt.

In unserer sozialen Arbeit haben wir als Diakonie wenig Berührungspunkte mit rechtspopulistischem oder gar rechtsextremem Gedankengut. Das gilt sowohl für den Kontakt mit den Menschen, die wir unterstützen und begleiten als auch für unsere Mitarbeiterschaft. Die ausländer- und demokratiefeindlichen Positionen von Pegida- und AFD lassen sich auch nicht mit unserem christlichen Menschenbild vereinbaren.

Wir verstehen uns als einen weltoffenen Verband, in dem auch Mitarbeitende anderer Religionen willkommen sind. Das haben wir mit unseren Mitarbeitenden ausführlich diskutiert und in unserem Konzept festgelegt. Als Voraussetzung gilt allerdings für alle, unser plurales und demokratisches Weltbild zu befürworten. Die Ausgrenzung von Menschen aus anderen Nationen, Kulturen und Religionen, passt nicht zur Diakonie. 

Es ist wichtig, eine klare Haltung gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus einzunehmen und deutliche Worte dafür zu finden. Wir sollten überzeugten Rechtspopulisten wie den Anhängern der AFD kein Forum in Kirche und Diakonie geben. Ich persönlich bin nicht dafür, sie zu Diskussionen und Veranstaltungen einzuladen. Schließlich geht es ihnen nicht um einen echten Dialog. Ich beobachte keine Bereitschaft bei der AFD, sich mit anderen Positionen als der eigenen auseinanderzusetzen. Die Rechtspopulisten wollen unsere Gesellschaft spalten. Das dürfen wir nicht zulassen."

Portrait Martin Hamburger

Dr. Martin Hamburger

"Dialog braucht Zeit - die nehme ich mir"

Martin Hamburger, Vorstand der Diakonie Wuppertal, verweist auf die Chancen des Dialogs. 

"In Wuppertal leben schon lange viele zugewanderte Menschen. Daher ist die Stadt eher offen und ‘multikulti’ unterwegs. Dennoch spüren wir in der letzten Zeit bei ganz unterschiedlichen Menschen eine zunehmende Angst vor einem zu großen Einfluss anderer Kulturen. Vermutlich war sie schon immer da, aber jetzt trauen sich mehr Menschen, ihre Skepsis offen auszusprechen. Darauf müssen wir reagieren und die Probleme im Zusammenleben auch ehrlich benennen.

Ich finde einen Dialog wichtig, denn jeder Mensch hat seine Geschichte und Meinung, die ich ernst nehmen will. Bürgerinnen und Bürger, die Positionen von Pegida und AFD übernehmen, fühlen sich oft benachteiligt, nicht ernst genommen und ausgegrenzt. Wenn wir eine Diskussion mit ihnen verweigern, grenzen wir sie tatsächlich aus und verstärken ihre 'beleidigte Haltung’' Das halte ich für gefährlich. Es ist besser, auch diesen Leuten ein Forum zu geben und mit ihnen öffentlich wie privat zu diskutieren.

Doch mit Diskussionen alleine werden wir die Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Kulturen nicht überwinden. Das geschieht am besten durch persönliche Begegnungen. Als Diakonie tun wir in Wuppertal viel, um solche Begegnungsorte zu schaffen. Für unser soziales Engagement und unsere Positionen in der Flüchtlingspolitik haben wir als Diakonie bislang noch keine Hassmails erhalten. Es gibt auch keine Mitarbeitenden, die sich bei der AFD engagieren. 

In einem Presbyterium des Kirchenkreises hatten wir dagegen einen solchen Fall. Da die AFD nicht verboten ist, kann man einen Mitarbeitenden, der sich dort engagiert, nicht einfach aus dem Leitungsorgan ausschließen. Aber man muss ihm deutlich machen, dass die Positionen der AFD nicht zur Evangelischen Kirche und damit zur Diakonie passen. Dieser Dialog braucht Zeit und die würde ich mir nehmen."

Portrait

"Wir schaffen Veränderung durch Erfahrung"

Thorsten Nolting, Vorstand der Diakonie Düsseldorf, setzt auf Wandlung durch Begegnung.

"Rechtspopulismus hat für uns als Diakonie schon deshalb eine besondere Bedeutung, weil unsere Klienten zunehmend verunsichert sind. Wir haben in Düsseldorf in den letzten Jahren 4.000 Geflüchtete betreut. Der Klimawandel, der Umschwung von der Willkommenskultur zu einer breiteren Infragestellung der Rechte von Flüchtlingen hat uns sehr beschäftigt. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen sich Gedanken, was sie gegen Fremdenfeindlichkeit tun können. Sie wollen deutlich machen, dass die Mehrheitsgesellschaft Flüchtlingen gegenüber positiv eingestellt ist.  

Wenn neue Flüchtlingsunterkünfte belegt wurden, waren wir im Vorfeld vor Ort, haben mit Nachbarn gesprochen und auf Informationsveranstaltungen für Akzeptanz geworben. Da sind wir auch 'besorgten Bürgern' begegnet, die unsere Arbeit in Frage gestellt haben und zum Teil auch Anhänger von AFD-Positionen waren. Diskussionen sind da nicht sehr wirkungsvoll, weil Diskussionen oft zum 'Recht haben' verführen. Wirksamer sind Gelegenheiten, neue Erfahrungen zu machen.

Wir haben Foren eingerichtet, haben Nachbarn zu Veranstaltungen eingeladen und auf vielen Wegen Begegnungen erzeugt. Und wir haben tatsächlich oft erlebt, dass ein Meinungswandel stattfindet und negative Bilder durch positive Bilder ersetzt werden, wenn das einzelne Schicksal eines Flüchtlings für jemanden konkret wurde. Natürlich ist Begegnung nicht immer heilsam. Begegnung kann auch schiefgehen. Aber das Risiko muss man eingehen. 

Wir sind Kirche. Wir reden mit Menschen. Wir verurteilen Menschen nicht wegen irgendwelcher Aufkleber. Wir versuchen, für unsere Werte zu werben. Es ist nicht unsere Aufgabe, andere Menschen zu stigmatisieren, auch nicht wegen ihrer Meinungen. Wenn es notwendig ist, organisieren wir aber auch öffentlichen Widerstand. Als die 'Dügida' anfing, in Düsseldorf zu demonstrieren, war es uns sehr schnell gelungen, mit anderen gesellschaftlichen Gruppen Gegendemonstrationen zu organisieren. Wir haben so die normale Seite der Gesellschaft in die Öffentlichkeit gebracht. Ich bin davon überzeugt, dass es einen gesellschaftlichen Konsens gegen rechte Parolen gibt. Das konnten wir bei dieser Gelegenheit zeigen."

Ihre Ansprechpartner/innen
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weiterer Kontakt:
Christian Carls
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