13. Juli 2018

"Transfernetzwerk Soziale Innovation"

Hochschule und Praxis finden zusammen

Die Entwicklung neuer Technologien wird in Deutschland mit zahllosen Hochschulprogrammen gefördert. Anders sieht es bei der wissenschaftlichen Begleitung sozialer Projekte aus. Dafür müssen Träger oft selbst Drittmittel auftreiben. Das soll sich mit dem "Transfernetzwerk Soziale Innovation" ändern. Die Diakonie RWL beteiligt sich an dem neuen Netzwerk. Auf einer Tagung am 9. Juli in Düsseldorf wurde das Programm vorgestellt. 

Zeichnung mit Sprechblasen, unter anderem: Eigeninitiative unterstützen, Unternehmen, Kommunen, Verwaltung beteiligen

"Soziale Innovation betrifft alle Bereiche der Gesellschaft": Live Grafic Recording von Christoph Illigens

Soziale Herausforderungen gibt es zahlreiche: eine alternde Gesellschaft zu gestalten, Menschen mit Behinderung oder Fluchtgeschichte zu integrieren oder dafür zu sorgen, dass die Gemeinschaft nicht auseinanderdriftet. Es gibt bereits viele Ideen und Projekte, wie diese sozialen Herausforderungen gemeistert werden können. Doch kommen sie auch bei den Menschen an? Und wie wirken sie in die Gesellschaft hinein? 

Träger, die diese Fragen mit Hilfe der Wissenschaft klären wollen, müssen dafür meist viel Zeit und Bürokratie in Kauf nehmen. Die Finanzierung über Drittmittel ist ebenso kompliziert wie die Suche nach Wissenschaftlern für die Evaluation eines Projekts. Im günstigsten Fall finden sich Studierende, die dies im Rahmen von Studienprojekten und Abschlussarbeiten leisten. Doch sie müssen den Spagat zwischen den Anforderungen an eine Prüfungsleistung und den Erwartungen der Partner "im Feld" hinbekommen. 

Mit Mikrofonen

Auf dem Podium: Barbara Montag und Moderatorin Gisela Steinhauer

Evaluation von innovativen Diakonieprojekten  

All das soll nun mit dem "Transfernetzwerk Innovation" leichter werden. In dem Netzwerk haben sich die Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und die Katholische Hochschule NRW zusammen gefunden. Die Diakonie RWL gehört zu den Kooperationspartnern. "Innovation ist ja das magische Wort unserer Zeit - alles soll neu, anders, besser und schneller werden. Für uns als Landesverband geht es eher um gelingende Vernetzung, sinnmachende Kooperation und nachvollziehbare Nachhaltigkeit", erklärte Barbara Montag von der Diakonie RWL auf der Kick-Off-Veranstaltung des Netzwerks in Düsseldorf.

Rund 150 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft sowie der Sozial- und Gesundheitswirtschaft nahmen daran teil. Die Leiterin der Stabsstelle Theologie und Grundsatzfragen ist für den Landesverband und seine Mitglieder zuständig, die sich mit eigenen Projekten einbringen wollen. "Mit unseren Mitgliedern - die übrigens schon lange hoch innovativ an vielen Stellen sind - werden wir uns exemplarisch mit Projekten in das Transfernetzwerk einbringen", kündigte Barbara Montag an.

Nebeneinander

Die nächsten fünf Jahre auf der Suche nach interessanten Projekten: Ariadne Sondermann von der Evangelischen Hochschule RWL ist als "Innovation Scout" im Netzwerk tätig, hier mit ihrem Kollegen für "Transfermanagement", Dominic Prüßner

Profis unterstützen Akquise von Fördermitteln

Mit etwa 20 Mitarbeitenden kann das Netzwerk in den kommenden Jahren die Modellprojekte begleiten, Erfahrungen auswerten und mit Evaluation, Dokumentation und Vernetzung den Transfer neuer Ansätze fördern. Zwar müssen für Begleitforschung mit höherem Aufwand weiterhin zusätzliche Mittel eingeworben werden, aber dafür stehen in dem Netzwerk an fünf Standorten – Bochum, Köln, Münster, Paderborn und Aachen - Profis zur Verfügung, die die Akquise von Fördermitteln unterstützen können. Für ausgewählte Projekte können Bürgerdialoge, Expertenrunden oder Workshops von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Netzwerks organisiert werden. 

eng zusammenstehend

Prof. Dr. Dr. Sigrid Graumann und Prof. Dr. Liane Schirra-Weirich

Wie funktioniert Partizipation?

Der Name "Transfernetzwerk" und die Koordination durch zwei Hochschulen könnte vermuten lassen, dass es hier nur um die Weitergabe wissenschaftlichen Wissens und wissenschaftlicher Konzepte in eine verbesserungsbedürftige Praxis geht. Aber genau darum geht es nicht, erklären Sigrid Graumann, Rektorin der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und Liane Schirra-Weirich von der Katholischen Hochschule, die gemeinsam das Programm/das Kooperationsprojekt leiten. Das "Transfernetzwerk" habe sich  im Gegenteil die Aufgabe gestellt, mit der Begleitung von Projekten auch neue Modelle des Zusammenwirkens von Bürgerinnen und Bürgern, Fachleuten in der Praxis und Forscherinnen und Forschern auf Augenhöhe zu erproben. 

Nebeneinander sitzend

Prof. Dr. Tiesmeyer (rechts) mit ihren Mitarbeiterinnen im Beratungsprojekt, Sandra Falkson und Lydia Schmidt

Beispiel aus Bielefeld und Bonn

Karin Tiesmeyer gibt ein Beispiel für eine modellhafte Zusammenarbeit von Praxis und Hochschule. Die Professorin an der Evangelischen Hochschule RWL in Bochum leitet gemeinsam mit ihrem Kollegen Professor Dieter Heitmann ein "Transferpilotprojekt" zur Beratung von Familien mit einem Kind mit Behinderung. Die Familien sind oft überfordert, sich im Dschungel der Beratungs- und Unterstützungsangebote zurechtzufinden. Um ihre Situation zu verbessern, haben die Pflege- und Betreuungsdienste Bethel gemeinsam mit der Stadt Bielefeld neue Angebote für leicht zugängliche Beratung entwickelt.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Lebenshilfe bei der Entwicklung neuer Beratungsangebote in Bonn. Aber welchen Effekt haben die Maßnahmen? Wie stellen sich die Beratungs- und Unterstützungsstrukturen insgesamt dar? Wie werden sie von den - Familien wahrgenommen? Und welche Beratungslücken bleiben? Diese Fragen und die damit verbundenen Forschungsstrategien werden nicht von der Hochschule allein gesetzt, sondern gemeinsam mit Selbsthilfeorganisationen, den Trägern, -Familien, Kostenträgern und Verantwortlichen aus Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung entwickelt. 

Portrait

Dr. Dirk Johann, Agenturleiter des Transfernetzwerks

Auf diese Weise soll auch die Chance steigen, dass die Erhebung von verschiedenen Interessensgruppen als sinnvoll erachtet und mit unterstützt werden und als Basis zu einer gemeinsamen Entwicklung einer verbesserten Praxis beitragen können. Und zu wirklicher Innovation - die sich darin ausdrückt, "dass ein Modell fortgesetzt wird, in der Gesellschaft ankommt und dass auch an anderen Orten gesagt wird: So etwas brauchen wir", wie es der  Agenturleiter des Transfernetzwerks, Dirk Johann, in der Diskussion formulierte. 

10 Millionen Euro für das Transfernetzwerk

Das Netzwerk gehört zu den Gewinnern der Förderinitiative "Innovative Hochschule". Insgesamt wählte das Bundesforschungsministerium 48 Hochschulen dafür aus. Nach eigenen Angaben wollte das Ministerium vor allem kleinere und mittlere Universitäten sowie Fachhochschulen fördern, die kreative Lösungen für drängende Probleme entwickeln. In den kommenden fünf Jahren erhält das Transfernetzwerk rund 10 Millionen Euro aus Bund-Länder-Mitteln. 

Text und Fotos: Christian Carls

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