2. Juni 2021

Take Care Woche

Soziale Berufe haben Zukunft

Altenpfleger, Erzieherinnen und Sozialarbeiter – ohne sie geht es nicht. Soziale Berufe halten unsere Gesellschaft zusammen, erfahren aber noch immer zu wenig Anerkennung. Die Folge: Es mangelt am Nachwuchs. Die Diakonie RWL zeigt in ihrer "Take Care Woche – Lust auf soziale Berufe!", warum es sich lohnt, nah am Menschen zu arbeiten. Die bundesweite Aktionswoche findet vom 7. bis 13. Juni statt.

  • Heimerzieherin Michelle Blank beim Kartenspiel in der Mädchenwohngruppe (Foto: Stein/Diakonie Saar)
  • Jovanna Rinsche (rechts) von der Bahnhofsmission Lippe schaut für eine Reisende nach, wann ihr Zug kommt.
  • Ricarda Kattwinkel ist Altenpflegerin im Altenzentrum Cronenberg der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal
  • Soziales in den Blick nehmen: Vom 7. bis zum 13 Juni dreht sich bei uns in der "Take Care" Woche alles um soziale Berufe.

Medikamente richten, waschen, Beziehungsarbeit leisten: Ricarda Kattwinkel hat als Altenpflegerin endlich einen Beruf gefunden, der ihr Sinn gibt. Die 31-Jährige hat als Aushilfe in einer chirurgischen Praxis, in einer Zahnarztpraxis und beim Tierarzt gearbeitet. Doch erst im Seniorenheim hat sie gewusst: Das ist mein Beruf! "Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit komme", erklärt Ricarda Kattwinkel. "Und abends gehe ich zufrieden und erfüllt ins Bett. Es wird nie langweilig."

Gutes tun, für andere da sein und jeden Tag etwas Neues erleben – das macht soziale Berufe wie den der Pflegekraft für viele junge Menschen attraktiv. Knapp ein Viertel der 14- bis 20-Jährigen kann sich vorstellen, in der Pflege oder in der Kindertagesbetreuung zu arbeiten. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Bundesjugendministerium in Auftrag gegebene Studie des Sinus-Institus.

Jim Ayag ist Pflegefachkraft im Seniorenstift Bethanien Moers

Liebt seinen Beruf: Jim Ayag ist Pflegefachkraft im Seniorenstift Bethanien Moers. Auf Instagram und TikTok wirbt der 35-Jährige für die Pflege.

Halbe Million Pflegekräfte fehlen

Das in der Corona-Pandemie gestiegene Interesse an sozialen Berufen ist dringend notwendig, denn in der Pflege werden in den kommenden 15 Jahren bis zu eine halbe Million Fachkräfte fehlen. In der Kindertagesbetreuung sind es in den kommenden vier Jahren 300.000 Erzieherinnen und Erzieher. Die Diakonie RWL schließt sich deshalb der bundesweiten Aktionswoche "Take Care" an.

Jeden Tag wird auf unserer Webseite ein anderer sozialer Beruf vorgestellt. Junge Menschen berichten in den Porträts aus ihrem Alltag und zeigen, wie ein klassischer Tag in ihrem Job aussieht. Auf den Social Media Kanälen der Diakonie RWL geben wir mit Videos, Fotos, kleinen Quizzen und Infomaterialien zu Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten Einblicke in den "sozialen" Karriereweg.

Mit dabei ist auch der Pflege-Influencer Jim Ayag. "Ich liebe meinen Job. Es ist der schönste Beruf der Welt", sagt der 35-Jährige. Er erreicht auf TikTok und Instagram als "JimBoy27" mehr als 27.000 Jugendliche und junge Pflegekräfte. Vom 7. bis 9. Juni übernimmt Ayag den Instagram-Account der Diakonie RWL und berichtet von seinem Alltag als Pflegefachkraft im stationären Bereich beim Seniorenstift Bethanien in Moers

Portrait von Thomas Oelkers

Soziale Arbeit wertschätzen: Diakonie RWL-Vorstand Thomas Oelkers setzt sich für eine faire Bezahlung in sozialen Berufen ein.

Attraktivität erhöhen – bei allen Geschlechtern

Mit der Take Care Woche möchte sich die Diakonie RWL auch für eine Aufwertung der sozialen Berufe einsetzen. Dabei geht es auch um Gleichberechtigung. In der Kindertagespflege sind 95 Prozent der Angestellten weiblich, in Pflegeberufen rund 80 Prozent. Das spürt auch Marcel Raczka deutlich. Der 23-Jährige ist in der Ausbildung zum Erzieher. Immer wieder muss er sich dafür rechtfertigen, dass er einen vermeintlich "typischen Frauenberuf" ergriffen hat. "Mir ist es wichtig, Rollenklischees zu überwinden", so Raczka. 

Soziale Berufe halten unsere Gesellschaft zusammen. Wer Kinder erzieht oder pflegebedürftige Menschen pflegt, trägt große Verantwortung. "Das gehört wertgeschätzt und anerkannt", betont Thomas Oelkers. Die Bezahlung und Rahmenbedingungen müssten sich dringend verbessern. Dann, so seine Hoffnung, könnten auch Rollenklischees überwunden werden und die Grenzen zwischen "Männer-" und "Frauenberufen" verwischen stärker.

Dennis Rosenstein hat seinen Freiwilligendienst in einer Kita absolviert.

Soziale Arbeit kennenlernen: Dennis Rosenstein hat seinen Freiwilligendienst in einer Kita absolviert.

Mit FSJ und BFD gegen Klischees

Eine angemessene Vergütung sollte es nicht nur für Mitarbeitende und Auszubildende geben, sondern auch für Freiwilligendienstleistende, so Diakonie RWL-Vorstand Thomas Oelkers. "Rund 50 Prozent unserer rund 2.000 FSJ-ler und Bufdis entscheiden sich nach ihrem Dienst für einen sozialen Beruf." Das 390-Euro-Taschengeld signalisiere den jungen Erwachsenen, die in Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und bei der Bahnhofsmission arbeiten, bereits zu Beginn ihres Dienstes, dass ihre Arbeit weniger wert sei.

"Wir müssen endlich aufhören, am falschen Ende zu sparen", sagt der Diakonie RWL-Vorstand. Die Arbeit in der Wohlfahrtspflege gehe zu häufig auf Kosten der Engagierten. "Menschlichkeit und Zusammenhalt sind stärker gefragt als je zuvor. Und das sollten wir uns was kosten lassen." Denn wir alle sind auf gute Kinderbetreuung, Pflege und Sozialarbeit angewiesen.

Während die Digitalisierung viele Berufe in den kommenden Jahrzehnten obsolet macht, kann die menschliche Nähe und Unterstützung nicht ersetzt werden. Wer einen sozialen Beruf ergreift, entscheidet sich für einen krisenfesten Job. 

Text: Ann-Kristin Herbst
Fotos: Bahnhofsmission Essen, Stein/Diakonie Saar,  Herbst, Stiftung Bethanien Moers, privat.

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Ann-Kristin Herbst
Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
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Take Care Woche
Vom 7. bis 13. Juni 2021 findet die bundesweite Aktionswoche "Take care! Zur Attraktivität sozialer Berufe" statt. Im Mittelpunkt steht die Bedeutung der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsberufe, auch mit Blick auf ihre Systemrelevanz und Professionalität. Leider werden diese Berufe in ihrer wirtschaftlichen Produktivität und mit ihrem Beitrag für Demokratie und die Ermöglichung der sozialen Teilhabe oft marginalisiert; bis hin dass soziale Berufe als "Frauenberufe" tituliert werden. Dem möchten wir die Bedeutung und die Gewichtigkeit der sozialen Berufe für das gesellschaftliche Miteinander entgegensetzen.