9. März 2018

Reise zur US-Partnerdiakonie

Politisch lauter, sozial nachhaltiger werden

Auf der diesjährigen Jahrestagung unserer US-Partnerdiakonie CHHSM war zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder eine deutsche Delegation der Diakonie RWL vertreten. CHHSM-Präsident Michael Readinger möchte den deutsch-amerikanischen Austausch gerne vertiefen. Trotz aller Unterschiede sieht er viele Gemeinsamkeiten in der sozialen und politischen Arbeit.

Portrait

Michael Readinger ist seit über vier Jahren CHHSM-Präsident.

Welche Bedeutung haben diese Jahrestagungen für CHHSM?

Es hat in unserer Organisation eine lange Tradition, sich einmal im Jahr zu einem Austausch zu treffen. In diesem Jahr war es bereits unsere 80. Jahrestagung, zu der über 100 Geschäftsführer und Mitarbeitende aus den ganzen USA angereist sind. Unsere Geschichte reicht ja zurück bis in die 1880ger Jahre. Den "Council for Health and Human Services" (CHHSM) der protestantischen "United Church of Christ" gibt es in der jetzigen Form aber erst seit 1985. Im Vergleich zur Diakonie RWL sind wir ein kleiner Verband mit nur fünf festangestellten Mitarbeitern und mir als Präsident. Wir haben 68 Mitglieder, die rund 400 soziale Einrichtungen vertreten.

Gruppenbild

Michael Readinger im Eröffnungsgottesdienst mit Pastor Starsky Wilson und seinen drei Söhnen sowie UCC-Präsident Jon Dorhauer. Starsky Wilson, Geschäftsführer der "Deaconess Foundation", ist prominentes Gesicht der "Black Lives Matter"-Bewegung in St. Louis.

Warum haben Sie St. Louis als Tagungsort ausgesucht?

Wir bezeichnen St. Louis gerne als "hot bed" unserer sozialen Arbeit, denn hier arbeiten 13 unserer Mitgliedsorganisationen. Viele wurden schon im 19. Jahrhundert von deutschen Einwanderern gegründet, die UCC-Kirchen angehörten und haben in den letzten Jahren ein rundes Jubiläum gefeiert. Zwar hat sich St. Louis mittlerweile zu einer wohlhabenden Universitätsstadt entwickelt. Dennoch gibt es viele sozial benachteiligte Viertel, in denen vor allem Familien ihre Hilfe dringend benötigen. Ein schöner Anlass, nach St. Louis zu kommen, war für uns auch das neue "Deaconess Center for Child Well-Being". Dieses Konferenz-, Aus- und Fortbildungszentrum der Stiftung "Deaconess Foundation" haben wir in unserem Eröffnungsgottesdienst feierlich geweiht.

Portrait

Sandra Sorenson vom politischen Büro der UCC in Washington forderte die Teilnehmer der CHHMS-Jahrestagung auf, sich für eine stärkere Wahlbeteiligung in den USA zu engagieren.

Was stand diesmal im Mittelpunkt Ihrer Konferenz?

Wir haben uns mit dem Thema "Advocacy" (Anwaltschaft) beschäftigt. Das Klima in Washington hat sich unter Präsident Donald Trump sehr verändert. Nach acht Jahren demokratischer Präsidentschaft haben wir es nun wieder mit einem Republikaner zu tun, der staatliche soziale Programme kürzt und einen rigorosen Kurs in der Migrationspolitik eingeschlagen hat. Als UCC und CHHSM müssen wir lauter und öffentlich sichtbarer werden, damit unsere Stimme in Washington Gehör findet. Dort haben wir mit der UCC ein politisches Büro.

Keine Waffen erlaubt - Solche Schilder hängen In zahlreichen sozialen Einrichtungen.

Gemeinsam mit der UCC-Generalsynode haben wir schon im letzten Jahr eine Resolution gegen Waffengewalt verfasst. Nach dem Amoklauf eines Schülers in Florida ist das Thema der Waffenkontrolle wieder hochaktuell. Die nächste Generalsynode findet 2019 statt. Wir bereiten dafür gerade eine Resolution zum Medikamentenmissbrauch in den USA vor. Das ist ein riesiges Problem. In diesem Land sterben mehr Menschen daran als an Waffengewalt. 2016 waren es 42.249 Amerikaner, die an einer Überdosis gestorben sind.

Blick in den Saal

Beim festlich gedeckten Dinner wurde gerne weiter diskutiert. 

Was sind die größten Herausforderungen für Ihren Verband?

Eine Herausforderung besteht darin, dass derzeit viele Geschäftsführer unserer Einrichtungen, die gut mit CHHSM vernetzt sind, in Rente gehen. Ihre Nachfolger sind oft nicht so gut in unseren Verband eingebunden. Wir müssen daran arbeiten, dass sich das ändert. Eine weitere große Herausforderung ist der Fachkräftemangel im sozialen Bereich. In unserer Mitgliedseinrichtung "Emmaus Homes" zum Beispiel sind zur Zeit 175 Stellen offen. Der Hilfebedarf aber wächst in der amerikanischen Bevölkerung. Wir müssen noch mehr Anstrengungen unternehmen, um Nachwuchskräfte für die Pflege, aber auch für andere soziale Bereiche wie die Arbeit mit armen Familien oder behinderten Menschen zu gewinnen.

Blick auf Podium

Gut besucht und vielfach gelobt: die Präsentation der deutschen Delegation über ihre diakonische Arbeit.

Was erwarten Sie von der deutsch-amerikanischen Partnerschaft mit der Diakonie RWL?

Mein Traum ist es, dass wir uns häufiger treffen. Zuletzt war vor fünf Jahren eine deutsche Delegation der Diakonie RWL bei uns. Wir brauchen diesen internationalen Austausch, denn politisch, ökonomisch und sozial haben wir ähnliche Probleme – so unterschiedlich unsere sozialen Systeme in Deutschland und den USA auch sind. Ich wünsche mir ein stabiles und nachhaltiges Austauschprogramm, das auch Praktika beinhaltet. 

Frau und Mann beim Tanz

Keine Frage, die deutsch-amerikanische Freundschaft lässt sich auch tanzen!

Wir können viel voneinander lernen, wenn Mitarbeitende unterschiedlicher Profession regelmäßig für bis zu drei Monate in den verschiedenen Mitgliedsorganisationen hospitieren. Dieses Austauschprogramm könnten wir übrigens auch für Studierende der sozialen Arbeit öffnen.

Das Interview führte Sabine Damaschke.

Gruppenfoto

Und was sagt die Delegation der Diakonie RWL zur deutsch-amerikanischen Partnerschaft mit CHHSM?

Persönliche Reiseeindrücke von Elke Grothe-Kühn, Matthias Dargel, Sabine Damaschke, Martina Althoff, und Susanna Thiel (v.l.) gibt es hier

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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