7. März 2018

Reise zur US-Partnerdiakonie

Auf den Spuren sozialer Arbeit in den USA

Ein riesiger Bogen als Symbol der Hoffnung auf ein freies und besseres Leben: So präsentiert sich St. Louis mit seiner berühmten Gateway Arch. Doch die Geschichte der von deutschen Zuwanderern geprägten Stadt zeugt von Sklaverei und sozialen Problemen. CHHSM, die US-Partnerorganisation der Diakonie RWL, betreut hier viele soziale Projekte. Eine Delegation unseres Verbandes war zu Gast in St. Louis, um sich verschiedene Einrichtungen anzusehen und an der CHHSM-Jahrestagung teilzunehmen.

Gut gelaunt, weil gut versorgt: Bob mit Krankenschwester Mary Ishmen

Armut im Alter

Die meiste Zeit seines Lebens hat Bob als Comedian ein Publikum unterhalten. Doch für eine gute Rente reichte seine Gage nicht. Heute lebt er in "Jennings Affordable Housing" in St. Louis, einem Seniorenheim der CHHSM-Organisation "St. Andrew’s Resources for Senior Systems". "Ich bin froh, dass es dieses Haus für Menschen mit geringem Einkommen gibt und dass Mary hier nach mir schaut." Mary Ishmen ist die Krankenschwester, die an drei Tagen in der Woche kommt, um bei den Bewohnern Blutdruck zu messen, Medikamente zu verabreichen, Impfungen durchzuführen und sie zu beraten. Das spart vielen nicht nur den weiten Weg zu einem Arzt, sondern auch eine Menge Geld.

Gruppenbild

Erstaunt über die gute Gesundheitsversorgung in Deutschland: Bewohner des "Jennings Affordable Housing"

Arm und unterversichert

Knapp 50 Millionen Amerikaner gelten als arm. Rund 28 Millionen haben keine Krankenversicherung. Die Zahl derjenigen, die zwar eine Versicherung haben, aber als "unterversichert" gelten, ist hoch. Bob gehört zu ihnen. Er staunt, dass es in Deutschland eine flächendeckende staatliche Gesundheitsversorgung gibt. "Wow. Das ist ja wie im Paradies. Ich sollte auswandern", meint er und zeigt lachend auf seinen Rollator. Die deutsche Krankenversicherung und Gesundheitsversorgung gehörte zu den Themen, die die Amerikaner im Gespräch mit der deutschen Diakonie RWL-Delegation am meisten interessierten. 

Panorama-Ansicht St. Louis

Gateway Arch: Symbol der Hoffnung auf ein besseres Leben in St. Louis

Unterwegs in St. Louis

Eine Woche lang waren Elke Grothe-Kühn (Geschäftsfeldleitung Krankenhaus und Gesundheit), Martina Althoff (Referentin für Altenpflege), Susanna Thiel (Referentin für Flüchtlingsarbeit), Sabine Damaschke (Pressereferentin) und Matthias Dargel (Vorstand des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschland), einem großen Mitglied der Diakonie RWL, in St. Louis und der Region unterwegs. Auch Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann wäre der Einladung unserer US-amerikanischen Partner-Diakonie CHHSM gerne gefolgt, war aber an Grippe erkrankt. 

Auto mit Fahrerin

Unterwegs im schicken Auto: Danielle Bartz fuhr die deutsche Delegation zu den Einrichtungen  

Von einem Projekt zum anderen

Der Besuch von acht sozialen Projekten und Einrichtungen in und rund um St. Louis sowie in Chicago standen auf dem Programm. Drei Tage lang fuhren CHHSM-Präsident Michael Readinger und Referentin Danielle Bartz die deutsche Delegation zu ihren Mitgliedseinrichtungen. In St. Louis, das stark von deutschen Einwanderern geprägt ist, sind 16 ihrer Organisationen aktiv. Anschließend nahm die Delegation an der dreitägigen Jahrestagung der "Counsil for Health and Human Service Ministries" (CHHSM) teil, zu der über 100 Geschäftsführer und Mitarbeitende von Mitgliedsorganisationen aus den gesamten USA angereist waren. In CHHSM ist die diakonische Arbeit der protestantischen UCC-Kirche zusammengefasst.

Gruppenbild

Bei strahlendem Sonnenschein unterwegs: Michael Readinger mit Susanna Thiel, Martina Althoff, Matthias Dargel und Danielle Bartz (v.l.)

Soziale Arbeit lebt von Spenden

Im Mittelpunkt stand diesmal das Thema Lobbyarbeit, denn die amerikanische Diakonie erhält für ihre soziale Arbeit nur wenig Geld von der Regierung. Außerdem zieht sich der Staat seit der Präsidentschaft von Donald Trump zunehmend aus der Finanzierung sozialer Programme zurück. Der Großteil der sozialen Arbeit, die CHHSM-Organisationen leisten, müssen sie durch Spenden und Beiträge ihrer Mitglieder finanzieren. Im vergangenen Jahr waren das 864 Millionen Dollar, fast 18 Prozent weniger als in den Jahren zuvor.

Portrait

Freundlicher und gut gelaunter Gastgeber: CHHSM-Präsident Michael Readinger

CHHSM: Soziale Hilfe für Millionen Menschen

Der Verband hat 68 Mitglieder mit rund 400 Einrichtungen, die mehreren Millionen Menschen in den USA soziale Hilfen anbieten. Sie reichen von Gesundheitsvorsorge, Altenhilfe, Kinder- und Jugendbetreuungen bis hin zu Einrichtungen der Behindertenhilfe. CHHSM-Organisationen erreichten mit ihrem Service in der ambulanten Gesundheitsversorgung im vergangenen Jahr rund fünf Millionen Menschen in den USA.

Gruppenbild

Elke Grothe-Kühn (Mitte) mit Mitarbeitenden des Krankenhauses der "Advocate Health Care" in Chicago 

Stationäre und ambulante Versorgung in Chicago

Die medizinische Station, in der Mary Ishmen arbeitet, gehört dazu. In Chicago erlebte Elke Grothe-Kühn eine weitere Form ambulanter Gesundheitsversorgung, die das CHHSM-Mitglied "Advocate Health Care" anbietet. Ihr Krankenhaus in Chicago hat die größte zentrale Notaufnahme der Stadt mit jährlich rund 100.000 Patienten. Die amerikanische Gesetzgebung garantiert jedem das Recht, unabhängig von der individuellen Zahlungsfähigkeit in Notfällen ärztlich versorgt zu werden. Nicht versicherte Amerikaner müssen im Krankheitsfall selbst für ihre medizinische Versorgung aufkommen. Die Behandlung in einem Emergency Room kann schnell 700 Dollar kosten. Viele Amerikaner verschulden sich für ihre medizinische Versorgung.

Verschiedene Sprachen, aber eine Mission: Elke Grothe-Kühn und Bonnie Condon (v.r.)

Gesundheitsstationen für die Armen

Daher hat "Advocate Health Care" in der Supermarktkette "Wallgreens" Gesundheitsstationen eingerichtet. Hier arbeiten Krankenschwestern, die kostengünstig impfen, kleine Wunden versorgen und Medikamente verschreiben. In den USA gibt es deutlich weniger niedergelassene Ärzte, so dass viele Menschen entweder in die Klinikambulanzen gehen oder weite Wege in Kauf nehmen müssen, um zu einem Arzt zu kommen. "Als christlich geprägtes Krankenhaus ist es uns wichtig, auch Menschen in den ärmeren Stadtvierteln zu erreichen", erklärte Bonnie Condon. Sie gehört zum Verwaltungsrat von 18 Kliniken, die Mitglied bei CHHSM sind.

Häuser am See

Edle Seniorenresidenz am See: Cape Albeon

Seniorenheime im Trend

Ein Schwerpunkt der sozialen Arbeit, die die US-Diakonie anbietet, liegt bei den Hilfen für ältere Menschen. Im vergangenen Jahr unterhielten die Mitgliedsorganisationen rund 20.0000 Wohneinheiten für Senioren. Anders als in Deutschland ziehen immer mehr Amerikaner in Seniorenheime, wenn sie in Rente gehen. Dort leben sie so lange wie möglich selbstständig. Wer mehr Unterstützung und Pflege benötigt, wechselt in entsprechend ausgestattete Zimmer oder Wohnungen.

Gruppenbild

"Cape Albeon"-Geschäftsführerin Carol DiSanza mit Matthias Dargel, Sabine Damaschke, Susanne Thiel und Martina Althoff (v.l.)

Edle Seniorenresidenz mit christlichem Leitbild

Auf diese ausdifferenzierte Form der Betreuung hat sich "Cape Albeon" spezialisiert. Die Organisation begleitet 242 Bewohner in 169 Appartements. Leisten können sich dieses Angebot allerdings nur Senioren, die über eine durchschnittliche bis gute Rente verfügen. Rund 20 Prozent der Bewohner gehören einer UCC-Kirche an. "Unsere Einrichtung steht unter einem christlichen Leitbild und bietet daher auch viele Andachten, Gottesdienste und Bibelstunden an", erzählte Geschäftsführerin Carol DiSanza.

Hausansicht

"Emmaus Homes" versorgt Menschen mit Behinderung in kleinen, barrierefreien Häusern

Selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderungen

In der Behindertenhilfe geht der Trend bei den CHHSM-Einrichtungen dagegen weg vom zentralen Wohnen hin zu kleinen Wohngruppen, in denen Menschen mit Behinderung so selbstbestimmt wie möglich leben können. "Emmaus Homes", vor 125 Jahren gegründet, ist eine der ältesten Organisationen der Behindertenhilfe bei CHHSM. Sie versorgt 300 Menschen in der Region St. Louis. Über die Hälfte lebt in 80 Häusern in St. Louis, St. Charles, Warren und Franklin Counties.

Heather (mit Susanna Thiel und "Emmaus Homes"-Geschäftsführerin Cindy Clark) darf mitentscheiden, wer in ihrer WG wohnt

Heather darf mitentscheiden

Dort wohnt Heather mit ihrer Freundin in einem Haus, in dem noch zwei weitere Plätze frei sind. Sie darf mitentscheiden, wer einziehen wird. Acht Fachkräfte betreuen Heather und ihre Freundin rund um die Uhr. "Wir haben zunehmend Probleme, Pflegekräfte zu finden und zu halten", berichtete Geschäftsführerin Cindy Clark. Der Job sei hart und nicht gut bezahlt. Rund 45 Prozent des Personals wechselt wieder. Aus- und Fortbildungen spielen daher bei Emmaus eine große Rolle.

Donna Smith-Pupillo, Leiterin der "Deaconess Nurse Ministry" mit Krankenschwester Virginia Springmeier, die in der Klinik der UCC-Kirche St. Peter's arbeitet

Krankenschwestern für die "Kirchenklinik"

Auch Donna Smith-Pupillo, Leiterin der "Deaconess Nurse Ministry", klagte über einen Nachwuchsmangel in der Pflege. Für ihre CHHSM-Organisation arbeiten 18 Krankenschwestern an 30 Standorten in der Region St. Louis. Mary Ishmen etwa, die die Gesundheitsstation in "Jennings Affordable Housing" betreut, ist mit ihren 68 Jahren eigentlich in Rente. Doch sie arbeitet weiter. Auch Virginia Springmeier, die in der "Salman Free Clinic" der UCC-Kirche St. Peter’s arbeitet, ist im Rentenalter. Die Kirche, die nur 160 Mitglieder, aber viele große Räume hat, beherbergt eine Ambulanz, in der ein Team von 18 muslimischen Ärzten ehrenamtlich Patienten aus der Region behandelt.

Aussenansicht mit Spielplatz

Das "Kindercottage" kümmert sich um Kinder aus armen Familien 

Eine Krankenschwester im "Kindercottage"

Ihre Kollegin June Brendick bessert ihre Rente ebenfalls auf, indem sie im "Uni-Pres Kindercottage Day Care Center" rund 100 Kindern im Alter zwischen sechs Wochen und 12 Jahren medizinisch versorgt. Die Kinder aus einkommensschwachen Familien werden hier vor und nach der Schule betreut, damit ihre Eltern arbeiten gehen können.

Gruppenfoto mit Kindern

Herzlicher Empfang der deutschen Delegation im "Kindercottage"

Kaum Mutterschutz, kein Eltern- und Kindergeld

In der westlichen Welt gehören die USA zu den Staaten mit der höchsten Kinderarmut. Jedes vierte Kind gilt als arm. Der gesetzliche Mutterschutz gilt nur bis sechs Wochen nach der Geburt eines Kindes. Eltern- oder Kindergeld gibt es nicht. In St. Louis sind vor allem afro-amerikanische Kinder arm. In den USA leben zwei Drittel der Schwarzen in einkommensschwachen Vierteln, die meist mit schlechteren Schulen und weniger Erwerbsmöglichkeiten ausgestattet sind. Menschen mit dunkler Hautfarbe sind fast doppelt so häufig arbeitslos wie Weiße.

Frau steht vor Kinderbetten

Denise Carter kümmert sich bei "Unleashing Potential" um die Vorschulkinder

Bildung und Betreuung für Kinder aus armen Familien

Die Organisation "Unleashing Potential" kümmert sich um diese Kinder. Insgesamt wurden in den CHHSM-Einrichtungen 2017 knapp 50.000 Kinder stationär und ambulant begleitet. "Unleashing Potential" ist in 18 Schulen in der Region rund um St. Louis für rund 5.500 Kinder und ihre Familienangehörigen unterwegs. Der 1914 als Nachbarschaftsprojekt gegründete Verband bietet Betreuungs- und Bildungsangebote vor und nach der Schule an, schult Eltern in Kursen und organisiert Sommercamps in den zweimonatigen Schulferien. Ihre Arbeit finanziert sich durch staatliche Programme, geringe Elternbeitrage und durch einen Spendenanteil von 20 Prozent.

Portrait

"Every Child's Hope"-Geschäftsführer Duane Lewis vor den internationalen Flaggen der Schule, die die Organisation in St. Louis hat

Vom Waisenhaus zur Kinder- und Jugendhilfe

Zu den ältesten CHHSM-Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gehört "Every Child’s Hope", das 1858 vom deutschen Pastor L.E. Nolleau einer UCC-Kirche in St. Louis als Waisenhaus gegründet wurde. Auf dem Gelände der Organisation, die im ganzen Staat Missouri tätig ist, leben rund 100 Kinder und Jugendliche in Wohngruppen. Die meisten wohnen dort 15 bis 19 Monate. Dann gehen sie in ihre Familien zurück oder werden von Pflegefamilien betreut. "Wir legen viel Wert darauf, dass die Kinder nur eine Zeit lang stationär bei uns leben", erklärte Geschäftsführer Duane Lewis.

Gruppenfoto

Und tschüss.... Die Kinder der Schule verabschieden die deutsche Delegation und CHHSM-Präsident Michael Readinger

Hauseigene Schule 

Eine große Rolle spielen daher Tagespflege-Programme und Familienhilfen, in denen der Großteil der rund 200 Beschäftigten tätig sind. Die Schule von "Every Child’s Hope" wird auch von Kindern aus der Nachbarschaft besucht. Einen Großteil seiner Spenden erhält die Organisation – wie viele andere CHHSM-Mitglieder auch – von den Kirchengemeinden der United Church of Christ (UCC). Die protestantische Kirche hat insgesamt 1,4 Millionen Mitglieder, die aber jährlich viele Millionen Dollar für soziale Einrichtungen spenden.

Gebäude im Park

Altehrwürdige Ausbildungsstelle: Das Theologische Seminar Eden der UCC-Kirche

UCC-Kirchen spenden viel

"Die Verbindung zwischen den Kirchengemeinden und der sozialen Arbeit, die unter dem Dach von CHHSM geschieht, ist eng", so der Direktor des Theologischen Seminars Eden in St. Louis, David Greenhaw. Es ist eines von insgesamt fünf Seminaren, in denen die UCC ihre Pastoren ausbildet. Doch in den sechziger Jahren hatte die UCC noch rund 2,5 Millionen Mitglieder. Jedes Jahr, so betonte David Greenhaw im Gespräch mit der Diakonie RWL-Delegation, verlieren die Gemeinden ein Prozent Mitglieder. Noch gehöre der Großteil der Amerikaner einer Kirche an, doch für immer mehr Menschen spiele die Religion keine große Rolle mehr.

Zwei Männer sitzen auf einer Bank im Park

Gemeinsam stark für diakonische Arbeit: David Greenhaw, Direktor des Eden Theological Seminary, mit CHHSM-Präsident Michael Readinger

Theologischen Nachwuchs für CHHSM begeistern

"Weil unsere  Kirchengemeinden schrumpften, brauchen wir weniger Pastoren", erklärte der Theologe. "Für die soziale Arbeit dagegen brauchen wir mehr Leute." Das Seminar will seinen theologischen Nachwuchs deshalb stärker für die Arbeit in den CHHSM-Organisationen ausbilden. Ein Konzept, das CHHSM-Präsident Michael Readinger begrüßt. "Wir sind das Herz der Gemeinden", sagte er selbstbewusst. "Wir unterstützen die Menschen im Kleinen und Großen, so dass sich ihr Leben positiv verändert."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Mehr über die CHHSM-Jahrestagung in St. Louis können Sie in einem Interview mit Präsident Michael Readinger lesen, das wir am Freitag veröffentlichen.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
Weitere Informationen
Ein Artikel zum Thema:
Diakonie RWL
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (22 Stimmen)