3. Januar 2023

Neujahrsinterview

Anker für Zusammenhalt

Krieg in der Ukraine, hohe Energiepreise und steigende Armut: 2022 war ein oft herausforderndes Jahr für viele Menschen – so auch für die Mitglieder der Diakonie RWL. Die Vorstände Kirsten Schwenke und Christian Heine-Göttelmann erklären im Interview, welche Entwicklung sie in diesem Jahr erwarten. Bei allem gilt: Die Diakonie ist ein Garant für Stabilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt in stürmischen Zeiten.

  • Das neue Jahr startet mit vielen sozialpolitischen Änderungen.
  • Kirsten Schwenke, juristischer Vorstand des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. - Diakonie RWL, und Pfarrer Christian Heine-Göttelmann, Vorstand Diakonie RWL
  • #ausLiebe Plakat am Berliner Nordbahnhof.

Frau Schwenke, Herr Heine-Göttelmann – wenn Sie auf das Jahr 2022 zurückblicken, woran denken Sie dann zuerst?

Kirsten Schwenke: Ich habe es aufgrund der Themen als ein schwieriges, herausforderndes Jahr empfunden. Dazu war es mein erstes Jahr als Vorständin. Leider werden uns vor allem zwei Herausforderungen bestimmt weiter begleiten: Der Krieg in der Ukraine und, damit einhergehend, die steigende Inflation und die hohen Energiepreise. Ich gehe davon aus, dass wir als Kirchen und Freie Wohlfahrt gemeinsam mit unseren vielen Ehrenamtlichen weiter gefordert sind, wenn es darum geht, zu unterstützen, geflüchtete Menschen unterzubringen und – wenn sie länger bleiben möchten – bei uns zu integrieren. Wie herausfordernd das ist, zeigt sich schon in den Kindertagesstätten und Einrichtungen der Eingliederungshilfe. Die Auswirkungen der Inflation und der hohen Energiepreise für unsere Mitglieder wird man abwarten müssen. Immerhin werden die Preise dank der Strom- und Gaspreisbremsen des Bundes etwas kalkulierbarer.

Christian Heine-Göttelmann: Ich denke zunächst an all das, was im Sinne der Menschen, für die wir wirken, gelungen ist. Unsere Mitglieder haben unter anderem Menschen mit Behinderung aus der Ukraine aufgenommen und waren für Corona-Erkrankte in den Krankenhäusern und Pflegeheimen da. Und das bei unabsehbaren finanziellen Entwicklungen. Ehrenamtliche in den Bahnhofsmissionen haben Geflüchteten ein erstes Ankommen ermöglicht. Den Menschen in den Flutgebieten konnten weitere Hilfen zuteilwerden. Politisch ist es gelungen, auf die Erfordernisse der Sozialwirtschaft in diesen Krisen hinzuweisen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst hat uns vor Kurzem gefragt: Können wir Krise? Das konnten wir in diesem Sinne bejahen. Das produktive Zusammenspiel aller Akteure in unserer Gesellschaft wurde deutlich gestärkt.

Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann

Die Freie Wohlfahrt wird an manche Themen noch kreativer herangehen müssen, meint Christian Heine-Göttelmann.

Mit Hendrik Wüst sprechen Sie einen wichtigen Vertreter der staatlichen Ebene an. Wie gut gerüstet erleben Sie, allgemein gesprochen, den Staat bei all diesen Herausforderungen?

Christian Heine-Göttelmann: Wir sehen gerade in den Krisen, dass der Staat mit seinen bisherigen Systemen an seine Grenzen kommt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für uns als Freie Wohlfahrt bedeutet, dass wir an manche Themen noch kreativer herangehen müssen. Beispiel Bürgergeld, das ab Januar viele Menschen im Sozialleistungsbezug helfen wird, zumindest die Inflation auszugleichen und besser in reguläre Jobs zurückzufinden: Schon jetzt bekommen wir viele Hinweise, dass die Jobcenter mit den zu erwartenden vielen Anträgen überfordert sein könnten. Denn auch der öffentliche Dienst hat zunehmend Probleme, seine vielen freien Stellen zu besetzen. Ich hoffe sehr, dass die Kommunen das so organisiert bekommen, dass die Menschen diese wichtige Unterstützung sehr schnell erhalten, die ihnen qua Gesetz zusteht.

Kirsten Schwenke: Oder denken Sie an die verschiedenen Fachkraftoffensiven, die sich die neuen Regierungsparteien in NRW, CDU und Grüne, vorgenommen haben: Für die Pflege, für die Erziehungsberufe. Um die Leistungen unseres Sozialstaats sicherzustellen, etwa bei der stationären und ambulanten Pflege oder in Kitas, den Offenen Ganztagsschulen (OGS) oder in der stationären und ambulanten Jugendhilfe, brauchen wir viel mehr arbeitende Menschen in diesen Systemen.

Diakonie RWL-Vorständin Kirsten Schwenke.

 Kirsten Schwenke betont, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, Zuwander*innen willkommen zu heißen und sie gut zu integrieren.

Aber die kann ja auch die Politik nicht backen.

Kirsten Schwenke: Das ist klar. Umso gespannter sind wir, wie genau das neue Einwanderungsgesetz im Bund ausbuchstabiert werden soll, das sich die Ampel-Parteien vorgenommen haben. Und wie die CDU sich dazu verhalten wird. Denn dass wir in Deutschland jährlich bis zu 400.000 Einwander*innen brauchen, ist in vielen Studien belegt, auch andere Branchen wie Industrie und Handwerk fordern das. Schon jetzt sind wir eines der Top-Einwanderungsländer der Welt. Das müssen wir aber wahrnehmen. Und das ist ein gewaltiger Kraftakt in vielen Bereichen, besonders bei der gemeinsamen Aufgabe, die Zuwander*innen in unserer Gesellschaft willkommen zu heißen und sie gut zu integrieren.

Welche weiteren Themen werden für die Diakonie in diesem Jahr wichtig sein?

Christian Heine-Göttelmann: Alle Bundesländer sind mitten in der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG), das mehr Teilhabe und Partizipation von Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen unserer Gesellschaft ermöglichen soll. Die Verhandlungen, wie wir das gemeinsam konkret schaffen wollen, sind kompliziert. Wir müssen darauf achten, dass wir hier für die betreffenden Menschen möglichst viel erreichen. Zudem hat sich die neue Regierung in NRW viel vorgenommen. Sehr viele Ziele teilen wir und hoffen, dass die Ministerien diese zeitnah anpacken werden. So rechnen wir in diesem Jahr mit einem ersten Referentenentwurf für ein OGS-Gesetz, das hilft, den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz bis zum Schuljahr 2026/27 zu erreichen. In NRW wird zudem die Krankenhausreform vorangetrieben werden und auch in der stationären und ambulanten Pflege muss die Versorgung weiterhin sichergestellt werden. An all diesen großen Themen sind wir gemeinsam mit der Politik dran – es geht aber auch wirklich nur gemeinsam.

Kirsten Schwenke: Gezielt wollen wir mit vielen Partner*innen, unter anderem der Diakonie Deutschland, auch die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der Sozialwirtschaft voranbringen. Die Diakonie will es schaffen, bis 2035 in nahezu allen Bereichen klimaneutral zu wirtschaften. Die NRW-Landesregierung hat hier die Tür weit aufgestoßen und nicht nur den Bedarf, sondern auch das riesige Potenzial für den Klimaschutz in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft erkannt. Nun geht es darum, wie wir die notwendigen Änderungen für nachhaltiges Bauen und Sanieren unserer Gebäude in gute Gesetze fassen können. Auch dazu sind wir mit den betreffenden Ministerien und Parlamentarier*innen im Austausch.

Plakatmotiv zur Jubiläumskampagne: Manchmal heißt Liebe, ein Start-up zu gründen.

Ein Plakatmotiv der Jubiläumskampagne 175 Jahre Diakonie: Johann Hinrich Wichern initiierte 1848 die Gründung der modernen Diakonie. 

Bei allen Herausforderungen haben wir als Diakonie 2023 etwas Schönes zu feiern: Die spontane Rede Johann Hinrich Wicherns auf dem Wittenberger Kirchentag, die als Startpunkt der heutigen Diakonie gilt, jährt sich zum 175. Mal. Wie wollen Sie dieses Jubiläum begehen?

Kirsten Schwenke: Wir wollen gemeinsam mit der Kampagne unseres Bundesverbandes #ausliebe zeigen, wie vielfältig, modern und divers die Diakonie ist. Wir zeigen in den sozialen Netzwerken und bei Veranstaltungen, beispielsweise im Landtag: Wir haben eine große Tradition und können diese gewinnbringend für die Herausforderungen im Hier und Jetzt einbringen.

Christian Heine-Göttelmann: Für die Menschen, die sich uns anvertrauen, bedeutet das: Verlässlichkeit und Stabilität in schwierigen Zeiten. Das ist viel wert. Aufbauend auf dem Subsidiaritätsprinzip als Basis unseres modernen Sozialstaats sind wir mit den fast 400.000 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden von Minden bis Saarbrücken ein Garant für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land. Das macht mir persönlich viel Hoffnung für 2023.

Das Gespräch führte Franz Werfel. Fotos: Shutterstock, Diakonie Deutschland, Diakonie RWL

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Franz Werfel
Geschäftsfeld Vorstand
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