16. April 2019

Klausur Diakonischer Werke in RWL

Was ist sozial gerecht?

70 Prozent der Deutschen finden, dass es ungerecht zugeht im Land. Die Klagen über eine zunehmende Spaltung Deutschlands in Arm und Reich beherrschen die öffentlichen Debatten. Da ist die Forderung nach mehr "sozialer Gerechtigkeit" schnell zur Hand. Doch was ist soziale Gerechtigkeit? Darüber haben die Geschäftsführenden der Regionalen Diakonischen Werke auf ihrer Klausur in Wuppertal mit den bekannten Sozialexperten Christoph Butterwegge und Georg Cremer diskutiert.

Portait

Professor Dr. Christoph Butterwegge

Als nichtehelicher Sohn einer alleinerziehenden Mutter ist Christoph Butterwegge aufgewachsen. Noch heute erinnert er sich daran, dass er nicht wusste, welchen Beruf sein Vater hatte. Und dass er dafür auf dem Gymnasium von seinem Lehrer schief angesehen wurde. Er kam in seiner Klasse nicht klar und blieb sitzen, boxte sich aber schließlich in der Schule durch und wurde Wissenschaftler.

Der bekannte Kölner Politikprofessor nimmt seine eigene Biografie gerne als Beispiel, wenn er über Bildung als Schlüssel für den sozialen Aufstieg in Deutschland spricht. Und überrascht dann mit der Ansicht, dass Bildung dafür gerade nicht entscheidend sei. "Alle Lebensbereiche sind heutzutage ökonomisiert. Teilhabe resultiert aus Geld und genau deshalb ist Bildung kein Patentrezept gegen Armut", betonte Butterwege auf der Klausur der Geschäftsführenden der Regionalen Diakonischen Werke, zu der die Diakonie RWL nach Wuppertal eingeladen hatte.

Hände halten ein Portemonnaie

"Noch nie war Geld so wichtig wie heute", sagt Christoph Butterwegge.

Vermögen wichtiger als Bildung

Schließlich hätten 11 Prozent aller im Niedriglohnsektor Beschäftigten einen Hochschulabschluss, so der Professor weiter. Vermögen spiele heute eine viel größere Rolle als Bildung.  "Noch nie war Geld so wichtig wie heute." Und das habe auch Auswirkungen auf das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen. In der neoliberalen Gesellschaft sei Bedarfsgerechtigkeit schlicht in Leistungsgerechtigkeit uminterpretiert worden. 

Der Wissenschaftler hält an der Bedarfsgerechtigkeit fest. "Jeder muss in Würde leben können." Dabei müsse man im Blick haben, wie die konkreten Lebensumstände sind. Was braucht der eine und was braucht der andere? Butterwegge betont. "Nicht die Menschen müssen sich ändern, sondern die Verhältnisse."

Portrait

Professor Dr. Georg Cremer

Wohlstand beruht auf Leistung

Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Armutsexperte und bekannter Buchautor, setzt dagegen auf Leistung und Freiheit. "Wir akzeptieren Ungleichheit, wenn sie auf unterschiedlichen Leistungen beruht", sagt er. Es sei daher richtig, dass der Oberkirchenrat mehr verdiene als seine Sekretärin. Das Leistungsprinzip setze Anreize zur Leistungserbringung, auf denen unser Wohlstand heute beruhe.

"Wenn der Erfolg in fairer Einhaltung der Regeln erzielt wurde und der Gewinn legal versteuert wird, gibt es auch an hohen Erträgen nichts zu kritisieren", betonte Cremer. Die Haltung der Wohlfahrtsverbände nimmt er als überwiegend marktkritisch wahr. "Eine leistungsfähige Marktökonomie ist die Grundlage von Wohlstand und Sozialstaat. Sie zu erhalten, ist eine ethisch gut zu begründende Herausforderung."

Gruppenfoto

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Klausur der Geschäftsführenden der Regionalen Diakonischen Werke in Wuppertal

Sensibilität für soziale Probleme gestiegen

Aber auch für Cremer kann nur der Rechtsstaat ein selbstbestimmtes Leben aller Bürger sichern, der gleichzeitig ein Sozialstaat ist. Er setzt auf ein Bildungs- und Ausbildungssystem, das Fähigkeiten entwickelt und Potenziale entfaltet. Der Personalausbau bei den Wohlfahrtsverbänden ist für Cremer ein Indiz dafür, dass die gesellschaftliche Sensibilität für soziale Probleme gestiegen ist.

Die Wahrnehmung des ständigen Sozialstaatsabbaus sei nicht vereinbar mit dem, was die Große Koalition geleistet hat, meint er. Zum Beispiel die Einführung des Mindestlohns, die Ausweitung der Mütterrente oder den Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende. Und auch in der Behindertenhilfe würden die Regeln zur Anrechnung des Einkommens und Vermögens behinderter Menschen deutlich verbessert. "Das Angebot an Kindertagesstätten ist heute auf einem Niveau, von dem Eltern im Westen vor 20 Jahren nur träumen konnten."

Gruppenfoto

Sprecherrat der Regionalen Diakonischen Werke

Der Sozialstaat braucht die Mittelschicht

Die Wut der Menschen über Ungerechtigkeit erlebe die Diakonie zum Beispiel in Schuldnerberatungsstellen, hieß es in der Diskussion. Menschen würden nicht verstehen, dass Banken großzügig entlastet würden und sie selbst mit niedrigen Gehältern nicht über die Runden kämen. Als Diakonie habe man diejenigen zu wenig im Blick, die Haare schneiden und beim Bäcker die Brötchen verteilen.

Um Ängste am unteren Rand der Mitte zu bekämpfen, hält Cremer eine einkommensabhängige Kindergrundsicherung für notwendig und fordert mehr verfügbares Einkommen für Erwerbstätige mit Familienverantwortung. Auch spricht er sich für eine Kombination von Grundsicherung und Rente aus. Butterwegge stimmte zu, dass der Sozialstaat nicht nur für die Armen da sein müsse, sondern auch für den Mittelstand. "Es kann nicht sein, dass Eltern Klassenräume renovieren, weil Schulgebäude in so einem schlechten Zustand sind. Sie zu erhalten ist Aufgabe des Staates."

Georg Cremer fordert in der Debatte weniger Empörung und mehr nüchterne Analyse. "Deutschland ist gerechter als wir meinen", betonte er. "Aber es kann natürlich noch gerechter werden. Ruhig zurücklehnen dürfen wir uns daher nicht."

Text und Fotos: Sabine Portmann, Teaserfoto: LAG Freie Wohlfahrtspflege NRW

Ihr/e Ansprechpartner/in
Barbara Montag

Theologie und Grundsatzfragen

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