2. Mai 2018

Klausur Diakonischer Werke in RWL

Chancen und Grenzen sozialer Gerechtigkeit

Arme werden immer ärmer, Jobs immer prekärer, die gesellschaftliche Mitte immer kleiner – Klagen über den Zerfall des Sozialstaates haben Konjunktur. Doch wie steht es wirklich um die soziale Gerechtigkeit in Deutschland? Mit dieser Frage haben sich die Vorstände der Diakonischen Werke in RWL auf ihrer Klausur beschäftigt. Und dabei durchaus kontrovers diskutiert.

Portrait

Gefragter und streitbarer Redner: Georg Cremer. Mit seinem Buch "Armut in Deutschland" hat er eine öffentliche Debatte angestoßen.

Mit den Wahlerfolgen der AfD ist die Debatte um Armut und soziale Gerechtigkeit in Deutschland neu entbrannt. Für viele Politiker, Journalisten und Sozialverbände steht fest: der Vormarsch der Rechtspopulisten hat seine Ursache in einer unsozialen Politik der schwarz-roten Bundesregierung. Den Sozialabbau stoppen und den Sozialstaat weiter ausbauen – so lautet die Forderung. Doch hilft dieses Patentrezept tatsächlich gegen Rechtspopulismus, Armut und soziale Ungerechtigkeit?

Der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Georg Cremer, hat da starke Zweifel. Und die trug er engagiert und diskutierfreudig auf der Klausurtagung in Wuppertal vor. Einmal im Jahr lädt der Sprecherkreis des Verbundes der Regionalen Diakonischen Werke Rheinland-Westfalen-Lippe (VRDW) zu der Veranstaltung ein. "Als Sozialverbände sollten wir uns an diesem Untergangsdiskurs nicht beteiligen, denn er spielt den Populisten in die Hände und lähmt die Unterstützer, die der Sozialstaat braucht", appellierte Cremer an die 45 Teilnehmenden der zweitätigen Konferenz.

Gruppenfoto

Interessierte Zuhörer: die Diakonie RWL-Vorstände Christian Heine-Göttelmann und Thomas Oelkers (v.r.). Sie berichteten auf der Klausur auch über aktuelle Entwicklungen in der Diakonie RWL.

Die Abstiegsangst der Mitte

Wäre der Rechtspopulismus eine Folge der sozialen Kälte, so der Armutsexperte, müsste die AfD ihre Mitglieder und Wähler vorrangig unter den Menschen finden, denen es deutlich schlechter geht als der gesellschaftlichen Mitte. Doch unter den AfD-Anhängern bewertet mehr als die Hälfte ihre materielle Situation als gut bis sehr gut. "Man kann sich auch in der gut situierten Mitte radikalisieren", sagt Cremer. Dort seien Verlust- und Abstiegsängste stark verbreitet, die der Realität der Einkommens- und Wirtschaftsentwicklung nicht entsprächen. Von dem viel beschworenen Zerfall der Mittelschicht könne keine Rede sein.

So liegt der Anteil der gesellschaftlichen Mitte, die über 80 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens verfügt, laut Cremer bei knapp 50 Prozent, die untere Mitte bei 17 Prozent und die obere Mitte bei 16 Prozent. 43 Millionen Menschen sind in Deutschland erwerbstätig. Die weitaus meisten haben eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Befristete Arbeitsverhältnisse, Minijobs und auch Zeitarbeit seien keineswegs so weit verbreitet wie es in öffentlichen Debatten den Anschein habe.

Blick ins Publikum

Widerspruch erwünscht: über Georg Cremers Thesen wurde angeregt diskutiert.

Schizophrenie der Sozialverbände

Cremers Fazit also lautete: "Es ist nicht alles ungerecht in Deutschland, aber es gibt Gerechtigkeitsdefizite." Verlierer sind für ihn Langzeitarbeitslose, Kinder aus Hartz IV-Familien und vor allem Migranten. Ihre Armutsrisikoquote liegt mit 28 Prozent mehr als doppelt so hoch. "Wir müssen uns für Regelungen einsetzen, die die Armen erreichen." Dafür sei eine Kombination aus Umverteilung und Befähigung nötig. Der Armutsexperte plädierte für einen sozialen Arbeitsmarkt.

Eine Anhebung der Hartz IV-Sätze sieht er dagegen kritisch, denn "dann müssen wir auch akzeptieren, dass es mehr Grundsicherungsempfänger gibt". Mehr Beschäftigte mit niedrigen Löhnen und mehr Empfänger niedriger Renten bekämen dann auch ergänzendes Arbeitslosengeld II und Grundsicherung im Alter. "Die Sozialverbände sind hier schizophren. Sie fordern bessere Hilfen, klagen aber gleichzeitig, wenn die Zahl der Empfänger zunimmt."

Gruppenfoto

Sind sie Pragmatiker oder Visionäre? Der Sprecherrat der Regionalen Diakonischen Werke 

Pragmatismus kontra Vision?

Cremers Plädoyer für mehr Pragmatismus beim Thema soziale Gerechtigkeit stieß nicht bei allen Teilnehmenden der Klausur auf Zustimmung. "Wir brauchen eine Vision, wohin sich unsere Gesellschaft entwickeln soll. Reiner Pragmatismus hilft da nicht weiter", meinte etwa Ulrich Hamacher, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Bonn.

Seine Kollegen Stephan Kiepe-Fahrenholz aus Duisburg, Martin Hamburger aus Wuppertal und die Dortmunder Kollegin Anne Rabenschlag machten darauf aufmerksam, dass in ihren Städten sehr wohl ein Zerfall der Mittelschicht spürbar sei und die soziale Not deutlich zunehme. "Ich erlebe in Wuppertal, dass viele Gelder im Föderalismus hängen bleiben, die dringend in den sozialen Bereich vor Ort gehen müssten", erklärte Hamburger. Und Kiepe-Fahrenholz ergänzte, dass sich manche Ruhr-Regionen zu einem "Friedhof der Kuscheltiere" entwickelten, wenn sich die sozialen Verhältnisse nicht änderten.

Gruppenbild

Stephan Kiepe-Fahrenholz und Barbara Montag wandten sich gegen zu viel Pragmatismus.

Kleine Schritte statt große Versprechen

Auch Pastorin Barbara Montag von der Diakonie RWL, die die Veranstaltung gemeinsam mit dem Sprecherkreis moderierte, forderte eine Vision für soziale Gerechtigkeit. Diese ergebe sich zwangsläufig aus dem diakonischen Auftrag. "Wenn wir keine visionäre christliche Kraft mehr haben, wird unsere Arbeit beliebig." 

Georg Cremer widersprach dem vehement. "Eine nicht geerdete Vision ist Teil des Problems, nicht die Lösung", sagte er. "Wir müssen auf Befähigung, Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt hinarbeiten und zwar in kleinen Schritten."

Anne Fennel, neue Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes an der Saar, stimmte dem zu. Sie betonte, der Auftrag der Diakonie bestehe darin, die Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten und in krisenhaften Situationen zu stützen. "Es geht um konkrete, kleine Maßnahmen, die zu positiven Veränderungen führen."

Portrait

Theologieprofessorin Michaela Geiger schlug einen Bogen zum Verständnis von sozialer Gerechtigkeit im Alten Testament.

Solidarität und Segen

Ein solches Verständnis von Armenfürsorge hat es laut Michaela Geiger schon vor 2.500 Jahren gegeben. Die Professorin für Altes Testament in der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel referierte auf der Tagung zur "Sozialen Gerechtigkeit im Deuteronomium". "Armut widerspricht der göttlichen Verheißung", so Geiger. "Aber da es sie gibt, waren schon damals pragmatische Lösungen gefragt."

Die Solidarität mit den Armen sei eng verbunden gewesen mit dem göttlichen Segen, der denen zugesprochen wurde, die sich um sie kümmerten. Die Armen wiederum, die mit dieser Hilfe aus ihrer Notlage herausfanden, lobten Gott. "Gerechtigkeit wird damit zu einem Teil des Segenskreislaufes."
Portrait

Teilhabe und Zusammenhalt sind für Dietmar Kehlbreier vom Diakoniewerk Recklinghausen die entscheidenden Stichworte in der Gerechtigkeitsdebatte.

Einsatz für Teilhabe und Zusammenhalt

Diesen Segen weiterzugeben, sei für ihn die Grundlage diakonischer Arbeit, erklärte Dietmar Kehlbreier, Geschäftsführer des Diakoniewerks Recklinghausen. "Für mich steckt das Visionäre in unserem Einsatz für Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt." 

Das Ziel, so ergänzte Georg Cremer, müsse sein, gegen den Trend des Populismus eine offene und liberale Gesellschaft zu erhalten, in der die obere Mitte Empathie für die Armen entwickele. "Den Begriff der sozialen Gerechtigkeit sollten wir dabei nicht aufgeben, aber mit Leben füllen."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Weitere Informationen
Ein Artikel zum Thema:
Diakonie RWL
Bewerten Sie diesen Artikel
Durchschnittliche Bewertung: 5 (4 Stimmen)