8. Mai 2017

Klausur Diakonischer Werke in RWL

Familien stärken, Kinderarmut verhindern

Familienfreundlichkeit steht auf der Agenda der Parteien ganz oben. Vor der Wahl versprechen sie mehr Unterstützung, damit sich Kinder und Beruf besser vereinbaren sowie Arbeitslosigkeit und Armut verhindern lassen. Die Regionalen Diakonischen Werke in der Diakonie RWL haben genauer hingeschaut, was hinter den Versprechen steht. Die aktuelle Familienpolitik war neben den Reformen in der Behinderten- und Sozialhilfe ein Schwerpunktthema  ihrer diesjährigen Klausur.

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Der Sprecherkreis der Regionalen Diakonischen Werke mit Pastorin Barbara Montag und Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann (rechts)

Mehr Plätze für unter dreijährige Kinder, kostenlose Kitas, verlässliche Ganztagsbetreuung, Familiengeld, Steuererleichterungen – die Liste der familienpolitischen Ziele ist lang und unterscheidet sich bei den großen Parteien nur unwesentlich. Alle wollen Familien stärker unterstützen und Kinder besser fördern, um damit Armut und Arbeitslosigkeit vorzubeugen.

Dass die Familienpolitik ganz oben auf der Agenda der Parteien steht, liegt nicht nur an zahlreichen Studien, die Wohlstand, Bildung und Chancengleichheit an der Situation der Familien festmachen. Es sei mittlerweile auch Konsens in der Gesellschaft, dass der Staat Eltern bei der Erziehung und Bildung ihrer Kinder unterstützen müsse, so Professorin Irene Gerlach von der Evangelischen Hochschule RWL auf der Klausurtagung der Regionalen Diakonischen Werke in der Diakonie RWL in Wuppertal. "Wir haben das Leitbild der geteilten Verantwortung von Staat und Eltern. Fast 60 Prozent der Menschen erwarten, dass der Staat sich einmischt, damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingt."

Portrait

Professorin Irene Gerlach, Familienexpertin der Evangelischen Hochschule RWL

Nicht viel Neues in der Familienpolitik

Kein Wunder also, dass bereits in dieser Legislaturperiode die Kinderbetreuung ein wesentliches Leitthema der Bundesregierung war. Die Bilanz der vielen Programme, die Eltern und Kindern das Leben leichter machen sollten, fällt nach Ansicht der Familienexpertin allerdings mager aus.

Das Elterngeld und die steuerlichen Erleichterungen für Alleinerziehende seien durchaus positiv für Familien, meint Gerlach. Wenn es aber um neue Arbeitszeit- und flexible Betreuungsmodelle sowie eine gute pädagogische Qualität in der frühkindlichen Bildung gehe, sei nicht viel passiert. Einen wesentlichen Grund dafür sieht Gerlach in der komplizierten föderalen Struktur Deutschlands. "Der Bund müsste die frühkindliche Bildung viel stärker mitfinanzieren, aber das kann er nur, indem er zeitlich begrenzte Programme und Projekte auflegt."

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Martin Hamburg (Diakonie Wuppertal) und Ulrich Hamacher (Diakonie Bonn)

Politischer Wille zu echten Reformen fehlt

Für Ulrich Hamacher, Chef der Diakonie Bonn, und Martin Hamburger, Vorsitzender der Diakonie Wuppertal, liegt es nicht allein am Föderalismus, dass unten in den Kommunen zu wenig Geld ankommt. "Man könnte relativ problemlos eine andere Steuerverteilung festlegen", meint Ulrich Hamacher. "Aber es fehlt der politische Wille zu echten Reformen." Der Geschäftsführer macht das an der Kinderarmut fest - für die Diakonie in Bonn ein zentrales Thema der Familienpolitik.

"In Bonn haben wir mehr als 1.000 Millionäre und ein Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner von rund 60.000 Euro“, erzählt Hamacher. Es gebe gute Kitas und Schulen. Trotzdem seien über  zwanzig Prozent der Kinder arm, weil ihre Familien nicht vom städtischen Wohlstand profitierten. "Mit all unseren diakonischen Bildungsangeboten lindern wir die verfestigte Armut, aber wir beseitigen sie nicht." Hamacher plädiert deshalb für eine Kindergrundsicherung von 500 Euro, denn: "Es ist die materielle Armut, die zu Bildungsarmut führt."

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Zwei Tage intensiver Austausch: knapp 50  Vorstände kamen zur Klausur nach Wuppertal

Zentrale Rolle der Kitas wird unterschätzt

In Wuppertal ist die Situation noch dramatischer. Dort leben nach Angaben von Martin Hamburger 25 Prozent der Kinder in Hartz IV-Familien. Die evangelischen Kitas spielen für ihn eine zentrale Rolle bei der Armutsprävention.

Hier werden sozial benachteiligte Kinder gefördert und den Eltern zahlreiche Unterstützungsangebote – von der Erziehungs- bis zur Schuldnerberatung – vermittelt. "Es wäre sinnvoll, wenn die Kinder möglichst lange in den Einrichtungen bleiben, doch die Stadt finanziert nur 35 Stunden in der Woche, keine 45 Stunden, die für eine gezielte Förderung nötig wären." Am Geld, so sagt der Theologe, scheitere in Wuppertal ohnehin viel, da sich die hoch verschuldete Kommune nur noch auf ihre Pflichtleistungen konzentriere. 

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Wichtige Gespräche am Rande: Pastorin Barbara Montag mit Landeskirchenrat Henning Boecker, zuständig für Diakonie, Fundraising und Steuern bei der Evangelischen Kirche im Rheinland

Hohe Erwartungen, dass mit den Wahlen und neuen Regierungen in diesem Jahr Reformen in der Steuer-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik angestoßen werden, die die verfestigte Armut tatsächlich bekämpfen oder gar verhindern, haben die Leiter der Regionalen Diakonischen Werke eher nicht.

Mehr Projekte, mehr Bürokratie

Auch der Trend, soziale Arbeit über Projekte zu fördern statt in eine Regelfinanzierung  zu überführen, werde anhalten, befürchtet Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. Ob beim Bundesteilhabegesetz, bei der Hartz IV-Reform oder der geplanten Kinder- und Jugendhilfereform – es fehlten weitgehend gute und sinnvolle Gesamtkonzepte. Statt dessen komme es häufig zu mehr Bürokratie und Projekteritis.

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Martin Wehn, Geschäftsführer der Diakonie Mark-Ruhr und lange Jahre Mitglied des Sprecherkreises. Er scheidet jetzt aus dem Gremium aus.

Angesichts dieser "Großwetterlage" in der Sozialgesetzgebung sei es umso wichtiger, dass sich die 62 Regionalen Diakonischen Werke in der Diakonie RWL austauschten, so Martin Wehn, Geschäftsführer der Diakonie Mark-Ruhr und Mitglied des Sprecherkreises. "Es war nicht einfach, aber wir sind als Rheinländer und Westfalen zusammengewachsen und können heute gemeinsam gegenüber der Politik auftreten."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

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