21. Juni 2019

Inklusion auf dem Kirchentag

Teilhabe gestalten - sozial und digital

Wer im Forum Diakonie auf dem Kirchentag unterwegs ist, begegnet unweigerlich auch denjenigen, die sonst seltener auf Großveranstaltungen anzutreffen sind: Menschen mit Behinderungen. Sie bedienen im Café Pause, drehen Videoclips oder kommen an den Ständen mit Besuchern ins Gespräch. So wird das Thema Teilhabe, das viele der rund 30 diakonischen Aussteller beschäftigt, konkret  – sozial und digital.

Mit einem breiten Grinsen und freundlichem Nicken bedient Manuel Körtge die Besucher des Kirchentags im Café des Diakonieforums. Reden kann er nicht, laufen und greifen auch nicht. Doch an seinem elektrischen Rollstuhl ist ein Tablett für die Kaffeetassen installiert, die sich die Gäste herausnehmen können.

"Menschen mit einer so starken Beeinträchtigung wie Manuel Körtge bedienen sonst nie in einem Café, auch wenn es inklusiv gedacht sein sollte", sagt Frank Hüsemann von der Diakonie Himmelsthür in Hildesheim. "In unserem Café schließen wir keinen aus. Jeder, der auf dem Kirchentag mitmachen möchte, kann dabei sein."

Gruppenfoto

Frank Hüsemann und Anke Marholdt organisieren das Café Pause auf dem Kirchentag.

Kirchentag barrierefrei

In Dortmund sind das rund 500 Menschen mit Behinderung, die in Einrichtungen von fünf diakonischen Werken betreut werden, darunter die Diakonie Himmelsthür und die Evangelische Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen.

Sie bedienen im Café, verteilen rund 10.000 Tütchen mit Gummibären und Kekse an die Kirchentagsbesucher und gestalten Aktionen sowie das Bühnenprogramm im Forum Diakonie mit. Bereits zum vierten Mal ist das Kooperationsprojekt "Pause inklusiv – Café und Kultur" auf einem evangelischen Kirchentag vertreten. "Wenn es um Teilhabe geht, ist der Kirchentag Vorreiter", meint Anke Marholdt vom Wittekindshof. "Egal, wie stark beeinträchtigt die Menschen sind, es werden barrierefreie Unterkünfte für sie organisiert. In den Bibelarbeiten gibt es die Bibeltexte in Leichter Sprache und in vielen Veranstaltungen übersetzen Gebärdendolmetscher."

Portrait

Philipp Fuchs arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und gehört zum inklusiven Social Media Team von Hephata.

Soziale Teilhabe auf Youtube

Für Philipp Fuchs ist der Kirchentag interessant, weil er hier so viele prominente Menschen trifft. Er hat schon Youtuber Simon Will interviewt. Am Samstag wird er ein Gespräch mit Grünenchef Robert Habeck für die sozialen Netzwerke der Evangelischen Stiftung Hephata aufzeichnen.

Philipp arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und gehört zum achtköpfigen inklusiven Social-Media-Team, das von drei Kommunikationsfachleuten geschult und begleitet wird. Das dreijährige Projekt ist bundesweit einzigartig. Die Diakonie RWL hat Hephata bei der Beantragung der dafür nötigen Fördergelder unterstützt.

Gruppenfoto

Das Hephata Social-Media-Team auf dem Kirchentag: Simon Roehlen, Philipp Fuchs, Christoph Krachten und Manuela Hannen (v.l.)

Kreativ, intellektuell und emotional

"In den sozialen Netzwerken lassen wir jetzt die Menschen selbst zu Wort kommen, um die es geht", betont die Leiterin der Kommunikationsabteilung, Manuela Hannen. "Die Interviews und Beiträge, die sie einbringen, sind beeindruckend kreativ, intellektuell, emotional und eröffnen anderen Usern ein neues Universum", ergänzt Social-Media-Experte Christoph Krachten.

Da geht es um ganz praktische Fragen, etwa, wie Menschen mit Behinderung einen Partner finden. Es geht um Mobbing, das Weihnachtsgeld in den Werkstätten, aber auch um politische Forderungen nach mehr Selbstbestimmung.

Portrait

Die intelligente Kuschelrobbe Paro schmiegt sich an "Frauchen" Stephanie Frings.

Entspannter mit Robbe Paro

Wie Teilhabe in Zeiten der Digitalisierung aussieht, beschäftigt auch das Diakoniewerk im Kirchenkreis Recklinghausen. Stephanie Frings, Referentin für Teilhabe und Inklusion, stellt auf dem Kirchentag die beiden Roboter Paro und Miro vor. Beide sollen im kommenden Jahr in der Alten- und Behindertenhilfe des Diakoniewerks, aber auch in Kitas eingesetzt werden.

Die Robbe Paro, ein niedliches Kuscheltier, ist mit 800 Sensoren ausgestattet, so dass sie sich bewegen, die Augen öffnen und Geräusche von sich geben kann. "Die Menschen werden sichtlich entspannter und fröhlicher, wenn sie die Robbe im Arm halten", erzählt Stephanie Frings.

... und hier mit Hund Paro, der laufen kann.

In Bewegung kommen

Der Hunde-Roboter Miro hat zwar kein Fell, dafür bewegt er sich durch den Raum und fordert Aufmerksamkeit. Er stupst die Menschen an und will beachtet und gestreichelt werden. Vor allem aber bringt er sein Gegenüber in Aktion.

"Er eignet sich auch für den Einsatz in Kitas", erklärt Stephanie Frings. "Kleinkinder können mit seiner Hilfe laufen lernen, aber auch Menschen mit Beeinträchtigung werden motiviert, sich zu bewegen." Für die soziale Arbeit der Diakonie könne die neue Technologie sehr wertvoll sein, wenn sie richtig eingesetzt werde, betont Frings. "Wir müssen aber genau überlegen, was sie können soll und darf. Die Technologie sollte menschliche Pflege und Betreuung nicht ersetzen, nur sinnvoll ergänzen."

Portrait

Stefan Behmann erklärt den Besuchern des Kirchentags das Gebärdenalphabet.

Zur Teilhabe befähigen

Wie viel Mühe nötig ist, bis neue Technologien den Alltag von Menschen mit Behinderung tatsächlich erleichtern, weiß Stefan Behmann vom Diakoniewerk Essen. Er ist auf den Kirchentag gekommen, um die Gehörlosenarbeit seiner Einrichtung vorzustellen. "Immer mehr Menschen werden erhalten mittlerweile Implantate, die ihnen das Hören ermöglichen sollen. Doch mit der Operation allein ist es nicht getan. Das Hören und Reden muss mit viel Logopädie gelernt werden."

Für Behmann geht es oft erst einmal darum, Menschen mit Behinderung zur Teilhabe zu befähigen. "Sie müssen Kommunikation mit Menschen, die nicht hörgeschädigt sind, erst lernen. Aber das gilt auch andersherum." Am Stand des Diakoniewerks verteilt er deshalb kleine Zettel mit dem Gebärdenalphabet und fordert die Besucher auf, damit ihren Namen zu buchstabieren. "Viele sind erstaunt, wie schwer das ist."

Portait

Auch Benjamin Laes kommt auf dem Handbike ins Schwitzen.

Mit dem Rolli über die Alpen

Ähnliche Erfahrungen macht Benjamin Laes am Stand der Evangelischen Stiftung Volmarstein. Unter dem Motto "Mit dem Rolli über die Alpen" bittet der Mitarbeiter des Berufsbildungswerks die Besucher auf ein Handbike. Beim virtuellen Training mit Alpenpanorama kommen sie ganz schön ins Schwitzen.

"Die Besucher sollen ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, im Rollstuhl zu sitzen", sagt Laes. "Auf dem Kirchentag gibt es viel Interesse für das Thema Inklusion und Teilhabe. Aber im Alltag fehlt oft das Verständnis für Menschen mit Behinderung. Daran arbeiten wir."

Text und Fotos: Sabine Damaschke

Ihr/e Ansprechpartner/in
Sabine Damaschke

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

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Diakonie auf dem Kirchentag

Unter dem Motto "Was für ein Vertrauen" präsentiert die Diakonie auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund vom 19. bis 23. Juni ihre vielfältige soziale Arbeit. Unter Federführung der Diakonie RWL bringen über 30 Aussteller - Träger, Einrichtungen, Initiativen und Projekte – und rund 360 Mitwirkende zahlreiche diakonische Impulse und Initiativen ein. Eine Bildergalerie dazu gibt es dazu auf unserer Kirchentagsseite.