27. Dezember 2017

Diakonie zwischen den Jahren

Die merkwürdigste Zeit des Jahres

Die Tage zwischen Heiligabend und Neujahr sind für viele Menschen eine merkwürdige "Zwischenzeit". Das alte Jahr ist noch nicht ganz vorbei, das neue lässt noch auf sich warten. Die Bäuche sind voll, die Zeitungen leer. Wie wäre es damit, in diesen Tagen die Gedanken einfach frei laufen zu lassen? Ein Plädoyer für den "schwebenden  Zustand zwischen den Jahren".

Winterlandschaft

Die "Zwischentage": Zeit ausgedehnter Spaziergänge und des Geschenke-Umtauschens (Foto: Augenblickchen/pixelio.de)

Wie viele Jahreszeiten gibt es? Das ist ja wohl klar: Es gibt vier Jahreszeiten, den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter. Zusätzlich gibt es in Köln die Fünfte Jahreszeit, die Karnevalssaison. Diese "Jahreszeit" gibt es natürlich in allen Städten und Dörfern, in denen Fastnacht oder Karneval gefeiert wird.

Und dann gibt es noch diese merkwürdigen paar Tage, die "Zwischen den Jahren" genannt werden. Sozusagen eine Zwischen-Jahreszeit. Das sind die Tage zwischen Heiligabend und Neujahr. Nach den beiden Weihnachtsfeiertagen öffnen die Geschäfte wieder und die Menschen tauschen um, was sie von den gut gemeinten Weihnachtsgeschenken nicht gebrauchen können. Im Fernsehen laufen all die Kult-Filme, die jedes Jahr im Programm sind – da kann man mindestens auf sieben Kanälen an fünf Tagen "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" sehen, Ohrwurm-Effekt inklusive. 

Viele Firmen machen zwischen den Jahren Betriebsferien. Auch die Diakonie fährt runter. Beim Landesverband Diakonie RWL wird nicht gearbeitet, traditionell müssen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwischen Weihnachten und Sylvester Urlaub nehmen. Bei der Diakonie Recklinghausen, so berichtet Sprecher Michael Wiese, herrscht fast so etwas wie Winterschlaf. 

Seniorenpaar sitzt vor einem Weihnachtsbaum

Und was nun? "Runterfahren" und zur Ruhe kommen, ist gar nicht so einfach (Foto: Adel/pixelio.de)

Wenn die Diakonie runterfährt

Die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sind geschlossen. Ob im Altersheim oder im Kinderheim: Überall gibt es Advents- und Weihnachtsfeiern, später dann Silvesterpartys und Neujahrsgottesdienste. Aber dazwischen, so seine Beobachtung, "ist es ruhig und irgendwie anders".

Wer zu seinen Angehörigen nach Hause kann, macht das und umgekehrt: Angehörige besuchen die schwerkranken oder behinderten Menschen, die auf stationäre Pflege angewiesen sind. "Das sind besinnliche Tage, Tage des Nachdenkens", sagt der Öffentlichkeitsarbeiter, "da fließt wohl auch manche Träne." Größere Probleme beim Personaleinsatz sieht er nicht. Das ist alles lange geplant und abgesprochen. Eine religiös und kulturell gemischte Belegschaft bietet sogar besondere Chancen: Es kommt vor, dass muslimische Fachkräfte die Weihnachtsdienste übernehmen. Christliche Pflegekräfte können sich dann an hohen islamischen Feiertagen revanchieren. 

Gipsbein im Klinikzimmer

Statt unterm Tannenbaum im Klinikbett: Das sorgt für Frust  (Foto:  Ilka Funke-Wellstein/pixelio.de)

 

 

Zwischenzeiten – Seelsorgezeiten

Die Theologin Friederike Rüter leitet am Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der Evangelischen Kirche von Westfalen in Villigst den Fachbereich Seelsorge. Neben der Kirchengemeinde hat sie berufliche Stationen in der Psychiatrie und im Krankenhaus absolviert. Auch in einem psychiatrischen Krankenhaus sind die Tage vor Neujahr eine "Zwischenzeit", so hat sie es erlebt.

Weihnachten als Familien- und Konsumfest ist eine besondere Herausforderung für die Menschen, die nicht nach Hause können – weil sie kein Zuhause mehr haben oder weil sie aus medizinischen Gründen nicht zu ihren Familien dürfen. Zwischenzeit in einer Klinik bedeutet, dass in der Regel keine neuen Patienten aufgenommen werden. Weihnachten und Sylvester sind Zeiten, in denen Bilanz gezogen wird. Das kann schmerzhaft sein.

Auch für Betreuerinnen und Betreuer sind die Feiertage eine ganz besondere dienstliche Zeit. Der Schichtdienst muss aufrechterhalten bleiben in Häusern, in denen Menschen 24 Stunden am Tag und in der Nacht betreut werden. Friederike Rüter sieht die Feiertage als "Zeiten für Seelsorge". Dass ausgerechnet die frei und froh machende Botschaft von Weihnachten, vom Kommen Gottes in die Welt, es in dieser Zwischenzeit in manchem eher schwer hat – da sieht die Theologin eine Herausforderung.

Hauptsache, weit weg: Eine Postkarte vom Strand (Foto: Cornerstone/pixelio.de)

Schwebebahn ins neue Jahr

Zwischen den Jahren sind manche Menschen traurig, dass sie nicht zu Hause sein können. Für andere wird ihr Zuhause zur Bedrohung. Sie steigen in den Flieger, um ein paar Urlaubstage an fernen Stränden zu verbringen, da, wo die Sonne scheint, während der übliche deutsche Zwischen-den-Jahren- Winter mit seinem nasskalten Wetter uns Daheimgebliebene im Griff hält. Für mich sind diese Tage ein wenig so wie der Sonntagnachmittag, wenn die alte Woche noch nicht ganz vergangen und die neue noch nicht angefangen hat. Da bügle ich meine Hemden und lese einen Roman zu Ende. In den letzten Dezembertagen sind alle Jahresrückblicke längst durch. Aber der Neustart ins neue Jahr kann auch nicht früher und schneller erzwungen werden.

Der Philosoph und Bestsellerautor Wilhelm Schmid schreibt: "Die merkwürdigste Zeit des Jahres sind diese Tage des Nicht-mehr und Noch-nicht, dieser wundervoll schwebende Zustand 'zwischen den Jahren'." Schweben, das scheint mir ein gutes Stichwort. Diese Zwischenzeit zwischen den Jahren kann eine Art Schwebebahn ins neue Jahr sein. Eine gute Aussicht.

Text: Reinhard van Spankeren

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