29. März 2018

Diakonie gegen Armut

Teilhabe in kleiner Münze – Bilanz unserer Armutsreihe

Wie zeigt sich Armut in unserer Wohlstandsgesellschaft und was tut die Diakonie dagegen? Knapp ein Jahr waren wir im Verbandsgebiet der Diakonie RWL unterwegs, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Dabei wurde deutlich, dass sich Armut zwar unterschiedlich zeigt, die Ursachen aber ähneln. Und die Wohnungsnot inzwischen eine zentrale Rolle spielt.

Graffiti an einer Mauer

Blumen als Zeichen der Hoffnung in sozial benachteiligten Stadtteilen.

Ein erstes, nur scheinbar banales Ergebnis unserer Recherchen: Die Diakonie tut viel gegen Armut. Unsere Dienste und Beratungsstellen lassen die Armen nicht im Stich. Arme Menschen haben es schwer mitzuhalten in der "Arbeits-, Tüchtigkeits-, Leistungsgesellschaft" unserer Tage, um einen Begriff des bekannten Philosophen Richard David Precht zu verwenden.

Armut ist oft weiblich und hat einen Migrationshintergrund:  Die Rumänin Marianna Turi (rechts) fand mit Hilfe des Dortmunder Projekts "Willkommen Europa" einen Job.

Armut ist oft weiblich

Kleine Renten, Arbeitsunfälle, Überschuldung, fehlende Abschlüsse, chronische Krankheiten, Langzeitarbeitslosigkeit – all diese "Armutsrisiken", die die einschlägige sozialwissenschaftliche Forschung schon seit längerem erforscht und in nüchternen Statistiken und Sozialberichten zur Sprache bringt, konnten auch wir beobachten. Etwa, wenn wir journalistisch unterwegs waren bei Bahnhofsmissionen oder in Projekten für Wohnungslose, in ländlichen Gegenden mit mangelnder Infrastruktur oder in großstädtischen Quartieren mit einem hohen Anteil armer und zugewanderter Menschen. Oft - auch das ist keine neue Erkenntnis - hat Armut ein weibliches Gesicht und einen Migrationshintergrund.

Kinderarmut in einer reichen Stadt: Im Bonner Viertel Tannenbusch gibt es besonders viele arme Kinder.

Soziale Gerechtigkeit im Quartier

Die soziale Polarisierung wächst, so wird häufig postuliert. Ein weiteres Ergebnis unserer Reise durch Zonen der Armut und Stationen der diakonischen Armutsbekämpfung: Soziale Polarisierung zeigt sich vor allem als sozialgeografische Polarisierung. In Stadtteilen mit "besonderen Herausforderungen", so ein euphemistischer Terminus, wohnt und lebt es sich bedeutend schlechter als in den Vierteln der besser Betuchten. Arm und Reich begegnen sich immer weniger. Und in armen Kommunen können die ebenfalls armen Kirchengemeinden weniger für arme Menschen tun.

Wohnungnot betrifft immer mehr Rentner: Inge (rechts) lebt in der Frauenübernachtungsstelle der Diakonie Dortmund  (hier mit Sozialarbeitern Ilda Kolenda).

Wohnungsfrage als neue Armutsfrage

Die Wohnungsfrage in all ihren Facetten wird zur zentralen neuen Armutsfrage. Bezahlbarer, angemessener Wohnraum wird zur Mangelware – für Wohnungslose, für Kinderreiche, für Alleinerziehende, für Geringverdiener, für Menschen, die unter Hartz-IV-Bedingungen umziehen müssen.

Das gilt ebenso für Frauen, die in Frauenhäusern befristet unterkommen können, dann aber mit ihren Kindern an einem anderen Ort ein neues, sicheres Zuhause finden müssen. Ob in Saarbrücken oder Duisburg: Die Diakonie vor Ort müht sich um "soziale Gerechtigkeit im Quartier".

Täglich mit Armut konfrontiert: Sozialarbeiterin Marzia Micarelli ist "mittendrin" im Duisburger Viertel Neuenkamp.

Täglicher Überlebenskampf im Quartier

Keine Frage, Quartiersentwicklung und Gemeinwesenarbeit bilden eine wichtige Säule beim diakonischen Einsatz gegen Armut. Individuelle, pragmatische, konkrete Beratung, Begleitung und Unterstützung in Fragen der (Über)Lebensgestaltung sind eine weitere Säule diakonischer Armenhilfe.

Die Lebensform armer Menschen ist "von der Alltagslogik des muddling through" (Durchwurschteln) bestimmt, so der Soziologe Andreas Reckwitz in seiner großen Studie zur "Gesellschaft der Singularitäten". Das wissen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diakonischer Beratungsstellen schon lange. Sie agieren als Lebensbegleiter und Chancengeber bei diesem Kampf ums alltägliche Überleben.

Die Schuldnerberatung der Diakonie Köln hat zunehmend mit Altersarmut zu tun. (Foto: Doro52/pixelio.de)

Teilhabe praktisch

Wer nur wenig Geld zum Leben hat, muss umso vernünftiger damit umgehen können. Hier hilft die diakonische Schuldnerberatung.

Wer nach Schicksalsschlägen und Lebenskrisen ohne Obdach jahrelang auf der Straße gelebt hat, braucht die Kompetenz der kirchlich-diakonischen Wohnungslosenhilfe. Wer mit fehlenden Abschlüssen nur prekäre Beschäftigung findet, braucht Trainings- oder Bildungsmaßnahmen. Hier engagieren sich viele diakonische Träger.

Bildung gilt als beste Armutsprävention - Das Diakonische Werk an der Saar setzt deshalb auf die Förderung von Kindern und ihren Familien.

Hilfe zur Selbsthilfe

Der große, programmatische sozialethische Anspruch der "Teilhabe" setzt sich um in viele kleine Münzen der Lebensbegleitung, der Persönlichkeitsstärkung und der allmählichen Besserstellung für Kinder oder Flüchtlinge, für Psychisch Kranke oder Behinderte, für Straffällige oder vereinsamte Ältere. Unsere Beobachtung dazu: Die Diakonie wird in ihrer praktischen Arbeit zwei wesentlichen selbstgestellten Ansprüchen gerecht: Sie leistet Hilfe zur Selbsthilfe und sie hilft Menschen, die von anderen längst aufgegeben wurden und die sich selbst oft auch schon aufgegeben haben.

Verdeckte Armut auf dem Land: viele Menschen leben in großen Häusern, die sie von ihrer Rente kaum instand halten können.

Gegen soziale Isolation

Lässt sich also eine positive Bilanz ziehen? Die diakonischen Werke und Dienste nehmen Armut wahr. Fantasievoll und professionell suchen sie gemeinsam mit armen Menschen Wege aus Armut und Ausgrenzung. Integration durch Bildung und Arbeit – da liegen die Schwerpunkte des diakonischen Engagements. Verdeckte Armut, etwa Armut auf dem Land oder Armut im Alter, bleibt vor dem diakonischen Expertenblick nicht verborgen.

Gruppenbild

Unterwegs, um Hilfe anzubieten: Bahnhofsmissionen sind zu zentralen Anlaufstellen für Arme geworden. 

Orte der Begegnung wandeln sich

Mit ihrer Präsenz vor Ort leisten diakonische Dienste oft soziale Pionierarbeit. Ganz wichtig auch: Die Diakonie stellt Orte der Begegnung und der Gemeinschaft zur Verfügung. Das hat eine hohe Bedeutung, denn wer soziale Probleme hat, ist oft auch sozial isoliert. Dabei konnten wir feststellen, dass die Orte der Begegnung sich wandeln. So sind die Bahnhofsmissionen sind nicht mehr primär Reisehilfen für Menschen, die die Deutsche Bahn "mobilitätseingeschränkt" nennt. Immer mehr werden sie zu den zentralen Anlaufstellen für alle Probleme, die in Innenstädten anfallen. Damit sind sie aber im Grunde finanziell, personell und konzeptionell überfordert.

Menschen warten gedrängt in einer Schlange vor der Ausgabe von Dosen und Eiern

Das 25-jährige Tafeljubiläum hat eine neue Armutsdiskussion entfacht.  (Foto: Freie Wohlfahrtspflege NRW)

Verfestigte Armut

Im Großen und Ganzen ist die Nachrichtenlage in Sachen Armut leider unverändert. Die schlimme Hauptnachricht lautet: Armut verfestigt sich. Die gute Wirtschaftslage in Deutschland führt für sich genommen nicht dazu, dass Armut zu einer Randerscheinung würde, die man vernachlässigen könnte.

Die sozialen Dienste der Diakonie leisten viel, um Armut im Einzelfall zu lindern. In ihrem Einsatz gegen Armut stoßen sie aber allzu häufig und allzu sehr an strukturelle Grenzen. Wolfgang Biehl, der im Saarland 40 Jahre in Sachen Armutsprävention aktiv war, äußert sich enttäuscht von einer Politik, die letztlich "keinen Ansatz für eine längerfristige und effektive Armutsbekämpfung" hat. Wenn wir – vorläufig – unsere Startseiten-Serie "Diakonie gegen Armut" beenden, ist das gewissermaßen das Ende einer ersten Staffel, denn Herausforderung und Thema bleiben auf der Agenda. 

Text: Reinhard van Spankeren, Fotos: Sabine Damaschke

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