4. Februar 2021

Anerkennung sexualisierter Gewalt

Individuelle Zahlungen statt Pauschalen

Wer sexualisierte Gewalt in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen im Verbandsgebiet der Diakonie RWL erlitten hat, kann ab jetzt mit individuellen Zahlungen in Anerkennung seines Leids rechnen. Teresa Thater nimmt die Anträge bei der Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung (FUVSS) entgegen. Sie berät die Betroffenen.

  • Ein Mann tritt aus einer dunklen Kirche ins Licht (Foto: pixabay.de)

Warum ändert sich das Anerkennungsverfahren?

In der evangelischen Kirche wurde bisher unterschiedlich mit Anerkennungszahlungen an Betroffene sexualisierter Gewalt umgegangen. In der westfälischen und lippischen Landeskirche, die unsere Fachstelle gemeinsam mit der Diakonie RWL trägt, wurden pauschale Zahlungen von rund 5.000 Euro geleistet. In anderen Landeskirchen waren es  – je nach Schwere und Auswirkung des zugefügten Leids – individuelle Leistungen, die sich an Schmerzensgeld-Tabellen orientieren. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat auf ein einheitliches Verfahren gedrängt. Dem kommen die einzelnen Landeskirchen nun nach. Wir tun das seit Beginn dieses Jahres übrigens gemeinsam mit der rheinischen Kirche, so dass alle, die sexualisierte Gewalt in diakonischen und kirchlichen Einrichtungen oder Kirchengemeinden in unserem Verbandsgebiet erlebt haben, sich jetzt an eine Stelle wenden können.

Wer entscheidet über die Anträge?

Eine neu zusammengesetzte Unabhängige Kommission ist für die Sichtung und Bewilligung der Anträge zuständig. Das Gremium der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Lippischen Landeskirche und der Diakonie RWL besteht aus sechs Mitgliedern, die über traumatherapeutische, psychologische, pädagogische und juristische Qualifikationen verfügen. Das Gremium ist Ende Januar zu seiner ersten Sitzung zusammengekommen und wird nun regelmäßig tagen.

Diakonie RWL-Referentin Teresa Thater (Foto: Christian Carls/Diakonie RWL)

Diakonie RWL-Referentin Teresa Thater berät Menschen, die sexualisierte Gewalt in Kirche und Diakonie erlebt haben, und unterstützt sie bei der Antragstellung.

Wann erhalten Betroffene sexualisierter Gewalt eine Anerkennungszahlung?

Als Voraussetzung für die Prüfung eines Antrages gilt, dass die Betroffenen minderjährig waren, als sie sexualisierte Gewalt durch Mitarbeitende von Kirche und Diakonie in einer Einrichtung, zum Beispiel einem Kinderheim, oder in einer Kirchengemeinde, etwa im Rahmen einer Konfirmationsfreizeit, erlebt haben. Die Taten müssen verjährt sein, so dass kein Anspruch auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld gegen den Täter mehr möglich ist. Übrigens verstehen wir die Zahlungen nicht als "Entschädigung". Erlittenes Leid und Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden. Es kann aber gesehen und anerkannt werden.

Können auch diejenigen, die bereits eine pauschale Anerkennungszahlung erhalten haben, einen Antrag auf individuelle Leistungen stellen?

Ja, das können sie tun. Wir haben bereits im vergangenen Oktober rund 200 Betroffene, die schon einmal einen Antrag gestellt hatten, angeschrieben und auf das neue Verfahren hingewiesen. 110 von ihnen wollen erneut einen Antrag stellen. Viele begrüßen die Umstellung des Verfahrens, das ihr persönliches Leid stärker berücksichtigt und nun in allen drei evangelischen Landeskirchen gilt.

Sie helfen beim Ausfüllen der Anträge und beraten Betroffene über weitergehende Hilfen, etwa wenn es um Therapien geht. Wie erleben Sie die Menschen, die bei Ihnen anrufen?

Es gibt Betroffene, die sehr gefasst über das berichten, was ihnen in ihrer Kindheit oder Jugend passiert ist. Sie haben bereits therapeutische Hilfe in Anspruch genommen und erzählen mir von einem stabilen familiären Umfeld, das ihnen geholfen hat, das erlittene Leid zu verarbeiten. Anderen fällt es schwer über das Erlebte zu reden. Oft bin ich die erste Person, an die sich diese Menschen wenden. Selbst ihre Lebenspartner und ihre Kinder wissen nichts von ihrer Vergangenheit. Das berührt mich sehr. Mit ihnen führe ich sehr behutsame und lange Telefongespräche. Leider können wir in der Pandemie keine persönliche Antragstellung ermöglichen, wie wir es vor der Pandemie gemacht haben.

Wie kompliziert sind die Anträge?

Wir haben bei der Überarbeitung für das neue Verfahren darauf geachtet, die Fragen verständlich zu formulieren und auch Antwortmöglichkeiten vorzugeben, die dann noch mit persönlichen Anmerkungen ergänzt werden müssen. Oftmals sind solche Anträge ja sehr bürokratisch. Das wollten wir vermeiden. Für viele Betroffene ist es belastend, die Anträge auszufüllen. Mir ist es darum sehr wichtig, dass sie nicht alleine damit sind. Daher helfe ich dabei oder rate zumindest dazu, sie gemeinsam mit einem Therapeuten oder Angehörigen zu bearbeiten.

Die Menschen, die sich bei Ihnen melden, sind meistens schon im Rentenalter. Sie dagegen sind mit ihren 26 Jahren noch eine junge Mitarbeiterin der FUVVS. Wie reagieren Betroffene darauf?

Die Menschen, mit denen ich telefoniere, fragen selten nach meinem Alter. Aber wenn sie es tun, reagieren sie nett und verständnisvoll. Manche haben mir schon gesagt, dass sie es beeindruckend finden, dass ich mich als junger Mensch mit diesen belastenden Geschichten aus der Vergangenheit beschäftige. Das ist in der Tat emotional anstrengend. Aber ich finde es auch wichtig, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Das, was diesen Menschen passiert ist, darf sich nicht wiederholen. Deshalb sind wir bei der FUVSS auch präventiv unterwegs und erarbeiten mit kirchlichen und diakonischen Einrichtungen Schutzkonzepte. Diesen Teil meiner Arbeit mag ich besonders.

Das Gespräch führte Sabine Damaschke.

Ihr/e Ansprechpartner/in
Teresa Thater

FUVVS - Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung

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