2. Juni 2020

Digitalisierung in der Corona-Krise – Teil 3

Willkommen im virtuellen Klassenzimmer

Wer vor der Corona-Pandemie bereits eine Digitalstrategie hatte, kann in der Krise seinen Betrieb besser aufrechterhalten. Noch besser: Die geplante Strategie sogar vorziehen. Das Berufsförderungswerk Köln der Diakonie Michaelshoven hat genau das geschafft. Wie, das stellen wir im letzten Teil unserer Digitalisierungs-Reihe vor.

Rund 1.000 Auszubildende lernen plötzlich in der Pandemie rein digital. Statt in Klassenzimmern mit Tafeln, Tischen und Stühlen sitzen sie zuhause vor ihren Rechnern oder Tablets, hören den Lehrerinnen und Lehrern im virtuellen Klassenraum zu und tauschen sich darin aus. So sieht oder sah es im Berufsförderungswerk Köln bis vor kurzer Zeit aus. In der Corona-Krise hat das Werk seinen Betrieb innerhalb weniger Wochen auf rein digitales Lernen umgestellt. Seit Anfang Mai, mit den Lockerungen der Landesregierung NRW, fährt das Berufsförderungswerk seinen Präsenzunterricht langsam nach oben. Dennoch, es wird noch Wochen dauern, bis sich die Hälfte der Schüler wieder im Präsenzunterricht befindet, so das Werk.  

Karin Sauter, Leiterin der beruflichen Bildung und Fachdienste des Kölner Berufsförderungswerks und Mitglied der Geschäftsleitung.

Rein digital arbeiten - das geht nur mit einer guten Strategie, sagt Karin Sauter, Leiterin der beruflichen Bildung und Fachdienste des Kölner Berufsförderungswerks und Mitglied der Geschäftsleitung.

Wahnsinnstempo bei der Digitalisierung

Schon seit etwa 15 Jahren arbeitet das Berufsförderungswerk Köln mit der Lernplattform "ILIAS", welche von der Universität Köln als Open Source-Programm entwickelt wurde. Ohnehin sei es geplant gewesen, im Sommer 2021 auf diese Form des digitalen Lernens umzusteigen, so Karin Sauter, Leiterin der beruflichen Bildung und Fachdienste des Kölner Berufsförderungswerks und Mitglied der Geschäftsleitung. Die Teilnehmenden melden sich morgens bei ihren Ausbilderinnen und Ausbildern digital oder telefonisch. Dann wird das Pensum für den Tag besprochen und Besprechungs- und Präsentationszeiten festgelegt. Die Verteilung des Lernpensums über den Tag ist den Teilnehmenden überlassen. Das Lernen wird ergänzt durch Erklär-Videos und Materialien, die selbstständiges Arbeiten und Vorbereiten auf den Unterricht ermöglichen.

Mit "ILIAS" kann man Prüfungen durchführen, ein Studienprogramm erlaubt die Darstellung vollständiger Ausbildungsgänge, es gibt einen Datei-Upload per Drag&Drop, einen persönlichen Arbeitsraum und Tools zur Erstellung von Lern- und Übungsmaterialien für Wikis und Glossare. Seit 1998 nutzen Universitäten, Unternehmen, Schulen und der öffentliche Dienst die Lernplattform. "Jeder kann ILIAS kostenfrei nutzen und die weitere Entwicklung mitgestalten", schreibt der ILIAS-Verein auf seiner Website, den Machern der Plattform. 

"Innerhalb von zwei, drei Wochen, haben wir alle noch ausstehenden Lerninhalte auf die Lernplattform gebracht", erzählt Karin Sauter. "Das war ein Wahnsinnstempo." Und nur möglich, weil das Berufsförderungswerk schon vor der Krise eine Digitalstrategie hatte. 

Das Berufsförderungswerk Köln bietet etwa 800 Plätze für Umschulungsmaßnahmen im Rahmen einer beruflichen Rehabilitation an.

Das Berufsförderungswerk Köln bietet etwa 800 Plätze für Umschulungsmaßnahmen im Rahmen einer beruflichen Rehabilitation an.

Berufliche Rehabilitation der Gesellschaft

Die Schülerinnen und Schüler des Werks sind allesamt erwachsene Menschen zwischen 20 und 60 Jahren. Die meisten sind Mitte bis Ende 30. Sie alle lernen einen neuen Beruf. Das Berufsförderungswerk bietet etwa 800 Plätze für Umschulungsmaßnahmen im Rahmen einer beruflichen Rehabilitation für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen eine neue Arbeit lernen. Gründe dafür können beispielweise ein Arbeitsunfall oder psychische Vorerkrankungen sein. Dazu kommt das Berufskolleg Michaelshoven mit mehr als 500 Schülern und Studierenden für soziale und Gesundheitsberufe wie Erzieherinnen und Heilerziehungspfleger. Auch das Berufskolleg nutzt die Lernplattform ILIAS.

Insgesamt gibt es 28 Berufsförderungswerke in Deutschland, fünf davon in NRW. Die Kölner Einrichtung ist die einzige in Nordrhein-Westfalen, die von einem diakonischen Werk getragen wird. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen von der Deutschen Rentenversicherung (60 Prozent). An zweiter Stelle von der Agentur für Arbeit (40 Prozent). 

Nicht jeder hat ein Tablet oder einen Computer.

Nicht jeder hat ein Tablet oder einen Computer, den er für das Lernen und Arbeiten im Homeoffice nutzen kann. (Foto: pixabay)

Nicht jeder hat Internet-Anschluss 

Das Problem: Nicht jeder hat zuhause einen Internet-Anschluss oder ein Tablet. "Daraufhin haben wir Geräte aus dem Haus zur Verfügung gestellt, die mobiles Internet haben", sagt Karin Sauter. Teils gibt es eine spezielle Software in manchen Ausbildungsberufen, wie bei den Bauzeichnern, die CAD-Programme (CAD = eng. computer-aided design), also rechnerunterstütztes Konstruieren, benötigen – zum Beispiel zur virtuellen Darstellung von Bauteilen. Diese wurden ebenfalls für das Homeschooling zur Verfügung gestellt. "Wir rechnen damit, dass wir für eine längere Zeit das Online-Lernen benötigen werden. Dafür braucht es auch eine entsprechende Ausstattung zuhause", sagt Sauter. 

Gut, wenn man in der Corona-Krise ärztlichen Rat hat.

Gut, wenn man in der Corona-Krise ärztlichen Rat hat. (Foto: pixabay)

Gut lernen und gesund bleiben

Eine gute Digitalstrategie bringt einem wenig, wenn man nicht weiß, wie man gesund lernen kann und wer einem in der Krise hilft. Im Berufsförderungswerk Köln beraten vier Ärzte, 12 Psychologinnen und ein Team aus Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen standardmäßig die Teilnehmenden, die beispielsweise eine Umschulung wegen einer psychischen Erkrankung machen. Sie stehen durch mobile Geräte per Telefonie und Video-Chat aus dem Homeoffice heraus oder auf dem Campus kontinuierlich den Schülern und Schülerinnen zur Seite. Gleichzeitig konnten sie auch das Berufsförderungswerk selbst beraten: "Die Ärzte helfen uns bei der Umsetzung der Corona-Regeln, bei Meldungen von Verdachtsfällen und der Entwicklung eines Pandemieplans", berichtet Sauter.  

Beim Corona-Exit, bei dem es darum geht, wie die Menschen wieder langsam zurück ins Berufsförderungswerk kommen, ist das Fachwissen der Ärzte ebenso von Vorteil für das Bildungshaus.

Krise stärkt die Digitalisierung

"Die Krise ist schlimm, keine Frage. Aber sie stärkt und beschleunigt die Digitalisierung", betont Karin Sauter. "Jedem Mitarbeitenden ist klar geworden, dass sie ein wichtiges Instrument ist." Das Berufsförderungswerk Köln hat das digitale Lernen immer als Ergänzung in der beruflichen Bildung gesehen. Es wollte nie ein Online-Unternehmen werden. "Wir möchten den face-to-face Kontakt beibehalten."

Text: Christoph Bürgener, Fotos: Berufsförderungswerk Köln der Diakonie Michaelshoven, pixabay

Ihr/e Ansprechpartner/in
Christoph Bürgener

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, Social Media

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Hier informiert das Berufsförderungswerk Köln über die aktuelle Lage mit Fragen und Antworten in der Corona-Krise.

Das Berufsförderungswerk Köln bietet eine berufliche Rehabilitation und/oder Neuorientierung durch zahlreiche Ausbildungberufe, meist innerhalb von 24 Monaten, an – beispielsweise: Kaufleute für Büromanagement, Personalkauffrauen, Logistiker und Spediteure, Verwaltungs-Fachangestellte, Fachinformatikerinnen für Systemintegration, Elektroniker, Mechatroniker, Zahntechniker, Bauzeichnerinnen und Produktdesigner.