25. April 2017

Sexualität und Behinderung

Unterricht in Sachen Liebe

Zwischenmenschliche Beziehungen sind kompliziert – auch für Menschen mit Behinderungen. "Es ist gut, wenn wir unsere Gefühle kennen", sagt Daniela Djanic. Sie leitet einen Kurs für Menschen mit Behinderungen und spricht mit ihnen über Liebe, Freundschaft und Partnerschaft. Ein Gemeinschaftsprojekt  der Diakonischen Stiftung Wittekindshof,  der v. Bodelschwinghschen Stiftungen, der Lebenshilfe und pro familia – unterstützt von der Aktion Mensch.

pro familia-Kursleiterin Daniela Djanic

Nach dem langen Arbeitstag in der Behindertenwerkstatt sind sie alle erschöpft und müde. Doch diesen Kurs möchten Jens, Silke, Emanuel und Thomas, Dina und Bernd auf keinen Fall verpassen. Um mehr über "Liebe, Freundschaft, Partnerschaft" von pro familia-Kursleiterin Daniela Djanic zu erfahren, haben sie sogar zehn Euro Teilnahmegebühr von ihrem Taschengeld bezahlt.

Daniela Djanic arbeitet nicht nur bei pro familia, sondern auch in einer stationären Einrichtung der Stiftung Bethel für erwachsene Menschen mit hohem sozialen Integrationsbedarf. Das hat sie auf die Idee gebracht, diesen Kurs zum Thema "Liebe und Partnerschaft" für Menschen mit Behinderungen anzubieten im Rahmen des Projektes "ich! liebe". "Es hilft, wenn man die richtigen Wörter für die Gefühle findet", sagt sie. "Wir sprechen über alles, was die Teilnehmer zu den Themen Liebe und Sexualität auf dem Herzen haben und suchen gemeinsam Antworten."

Wann ist es Liebe?

Zum Beispiel auf die Frage, wann es bei einer Frau Freundschaft ist und wann Liebe. Das sei für ihn immer so schwer zu unterscheiden, gibt Jens zu. "Ich brauche hier mal Hilfe." Über alles andere, so betont er selbstbewusst, sei er gut informiert. Natürlich kennt er Verhütungsmittel. Das sei zwar ein langes schweres Wort, aber wofür sie gut sind, "das weiß ich genau".

Woran also merkt man, dass es nicht nur um Freundschaft, sondern um Liebe geht? "Blicke vielleicht, anlächeln oder lange telefonieren. Oder wenn man sich Komplimente macht", gibt Daniela Djanic als Anregung für das Gespräch in der Gruppe. Doch Jens schließt gleich die nächste Frage an. Er möchte unbedingt wissen, wo man eine Frau am besten ansprechen und für sich gewinnen kann. "Vor Ort gibt es zum Beispiel die Herzblatt-Party für Menschen mit Behinderungen. Vielleicht könnte das eine Gelegenheit sein?", schlägt Daniela Djanic vor.

Die Kursteilnehmer im Gespräch zu den Themen Liebe, Freundschaft und Partnerschaft

Von Sex, Streit und Eifersucht

Die Sozialarbeiterin weiß aus Erfahrung, dass es für behinderte Menschen nicht leicht ist, einen Partner kennenzulernen. "Aber viele wünschen sich das natürlich sehr. Da begleiten wir dann auch ganz individuell und persönlich." Es gebe ja kein Patentrezept und man biete dann auch Einzelberatung an.  "Da ist ein Austausch nur unter Männern oder nur unter Frauen manchmal hilfreich." Das gilt ebenfalls für das Thema Sexualität. "Sie ist für jeden Menschen anders und soll mit schönen Gefühlen zu tun haben. Deshalb ist es auch für Menschen mit Behinderungen wichtig, möglichst viel darüber zu wissen."

Wie aber geht man damit um, wenn man einen Korb bekommt? Oder wenn es Streit mit dem Menschen gibt, in den man sich verliebt hat? Diese Frage spricht Daniela Djanic anhand von Karten an. Das Bild des streitenden Ehepaars, das sie der Gruppe zeigt,  verstehen alle sofort. "Ich würde sagen, das ist die totale Ehekrise", meint jemand. Ob sie es kennen, so sauer zu sein, dass man sich nicht in die Augen schauen könne, fragt sie die Gruppe. Ja, das kennen alle. "Und worüber kann man sich streiten?" Auch da ist man im Bild. "Wenn die Frau zu viel Geld beim Shoppen ausgibt oder die Frau nicht kocht oder die Frau fremdgeht", lauten die Antworten der männlichen Teilnehmer.

Emanuel und Jens

Wie kann man sich entschuldigen?

"Was ist überhaupt fremdgehen?", hakt Daniela Djanic nach.  Alle überlegen. "Treffen ist ok, aber küssen auf den Mund, da ist die Grenze", meint einer.  "Und wann wird man als Partner eifersüchtig?" Dazu kann Thomas etwas sagen. Er ist mit Silke zusammen. Sie haben sich in der Werkstatt kennengelernt und leben jetzt in der gleichen Einrichtung. Aber jeder hat sein Zimmer. Thomas weiß, wer in der Einrichtung auch ein Auge auf Silke geworfen hat. Da passt er auf. Aber alle wissen ja, dass die beiden ein Paar sind.

"Und was kann man tun, um sich nach einem Streit wieder zu beruhigen?", fragt die Beraterin. Auch hier gibt es Vorschläge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer: „Aus dem Zimmer rausgehen, Türen knallen, schreien“, lauten die Antworten.  „Und wie kann man sich entschuldigen, wenn man selber merkt, oh, das war nicht gut?“ Hingehen und sich entschuldigen, ist ein Vorschlag, den man dann im Rollenspiel einfach mal übt.

Doch nicht nur das „richtige Streiten“ will geübt sein. Auch das Nein-Sagen fällt so manchen Kursteilnehmern schwer.  "Man küsst, berührt und umarmt nur, wen man mag", betont Daniela Djanic. Immer und zu jeder Zeit dürfe man sagen, was man nicht will, erklärt die Beraterin der Gruppe.  Auch gegenüber den Betreuern. Denn manchmal platzen sie einfach ins Zimmer, obwohl ein Paar dort gerade ungestört sein möchte.

Betreuer müssen anklopfen

Thomas und Silke haben ein Türschild, auf dem "Bitte nicht stören" steht.  Denn auch Menschen mit Behinderung haben das Recht auf ihre Privatsphäre. Was das Wort bedeutet, erklärt  Daniela Djanic anschaulich. Jeder Mensch habe das Bedürfnis, ungestört mit einem anderen Menschen zusammen zu sein oder auch alleine sein zu wollen. Das sollten die Betreuer respektieren. "Sie müssen anklopfen und dürfen nicht ins Handy gucken", sagt ein Teilnehmer. Auch die Chats mit der Freundin sind schließlich Privatsphäre.

Doch erst mal so weit kommen, eine Freundin zu finden! Gegen Ende des  Kurses denkt Jens laut darüber nach, wie es für ihn persönlich weitergehen kann. Ein Flirt-Kurs wäre gut. "Lass uns mal einen Flirt-Coach einladen", schlägt er Daniela Djanic vor. Doch das Schild "Bitte nicht stören" - das hätte er auch gerne.  Dann kann er schon mal damit anfangen, die  Betreuer an seine Privatsphäre zu gewöhnen.

Text und Fotos: Sabine Portmann

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Sabine Portmann
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