8. März 2018

Internationaler Frauentag

Frauenbeauftragte in Werkstätten - Mit Behinderung stark für andere

Weltweit feiern Frauenorganisationen am 8. März den Internationalen Frauentag. Vor über 100 Jahren entstand er im Kampf um Gleichberechtigung, Wahlrecht für Frauen und die Emanzipation von erwerbstätigen Frauen. In diesem Jahr haben die weiblichen Beschäftigten der Werkstätten einen guten Grund mitzufeiern. Im Herbst 2017 konnten sie erstmals Frauenbeauftragte wählen. Das Bundesteilhabegesetz hat es möglich gemacht.

Astrid Tremblau, Frauenbeauftragte im Frauenheim Wengern

Keine Frage, Frauenrechte zu schützen und Frauen zu stärken, liegen Astrid Tremblau, Svenja Müller und Martina Hauser am Herzen. Dennoch haben sie länger überlegt, ob sie sich um das Amt einer Frauenbeauftragten im Frauenheim Wengern bewerben sollen. Immerhin handelt es sich um einen neuen und verantwortungsvollen Job, für den sie vier Jahre freigestellt werden. Dafür sei viel Energie und Tatkraft nötig, meint Astrid Tremblau, die unter Depressionen leidet. "Manchmal fühle ich mich traurig und habe das Gefühl nicht gemocht zu werden", gibt sie zu. Dass ihr so viele Beschäftigte dieses Engagement zugetraut haben, hat sie ermutigt und gefreut.

Martina Hauser (links) und Svenja Müller am Arbeitsplatz in der Werkstatt.

Seit Oktober ist Astrid Tremblau nun Frauenbeauftragte und Svenja Müller ihre Stellvertreterin. Als Besonderheit gibt es im Frauenheim Wengern, einer Einrichtung der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen, zusätzlich auch eine Frauenbeauftragte für den Wohnbereich – Martina Hauser. Alle drei sind angetreten, weil sie Frauen mit Behinderung stärken und besser vor Gewalt schützen wollen. Schon seit Jahren ist das bundesweit ein großes Thema in allen Werkstätten und Wohnheimen. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums werden Frauen mit Behinderung zwei- bis dreimal häufiger Opfer von Gewalt als andere Frauen.

Die Gruppe "Mutig und stark" hat die Frauen selbstbewusst gemacht.

Lernen, Nein und Stopp zu sagen

Bei Belästigungen, Mobbing, Missbrauch und anderen Formen der Gewalt oder Diskriminierung können sich die weiblichen Werkstatt-Beschäftigten nun an ihre für vier Jahre gewählten Frauenbeauftragten wenden. "Ich habe Gewalt auch in meiner Familie erlebt", erzählt Martina Hauser. Sie hat gemeinsam mit ihrer Tochter ihren damaligen Mann wegen körperlicher Übergriffe verlassen.

In der Gruppe "Mutig und stark" des Frauenheims Wengern habe sie erstmals gelernt, Nein und Stopp zu sagen, berichtet die Frauenbeauftragte. Ohne die Frauengruppe, die von Sozialarbeiterin Sandra Förster begleitet wird, wäre sie vermutlich heute nicht so selbstbewusst, meint Martina Hauser. Aus der Gruppe ist auch ein Frauenchor entstanden, der Anti-Gewalt-Lieder auf Deutsch und Englisch einübt und vorträgt. "Die Musik befreit richtig", betont Astrid Tremblau, die zu diesem Chor gehört. Die Frauengruppe "Mutig und stark" wurde von Anfang an von der GESINE-Frauenberatung EN begleitet. Sie wurde in der Anti-Gewalt-Arbeit des Frauenheims neben der Arbeitsgruppe der Beschäftigten 2014 als Gruppe von betroffenen Frauen gegründet.

Sozialarbeiterin Sandra Förster

Männerdomäne Werkstatt

Sozialarbeiterin Sandra Förster hat die Frauen ermutigt, sich im Oktober letzten Jahres um das neue Amt zu bewerben. In allen bundesweit rund 680 Werkstätten mussten im Herbst Frauenbeauftragte gewählt werden. So schreibt es das neue Bundesteilhabegesetz vor. Jetzt unterstützt Sandra Förster die Frauenbeauftragten als Vertrauensperson. Etwa, wenn es darum geht, Protokolle zu schreiben, an Beiräten teilzunehmen und fit im Umgang mit dem PC zu werden. Schließlich gehört es zu den Aufgaben der Frauenbeauftragten, sich einmal im Monat mit der Werkstatt-Leitung zu treffen und zu überlegen, ob etwas geändert werden muss.

Frauen sind in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen oft eine Minderheit.

In der Werkstatt des Frauenheim Wengern mit Betriebsstätten in Wetter-Wengern und Wetter-Schöntal mit insgesamt 160 Arbeitsplätzen sind zu 75 Prozent Frauen und zu 25 Prozent Männer beschäftigt. Dies ist ungewöhnlich, denn bundesweit sind die mehr als 125.000 Frauen mit Behinderungen in den Werkstätten oft eine Minderheit. In der Stiftung Wittekindshof zum Beispiel machen sie nur knapp 35 Prozent der Belegschaft aus. Die Wahlen zur ersten Frauenbeauftragten in der Geschichte der Werkstätten hätten schon im Vorfeld zu Veränderungen geführt, meint Diakonin Kathrin Harre vom Sozialdienst der Wittekindshofer Werkstätten.

Die Frauenbeauftragte der Wittekindshofer Werkstätten Ekaterina Nilogow (links) und ihre Stellvertreterin Claudia Spyksma

Frauen wollen mit Frauen sprechen

"Wir hören jetzt viel häufiger, dass Frauen lieber mit Frauen sprechen wollen. Einige sind schon immer sehr selbstbewusst aufgetreten, aber jetzt spürt man, dass noch mehr Frauen den Mut haben, ihre Wünsche und Ideen, aber auch ihre Beschwerden und Probleme anzusprechen." Das will die neue Frauenbeauftragte Ekaterina Nilogow weiter fördern. Sie werde sich dafür einsetzen, dass „wir Frauen die gleichen Arbeiten wie die Männer machen", erklärte sie in ihrem Vorstellungsvideo und fügte selbstbewusst hinzu: "Uns wird manchmal gesagt, dass wir das nicht können, dass man uns das nicht zutraut, weil das zu kompliziert ist. Aber das ist nicht der Fall."

Ekaterina Nilogow hatte mit Abstand die meisten Stimmen der über 300 wahlberechtigten Frauen mit Behinderung erhalten, die in den sieben Betriebsstätten der Wittekindshofer Werkstätten in Bad Oeynhausen, Löhne und Espelkamp arbeiten. Die 29-Jährige erledigt Verpackungs- und Montagearbeiten.

Die neuen Beratungsräume für die Frauenbeauftragten sind schon eingerichtet.

Männern selbstbewusst begegnen

Astrid Tremblau, Svenja Müller und Martina Hauser arbeiten in der Hauswirtschaft. Dort sind sie ausschließlich mit Frauen zusammen. Doch auf dem angeschlossenen Bio-Hof der Einrichtung mit Metzgerei arbeiten auch viele Männer. Denen begegnen sie eher in der Freizeit. Auch da ist Selbstbewusstsein gefragt. Martina Hauser erzählt von ihren Erfahrungen außerhalb der Einrichtung und im Alltag. Sie sei schon an der Bushaltestelle und auch im Bus sexuell belästigt worden. Da müsse man laut werden und damit drohen, die Polizei zu rufen, rät sie. Sie habe das auch schon ausprobiert.

Das Team der Frauenbeauftragten mit Vertrauensperson Sandra Förster im Frauenheim Wengern.

Ihre Erfahrungen möchte sie jetzt als Frauenbeauftragte weitergeben und den Frauen zuhören, wenn sie Probleme haben. Damit nicht jeder direkt sieht, wer sich bei den Frauenbeauftragten Rat holt, haben die Beratungsräume in Wengern extra einen eigenen Eingang. Was dort besprochen wird, bleibt auch da. "Wir haben Schweigepflicht", betont Astrid Tremblau. Sie freut sich auf die Arbeit und hat sich vorgenommen, sich auch selber ein dickeres Fell zuzulegen und selbstbewusster zu werden. Besonders froh ist sie, dass sie in Wengern nicht allein ist. Die Frauenbeauftragten sind ein gutes Team und machen sich gemeinsam stark für Frauen.

Text: Sabine Portmann, Fotos: Sabine Portmann, Stiftung Wittekindshof, Teaserfoto: Diakonie Deutschland

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