3. August 2017

Inklusion – Gute Beispiele

Auf die leichte Tour - Mit Gästebegleitern der Diakonie durchs Museum

Eigentlich arbeiten Christian Maissner und Christopher Bialluch in den Werkstätten der Diakonie Recklinghausen. Doch seit einigen Wochen haben sie einen Nebenjob. Die beiden Männer leiten Besucher durch das Schiffshebewerk Henrichenburg. Sie haben sich zu Gästeführern in Leichter Sprache ausbilden lassen. Bei den Museumsbesuchern kommen sie gut an.

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Christopher Bialluch und Christian Maissner (l) beginnen ihre Führung vor der Museumskarte

Die Einweihung des Schiffshebewerks Henrichenburg in Waltrop bei Datteln war 1899 ein Mega-Ereignis, an dem Kaiser Wilhelm II. teilnahm. Wilhelm sei so etwas wie ein Popstar gewesen, erzählt Christian Maissner, der durchs heutige Industriemuseum führt.

"Von überall her waren die Gäste angereist. Er wurde gefeiert wie heute Britney Spears." Als Beleg zeigt er ein Foto von damals mit dem letzten deutschen Kaiser. "Cool!", ruft eine Zuhörerin. Maissner aber findet den früheren König von Preußen im Rückblick gar nicht so cool. Gerade einmal 45 Minuten sei der bei der Einweihung geblieben. "Ein bisschen unverschämt", sagt Maissner.

Der 42-Jährige und sein Kollege Christopher Bialluch nehmen sich für Gäste mehr Zeit, als sie einst der Kaiser übrig hatte. Unter dem Titel "Auf die leichte Tour" führen sie die insgesamt zehn Frauen und Männer fast eineinhalb Stunden lang über das Gelände des Westfälischen Landesmuseums für Industriekultur Schiffshebewerk, das heute zum Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gehört.

Kurze Sätze, keine Fremd- und Fachwörter

Das Angebot ist eine Kooperation des LWL-Museums mit dem Diakoniewerk Recklinghausen. Insgesamt sieben Frauen und Männer aus den Recklinghäuser Werkstätten haben sich in den vergangenen eineinhalb Jahren zu sogenannten Gästeführern ausbilden lassen. Die Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen arbeiten normalerweise im Garten- und Landschaftsbau, in der Holz- und Metallverarbeitung der Werkstätten oder an einem integrativen Arbeitsplatz. 

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Christian Maissner nimmt sich Zeit für die Fragen der Besucher

Die Museumsführung in Leichter Sprache richtet sich an Menschen mit Lern- oder Leseschwierigkeiten. Leichte Sprache bedeutet, dass kurze Sätze mit einfachen Begriffen verwendet werden, auf Fremd- und Fachwörter wird möglichst verzichtet. Auch Kinder und Erwachsene aus Flüchtlingsheimen haben schon an den Führungen teilgenommen, da sie diese einfache Form des Deutschen besser verstehen.

Details und Daten mit Unterhaltungswert

Startpunkt ist eine Karte vom Gelände. "Wir sind hier!", sagt Maissner und zeigt erst auf die alte, dann auf die neue Schleuse. 190 Meter lang. Platz für zwei Schiffe. "Diese Schleuse - das ist so ein Fahrstuhl für Schiffe. Dann können sie vom Dortmunder Hafen bis zur Nordsee hochfahren", erklärt er den gebannt lauschenden Zuhörern.

Kollege Christopher Bialluch übernimmt, versucht zu erläutern, wie das funktioniert mit dem Trog, den Schwimmschächten, dem Ober- und Unterwasser. Das ist schon komplizierter, jemand fragt aus der Gruppe: "Ich habe das noch nicht verstanden. Könnt ihr das noch mal erklären?" Geduldig gehen Maissner und Bialluch darauf ein. Die Zwei ergänzen sich gut. Der eine mag es humorvoll, ein begabter Unterhalter. Der andere legt Wert auf Details und Daten. 

Frau vor einem Wasserkasten mit Miniaturschiff

Nicht nur etwas für Kinder: am Modell ausprobieren, wie das Schiffshebewerks funktioniert

Mit Unsicherheiten umgehen lernen

2015 hatte das Diakoniewerk Recklinghausen die Gästeführer-Jobs in den Werkstätten ausgeschrieben. 14 Interessenten hatten sich gemeldet, sieben sind geblieben. In einer mehrmonatigen Schulungsphase bereiteten sie sich auf die neue Aufgabe vor, arbeiteten heraus, welche Fähigkeiten benötigt werden, lernten das Schiffshebewerk Henrichenburg genau kennen. Hilfestellung erhielten sie unter anderem von Museumspädagogin Annette Kritzler. "Schwierig war es, den Schleusenprozess verständlich zu machen und auf das Wesentliche zu reduzieren", erinnert sie sich.

In Probeführungen mit unterschiedlichen Gruppen legten Christopher Bialluch, Christian Maissner und die anderen Fünf nach und nach die Scheu ab, vor Menschen frei zu sprechen. Zudem lernten sie, Wissen abzurufen und mit Unsicherheiten umzugehen. "Ich bin überrascht, wie sie es mit ihrer Kreativität schaffen, Lücken zu überbrücken", lobt Kritzler das Team "Leichte Sprache". Während die Männer und Frauen in ihrem Alltag häufiger mit Defiziten zu kämpfen hätten, könnten sie bei den Museumsführungen mit einem Wissensvorsprung glänzen.

Die Gruppen gut "im Griff"

Maissner und Bialluch binden gern die Zuhörer aktiv mit ein. So dürfen die an einer Station selbst Schleusenwärter spielen und solange Wasser umfüllen, bis das kleine Modellschiff vom Ober- ins Unterwasser fahren kann. "Dürfen wir das auch nochmal rückwärts machen?", fragt ein Teilnehmer. Klar, dürfen sie!

Den beiden gefällt es, immer wieder neue Gesichter zu sehen, ins Gespräch kommen. "Anfangs waren wir ja schon ein bisschen aufgeregt", bekennt Maissner, "man muss gut darauf achten, dass die Gruppe zusammenbleibt, dass niemand stört und dazwischen quatscht." Mittlerweile habe er "alles im Griff", sagt der 42-Jährige und deutet mit einer lässigen Handbewegung seinen Gästen den Weg zur nächsten Station.

Text: Julia Bernewasser (epd); Fotos: Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen

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Sabine Damaschke
Presse- und Medienarbeit
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