20. Mai 2020

Werkstätten für Menschen mit Behinderung

Wiedereröffnung in kleinen Schritten

Die wegen der Corona-Pandemie verhängten Betretungsverbote für die Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind aufgehoben. Die ersten Beschäftigten gingen wieder ihrer Arbeit nach - doch bis alle zurückkommen dürfen, wird es noch dauern.

  • Alltag in der Ausnahmesituation: Egal, wie schwer beeinträchtigt die Menschen sind, im "eeWerk" der Stiftung Eben-Ezer in Lemgo gibt es für alle eine Aufgabe.
  • Dichtes Zusammenarbeiten wird es erst einmal nicht geben: Eine Betreuerin arbeitet eine Frau mit Behinderung an ihrem neuen Arbeitsplatz ein. (Foto: Shutterstock)
  • Türschild einer geschlossenen Werkstatt in Bethel

"Wann können wir endlich wieder arbeiten?" Diese Frage bekam Gerlinde Woyna in den vergangenen Wochen von den behinderten Beschäftigten oft zu hören. Als Bereichsleiterin in den Werkstätten "proWerk" der v. Bodelschwinghschen Stiftungen in Bielefeld-Bethel ist sie für die Strategie zum Neustart nach fast acht Wochen coronabedingter Schließung zuständig. Im Zuge der ersten Lockerungsmaßnahmen in Nordrhein-Westfalen nahmen die ersten Werkstätten am 11. Mai ihren Betrieb wieder auf, die übrigen folgen am Montag. 

In Bethel, das zu den größten diakonischen Werken Europas zählt, kehren vorerst rund 850 von 2.400 Menschen mit Behinderungen an ihre Arbeitsplätze zurück. "Wir sind froh, für einen großen Teil der Beschäftigten ein Stück Normalität ermöglichen zu können", sagt Woyna. Viele hätten sehr unter der fehlenden Tagesstruktur und der sozialen Isolation gelitten. Von ihnen müsste leider eine große Zahl erstmal weiter in ihren Wohnbereichen beschäftigt werden. "Aufgrund der Abstandsregeln haben wir derzeit nicht genug Platz für alle", erklärt die Bereichsleiterin.

Plexiglaswände zwischen den Arbeitsplätzen

"ProWerk" richtet sich bei der Wiedereröffnung nach Vorgaben des Robert-Koch-Institutes (RKI) und des Bundesarbeitsministeriums: Abstand halten ist oberstes Gebot, Beschäftigte müssen sich regelmäßig die Hände desinfizieren. Vor Arbeitsbeginn wird Fieber gemessen und gefragt, wie es ihnen gesundheitlich geht.

In den Werkstatträumen sind Laufwege markiert und, wo nötig, wurden Plexiglaswände zwischen den Arbeitsplätzen angebracht. Pausenzeiten habe man entzerrt, damit sich die Arbeitsgruppen nicht mischen, erläutert Woyna. Ihre Masken müssten Beschäftigte und Betreuungspersonal nur aufsetzen, wenn zum Beispiel der Abstand von 1,5 Metern aufgrund einer Pflegesituation nicht eingehalten werden könne. 

Diakonie RWL-Referentin Petra Welzel

Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben: "Es ist gut, ihnen dieses Recht jetzt wieder zu gewähren", sagt Petra Welzel.

Ein Viertel der Beschäftigten ist zurück bei der Arbeit

Die Öffnung der Werkstätten erfolge überall in kleinen Schritten, betont Diakonie RWL-Referentin Petra Welzel. Dem Verband gehören 20 Werkstätten evangelischer Träger an, in denen rund 17.000 behinderte Menschen in Beschäftigung oder Ausbildung sind. Durchschnittlich ein Viertel der Belegschaft sei in der ersten Woche nach Aufhebung des Betretungsverbots erschienen, so die Referentin im Diakonie-Zentrum für Teilhabe, Inklusion und Pflege. In den kommenden Wochen wolle man die meisten Beschäftigten zurückholen. Das hänge unter anderem davon ab, wie viel Raum der einzelne Betrieb habe. 

"Menschen mit stärkeren Einschränkungen, die die neuen Regeln nicht verstehen und das Abstandsgebot nicht einhalten können, werden in den Werkstätten zunächst noch nicht wieder arbeiten können", macht Welzel deutlich. Für sie müssten individuelle Lösungen gefunden werden, was bedeuten könne, dass mehr Betreuung nötig sei. Die Werkstätten hofften, dass diese Sorgfalt im Umgang auch finanziert werde, sagt die Referentin.

"Wir setzen bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz auch auf Freiwilligkeit", sagt Welzel. Die Menschen sollten sich auch selbst einschätzen, ob sie etwa einer Risikogruppe angehören. Wer in der jetzigen Situation noch nicht wiederkommen will oder kann, bekomme dennoch sein Arbeitsentgelt, so die Referentin.

Klar abgegrenzte Arbeitsplätze gibt es bereits in vielen Werkstätten: Die Mitarbeitenden mit Autismus haben  im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum des Diakoniewerks im Kirchenkreis Recklinghausen ihre festen Tische.

Werkstatt für Autisten: Hier sind Abstand halten und saubere Arbeitsplätze schon lange Alltag.

Schutzkonzept in Leichter Sprache

Bei den Diakonischen Werkstätten in Minden erschienen am 11. Mai direkt nach Aufhebung des Betretungsverbots 150 der 1.050 Beschäftigten wieder zum Dienst, berichtet Geschäftsbereichsleiter Mark Westermann von der Diakonie Stiftung Salem. Zwei Tage später seien es etwa doppelt so viele gewesen, nachdem auch der Fahrdienst wieder hätte starten können. 700 der Arbeitskräfte wohnen zuhause. 

Am Wochenende vor dem Neustart habe man allen Beschäftigten ein zehnseitiges Schutzkonzept in Leichter Sprache per Post zugeschickt, um sie auf die neue Situation am Arbeitsplatz vorzubereiten, erzählt Westermann. Zusätzlich haben die Mitarbeitenden ein Dokument mit Regeln zum Schutz vor Corona, ebenfalls in Leichter Sprache, erhalten. Davor habe ein Teil des Betreuungspersonals die Menschen zuhause und in den Wohnheimen aufgesucht, um Arbeitsangebote neu zu organisieren. Noch sei offen, wie Personen mit erhöhtem Pflege- und Betreuungsbedarf wieder integriert werden können.

Gut strukturiert: Jeder Arbeitsplatz wird während der Corona-Pandemie vorbereitet und regelmäßig desinfiziert.

Gut vorbereitet: Jeder Arbeitsplatz wird regelmäßig desinfiziert.

Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben

Auch die Mindener Werkstätten folgen den RKI-Richtlinien. Beispielsweise dürfen Sanitärräume jeweils nur von einer Person gleichzeitig betreten werden, auf den Fluren und vor den Speisesälen stehen Handdesinfektionsmittel, nach Schichtende wird jeder Arbeitsplatz desinfiziert. Masken müssen am Arbeitsplatz jedoch nicht getragen werden, da "unsachgemäßer Gebrauch" des Mund-Nasen-Schutzes schnell zu Gefährdungen der Menschen führen könne, sagt Westermann. In den kommenden Tagen zeige sich, ob die Abstandsregeln befolgt werden. 

"Das Mitte März plötzlich verhängte Betretungsverbot für die Behindertenwerkstätten war für viele Beschäftigte ein Drama", sagt Diakonie-Referentin Welzel. Sie halte die Maßnahme zwar gerechtfertigt, um die Corona-Infektionskette zu unterbrechen. Doch hätten auch Menschen mit Behinderungen ein Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben: "Es ist gut, ihnen dieses Recht jetzt wieder zu gewähren."

Text: Thomas Krüger (epd), Fotos: Lina Hoffmann, Silke Tornede und Shutterstock

Ihr/e Ansprechpartner/in
Petra Welzel
Referent/in

Bundesteilhabegesetz

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Schutzkonzept in Leichter Sprache
Die Diakonie Stiftung Salem hat ein eigenes Schutzkonzept für die Mitarbeitenden in den Werkstätten entworfen. In dem zehnseitigen Dokument wird anschaulich und mit zahlreichen Bildern beschrieben, wie Abstände eingehalten werden können und welchen Eingang die Angestellten nutzen sollten. Zusätzlich hat die Diakonie Stiftung Schulungsunterlagen in Leichter Sprache entworfen. Die Unterlagen beantworten Fragen, wie: Wie viel Abstand sind zwei Meter? Und wie wasche ich mir meine Hände richtig? Die Materialien werden kontinuierlich optimiert. Die neuste Version des Schutzkonzepts finden Interessierte unter: www.diakonie-stiftung-salem.de.