3. Dezember 2019

Tag der Menschen mit Behinderung

André Klaus hat es geschafft

Knapp 90.000 Menschen mit Behinderung arbeiten in Nordrhein-Westfalen in einer Werkstatt. Viele von ihnen träumen davon, einen festen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt zu finden. Doch nur wenigen gelingt es. Zum Internationalen Tag für Menschen mit Behinderung stellen wir einen Mann vor, der es geschafft hat: André Klaus arbeitet bei einem großen Bochumer Getränkehersteller. Vom Integrationsfachdienst der Diakonie Ruhr wurde er gut auf seinen Job vorbereitet.

André Klaus greift nach der falschen, leeren Sprudelflasche und tauscht sie mit einer fließenden Handbewegung aus. Abgefüllt werden gerade nur die grünen Flaschen, da hat eine weiße nichts im Getränkekasten zu suchen. Die Flaschensortierung der Bochumer Herzog-Quelle ist der Arbeitsplatz von André Klaus. Hier ist der 30-Jährige in seinem Element: Schon hat er die nächste weiße Flasche gegen eine aus Grünglas getauscht. Inzwischen Routine für André Klaus.

Allerdings ist es alles andere als selbstverständlich, dass der Bochumer dort im Produktionsbereich der Herzog-Quelle am Förderband steht. "Ich habe eine Behinderung", erzählt er. Deshalb arbeitete der junge Bochumer seit dem Jahr 2008 in der Werkstatt Constantin. Denn er gehört zu der Gruppe Menschen, die einen erhöhten Förderbedarf haben. Sie benötigen mehr Unterstützung als andere. Nur wenige von ihnen schaffen es derzeit auf den ersten, den regulären Arbeitsmarkt. André Klaus ist einer von ihnen. Und er ist zu Recht stolz darauf, es geschafft zu haben.

In Nordrhein-Westfalen gibt es 104 Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Im vergangenen Jahr 2018 arbeiteten dort insgesamt 80.918 Menschen (MAGS NRW).  Foto: Diakonie Ruhr

Inklusion – Keine Sache für die Privatwirtschaft?

Auch zehn Jahre nach der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention, die einen inklusiven Arbeitsmarkt verlangt, haben es Menschen mit Behinderung auf dem deutschen Arbeitsmarkt schwer. Zwar sind private und öffentliche Arbeitgeber mit mehr als 20 Arbeitsplätzen verpflichtet, wenigstens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen. Doch insbesondere in der Privatwirtschaft zahlen Arbeitgeber lieber eine Pflichtabgabe als Menschen mit Behinderung einzustellen, wie der Arbeitslosenreport NRW für 2018 belegt. 

"Es gibt immer noch nicht genug Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen", betont Petra Welzel, Expertin für das Bundesteilhabegesetz bei der Diakonie RWL. "Zumal sie oft auch nicht wissen, welche möglichen Vorteile sie daraus ziehen könnten. Unsere Erfahrungen zeigen, dass sich das soziale Miteinander im Betrieb verbessert und Menschen mit Behinderungen auch sehr zuverlässig sind."

Aus Sicht von Reinhard Joswig, Mitarbeiter beim Integrationsfachdienst Bochum und Herne, gibt es einige Ansatzpunkte, wie mehr Menschen aus den Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln könnten. So gebe es die Möglichkeit, ein Erprobungspraktikum zu absolvieren. Dadurch könnten sich Menschen mit Behinderungen über einen längeren Zeitraum auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ausprobieren. Zudem müssten mehr Arbeitgeber das Wagnis eingehen, einen Werkstattmitarbeiter auszubilden.

André Klaus konnte vor rund zweieinhalb Jahren ein Langzeitpraktikum bei der Herzog-Quelle als "Außenarbeitsplatz" seiner Werkstatt starten. Sie hätten mit ihm ein einen "tollen, zuverlässigen Mitarbeiter" gefunden, betont Olaf Kersten, stellvertretender Betriebsleiter der Herzog-Quelle. Foto: Diakonie Ruhr

Vom Praktikum in die feste Stelle

"Zunächst waren wir schon etwas skeptisch, ob das alles klappt", gibt der stellvertretende Betriebsleiter der Herzog-Quelle, Olaf Kersten, zu. Die Zusammenarbeit sei nicht immer ganz so einfach. Das Familienunternehmen bietet Menschen mit Handicap regelmäßig Praktika an. Aber sie könnten auch nicht jeden einstellen, gibt Olaf Kersten zu bedenken. Schließlich gehen von den Maschinen und Gabelstaplern mitunter erhebliche Gefahren aus. Die müssten die Mitarbeitenden einschätzen und mit ihnen umgehen können. Wenn es aber, wie im Fall von André Klaus passt, dann will man in der Herzog-Quelle Menschen eine Chance geben.

Auch André Klaus konnte vor rund zweieinhalb Jahren ein Langzeitpraktikum bei der Herzog-Quelle als sogenannten "Außenarbeitsplatz" seiner Werkstatt starten. Sie hätten mit ihm einen "tollen, zuverlässigen Mitarbeiter" gefunden, betont Olaf Kersten. Bis dieser Punkt erreicht war, hat es allerdings schon eine Weile gedauert. "Für solche Projekte braucht man Zeit", erklärt der stellvertretende Betriebsleiter. Ein kurzes Praktikum von wenigen Wochen sei definitiv der falsche Weg. "Es dauert halt, bis beide Seiten erkennen, ob und wie es miteinander klappt." Nach gut einem Jahr in der Herzog-Quelle hat André Klaus im März dieses Jahres dann die Initiative übernommen: "Ich fühle mich wohl hier. Ich möchte nicht mehr weg", schrieb er per Whatsapp an Olaf Kersten.

"Ich habe sympathische Chefs und tolle Kollegen. Alle respektieren mich, wie ich bin", sagt André Klaus über seine neue Arbeit. Foto: Diakonie Ruhr

Integrationsfachdienst unterstützt

Das war die Initialzündung. "Ich helfe dir. Wir finden einen Weg", war die spontane Antwort des stellvertretenden Betriebsleiters inklusive zwei Daumen hoch-Emojis. Reinhard Joswig kam ins Spiel: "Ich habe André Klaus näher kennengelernt, einen Bericht über ihn und seine Arbeit hier im Unternehmen erstellt", so der Mitarbeiter vom Integrationsfachdienst der Diakonie Ruhr. Er und seine Kollegen unterstützten André Klaus und Olaf Kersten in den kommenden Wochen bei ihrem Vorhaben "Fester Arbeitsplatz bei der Herzog-Quelle".

Nun ist André Klaus auf dem ersten Arbeitsmarkt angekommen. "Ich habe sympathische Chefs und tolle Kollegen. Alle respektieren mich, wie ich bin." Das gibt ihm das Gefühl, einer von ihnen zu sein. "Und, wenn ich mal etwas wegen meiner Einschränkung nicht kann, dann unterstützen mich die anderen immer", ergänzt André Klaus und nimmt sich den nächsten Sprudelkasten vor. Wieder eine falsche Flasche drin. Wieder tauscht der 30-Jährige sie im Nu.

Text: Diakonie Ruhr/ Sabine Damaschke. Foto: Diakonie Ruhr

Ihr/e Ansprechpartner/in
Petra Welzel
Referent/in

Bundesteilhabegesetz

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Wenn Sie ein Arbeitgeber sind, der sich dafür interessiert, Menschen mit einer Behinderung zu beschäftigen, dann können Sie sich an den Integrationsfachdienst, kurz Ifd, ihrer Stadt wenden. Dieser berät Arbeitgeber sowie die Betroffenen. Sei es im Übergang von der Schule ins Arbeitsleben, von einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, beim allgemeinen Übergang in den regulären Arbeitsmarkt oder bei Problemen am Arbeitsplatz. 

Übergangsmanagement: Von der Werkstatt in den allgemeinen Arbeitsmarkt

Der Integrationsfachdienst (IFD) Bochum und Herne arbeitet im Auftrag des LWL-Inklusionamtes Arbeit: Er unterstützt Beschäftigte mit Behinderungen, wenn diese den Sprung aus der Werkstatt in den allgemeinen Arbeitsmarkt versuchen wollen. Zur Vorbereitung werden sogenannte Erprobungspraktika durchgeführt. Die Integration in ein Arbeitsverhältnis wird gemeinsam intensiv vorbereitet und begleitet. Der IFD arbeitet dabei eng mit den anerkannten Werkstätten für Menschen mit einer Behinderungen in Bochum und Herne zusammen. Der IFD berät und unterstützt Arbeitgeber, die einen Menschen mit einer schweren Behinderung anstellen – auch nach der Vermittlung. Das ist für die Menschen mit Behinderung sowie die Arbeitgeber kostenlos.