3. Dezember 2018

Tag der Menschen mit Behinderung

Mitmachen und sichtbar sein

Der heutige Welttag der Menschen mit Behinderung rückt das Thema Inklusion in den Mittelpunkt. Auch wenn in Sachen Teilhabe schon viel passiert ist, gilt das für Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen oft nicht. Die diakonische Stiftung Eben-Ezer in Lemgo will das ändern: In der Werkstatt "eeWerk" finden sie nicht nur einen Arbeitsplatz. Die Stiftung geht auch ungewöhnliche Wege, um ihnen Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen.

Zwei Frauen stehen an der Bushaltestelle

Gemeinsam geht's: Christina S. (rechts) und Christiane Henties auf dem Weg zum Fitnessstudio

Christina S. hat sich bei ihrer Begleiterin untergehakt und marschiert mit zügigen Schritten Richtung Haltestelle. Es ist Mittwoch, kurz vor 10 Uhr – der Tag, an dem ein eeWerk-Team immer mit dem Bus zum Blumengießen in einem Fitnessstudio nach Lemgo bei Bielefeld fährt.

Heute darf Christina S. den Job übernehmen. Die Begeisterung ist ihr anzusehen, und auch auf die kleine Anerkennung danach freut sie sich schon riesig. "Dann gibt es Kaffee", sagt die 31-Jährige strahlend. Seit ihrer Geburt hat sie eine sogenannte Intelligenzminderung. Sie lebt in einer Wohngruppe der Stiftung und arbeitet bei "eeWerk" in einer Montageabteilung, verpackt und sortiert dort unterschiedliche Produkte für die Industrie.

Blick in die Werkstatt

Christina S. freut sich, wenn sie die Montageabteilung für ihren Job im Fitnessstudio ab und zu verlassen kann.

Schwerst-mehrfach behinderte Menschen im Blick

Die diakonische Stiftung Eben-Ezer in Lemgo gehört zu den großen stationären Behinderten-Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Rund 1.000 Menschen werden in der Region Lippe in einer stationären oder ambulanten Einrichtung oder zu Hause betreut. Insgesamt leistet Eben-Ezer Dienste für rund 3.500 Menschen. Die 1862 gegründete Stiftung ist Mitglied der Diakonie RWL.

Bei "eeWerk" arbeiten rund 500 Beschäftigte in unterschiedlichsten Bereichen, mehr als 40 Prozent davon sind Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen. Sie haben wie Christina S. in allen Lebensbereichen einen hohen Assistenzbedarf. „Ein überdurchschnittlich großer Anteil“, sagt Leiter Markus Toepffer. Genau das aber zeichnet eeWerk aus. Zur Philosophie gehört es, sich im Besonderen für diesen Personenkreis stark zu machen.

Blick in die Werkstatt

Egal, wie schwer beeinträchtigt die Menschen sind, im "eeWerk" gibt es für alle eine Aufgabe.

Individuelle Unterstützung

Selbstverständlich ist das nicht. Oft werden Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen, für die der Schritt in den Arbeitsmarkt undenkbar ist, erst gar nicht in Werkstätten integriert und sind zumindest in anderen Bundesländern kaum in der Arbeitswelt zu sehen. Das läuft bei eeWerk anders. Hier arbeiten diese Menschen ihren Fähigkeiten entsprechend in den Betriebsstätten mit, von der Metall- und Holzverarbeitung bis zum Garten- und Landschaftsbau. Es gibt individuelle Unterstützung, ausreichend Pausen und Hilfen, bis hin zur 1:1 Anleitung – auch wenn das sehr personalintensiv ist.

"eeWerk" geht aber noch einen Schritt weiter. Eine Projektgruppe hat sich Gedanken gemacht, wie Menschen mit schwersten Behinderungen auch außerhalb der Stiftung am öffentlichen Leben teilhaben und arbeitsnahe Tätigkeiten erledigen können. Der Blumen-Gieß-Dienst ist eine Idee, die daraus entstanden ist.

Zwei Frauen gießen eine Palme im Fitnessstudio

Blumen gießen im Fitnessstudio - diese Aufgabe macht Christina S. (links) viel Spaß.

Rein ins Leben

Mitarbeiterin Christiane Henties koordiniert mit Kollegen das Projekt und begleitet heute Christina S. Beide sind gerade im Fitnessstudio TeVita des TV Lemgo angekommen, streifen die blauen Überzieher über die Schuhe, füllen eine Gießkanne mit Wasser und legen los. Pflanze um Pflanze wird mit Wasser versorgt, Christina S. macht das sichtlich Spaß.

Trotzdem braucht sie bei jedem Schritt Unterstützung. Das ist zeitintensiv, gibt Christiane Henties zu. Dennoch sei es den Mitarbeitern wichtig, dieses Extra möglich zu machen. "Die Menschen leben und arbeiten immer in ihren vier Wänden. Wenn sie raus kommen, gibt es so viel Neues für sie zu entdecken."

Frühstücksmobil

Brötchen ausfahren - das wird beim "eeWerk" auch Menschen zugetraut, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben.

Brötchenservice und Gemeindebriefe

Auch Markus Toepffer ist überzeugt, dass diese Außen-Kontakte bereichernd sind – für Behinderte genauso wie für die Gesellschaft. "Wenn man weiß, wer alles in der Gesellschaft lebt, entwickelt man eine Souveränität, mit der Vielfalt und mit Menschen mit Einschränkungen umzugehen. Hier können wir als Werkstätten dazu beitragen, Menschen erkennbar zu machen, die sonst nicht im Sozialraum vorkommen." 

Inklusion leben, Begegnungen möglich machen – das passiert in Eben-Ezer auch an anderen Stellen. So tragen Beschäftigte bei "eeWerk" zum Beispiel für Kirchengemeinden in Lemgo und Detmold-Pivitsheide Gemeindebriefe aus. Etabliert hat sich auch ein Brötchenservice. Hier verteilen Beschäftigte mit hohem Unterstützungsbedarf vorbestellte belegte Brötchen innerhalb der Stiftung.

Zwei Frauen sitzen im Bus

Aufgabe erledigt - Christina S. und Christiane Henties fahren mit dem Bus wieder zur Werkstatt.

Den inklusiven Weg weiter gehen

Im Sportstudio sind derweil alle Pflanzen gegossen und Christina S. genießt ihren Cappuccino, den sie sich heute verdient hat. Dass regelmäßig Menschen aus Eben-Ezer vorbeikommen, sei für die Mitglieder völlig normal, erzählt Studio-Mitarbeiterin Frederike Pook. "Finde ich mehr als toll, denn das gehört zum Leben." 

Die Reaktionen seien überwiegend positiv, bestätigt Christiane Henties, auch wenn einige im ersten Moment unsicher oder irritiert sind, wenn eine Frau mit Handicap ganz unbefangen fragt: "Na, machst du heute Sport?" Es sind kleine Schritte, dessen ist sich auch Chef Markus Toepffer bewusst. Aber es ist ein Anfang, und "eeWerk" will diesen inklusiven Weg weiter gehen.

Text und Fotos: Silke Tornede

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Im Bereich der Diakonie RWL bieten 20 Werkstätten für Menschen mit Behinderung Teilhabe am Arbeitsleben für Frauen und Männer, die nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können. Dort finden auch schwerst und mehrfach behinderte Menschen die Möglichkeit, einem Arbeitsalltag nachzugehen. Zwar wird von ihnen erwartet, dass sie "ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung" erbringen. Doch in NRW wird dieses Mindestmaß so ausgelegt, dass es fast jedem Menschen möglich ist, es zu erbringen. Dieses NRW-Modell bringt natürlich auch Schwierigkeiten, vor allem finanzieller Art, für Werkstätten und Kostenträger mit sich. Dennoch ist es ein Schritt mehr in Richtung Inklusion.  (Petra Welzel)